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Kultur
12/05/2011

Weltschmerz mit Peter Alexander

1990 traf die Kolumnistin Marga Swoboda Peter Alexander. Es wurde eine berührende Geschichte.

Draußen klebt der Dreck am Laub, ist die Luft ranzig, schleppen blasse Kinder ihre Schultaschen heim. Drinnen, im Séparée vom "Schreiberhaus", sitzen Daddy und Schnurrdiburr, und Daddy sieht alles andere als glücklich aus. Wie lang wird die Welt noch stehen, ist die Frage, Gorbi weiß es nicht, Vranz weiß es nicht, und Peter Alexander ist auch ratlos. Und grantig, zornig. Der Welt geht die Luft aus, die Erde ist bankrott, und die letzten Kröten in der Au müssen freigekauft werden wie politische Geiseln. Stocksauer ist Peter Alexander, auf die Industrie, die gewissenlose, und außerdem ist er verkühlt. Hilde Alexander ist resolut. Sieht viel jünger aus als auf Fotos, weil auf Fotos sieht man ja nicht ihre rasanten Bewegungen und hört nicht, na klar, ihre unverbrauchten Sätze.

Auf Fotos sehen Falten immer nur wie Falten aus. Die Umwelt, darüber ist man sich gleich einig, ist am Verrecken. Unklar bleibt, warum Brunnenvergifter aus der Industrie und die Lahmärsche in der Politik nicht einmal an ihren eigenen Enkelkindern irgendwas begreifen. Menschliche Idiotie? Größenwahn? Peter Alexander fallen die guten alten Dinosaurier ein; so mächtig, so stark, und dann einfach ausgelöscht, und er hält es nicht für ausgeschlossen, dass es mit uns auch noch so weit kommen wird. Schöner Mist, in den wir da hineinmarschieren am hellen Nachmittag; da mag das Schweinsbratl nicht mehr so recht schmecken und da hat der millionenfach bewährte Unterhalter plötzlich ein Gesicht wie ein Charakterdarsteller.

"Es gibt aber nicht nur Friedfische, sondern auch Piranhas"

Peter Alexander, das muss man wissen, ist ein Krebs, und als solcher immer in Gefahr, mit dem Leben und der Welt viel Hader zu haben. Hilde hingegen, die Muntere, bekennt, ein Fisch zu sein, von gutmütiger Wesensart also. "Es gibt aber nicht nur Friedfische, sondern auch Piranhas", sagt Peter, und aus dem Nichts heraus vollzieht sich somit ein zärtlicher, kleiner Ehe-Sketch, und er, der eben noch so düster dreinsah, lacht endlich, wiewohl wir beim Thema bleiben wollen und wissen, dass es nichts zu lachen gibt (Umwelt).

Vor 38 Jahren gab es noch, in jeder Hinsicht, unkeusche Unschuld. Man hatte Hunger im Bauch, aber auch andere prickelnde Gefühle; das große Gulasch zum Gnadenpreis von einem kleinen, kredenzt im "Rauchfangkehrer", bleibt unvergesslich, und die Frauen waren noch "geheimnisvolle, erotische Wesen, die man erst knacken musste", erinnert sich Peter mit einem ziemlich eindeutigen Blick an Hilde.

Hilde ihrerseits erinnert sich daran, immer schon gewusst zu haben, dass der Taumel der Lüste in etwa die Sache von einem Jahr nur sein kann. "Eineinhalb", sagt Peter mit der Treue des lebenslänglich Verliebten. "Danach aber, also von mir aus nach eineinhalb Jahren, kommt das Aufwachen respektive die Wirklichkeit", sagt Hilde. Wir kommen somit zu sprechen auf ausgefallene Formen des Umweltschutzes: Dass man also, beispielsweise, nicht kreuz und quer durch die Gelegenheiten huren sollte, sondern treu und sauber bleiben. Was nützt die Mülltrennung im Kolonia-Kübel, wenn jede zweite Ehe zum Wegschmeißen ist? "Glauben Sie bloß nicht, dass bei uns nie die Fetzen geflogen sind", sagt Hilde. Wenn zwei beisammen sind, versteht es sich doch von selbst, dass der eine den anderen manchmal an die Wand picken möchte.

Ja, da hätten sie und er doch schon oft das Handtuch werfen müssen." Die Zeit ist so unerotisch geworden", klagt Peter. Ellenbogensex und kurzatmige, unreife Partnerschaften. Die Altersgenossen von Alexander-Tochter Susi: Als Jungdreißigerinnen schon geschieden oder lebensmüde arrangiert in würdelosen Eheverträgen. "Susi denkt", sagt Hilde, "sehr kritisch übers Kinderkriegen und die Ehe nach. Sich einlassen drauf? Auf die Zukunft bauen in einer Welt, die bald eine einzige Müllhalde sein wird?" Susi wurde, wir wollen das schnell wieder vergessen, vor ein paar Jahren an den Haaren über die Titelseiten geschleift, wegen einer fürwahr alltäglichen Drogengeschichte, die nun buchstäblich Schnee von gestern ist. Susi hat nur leider Pech, die Tochter von Peter Alexander zu sein, sonst hätte kein Hahn danach gekräht.

Aber schon in der kleinsten Erinnerung daran kommt traurige Wut auf, bei Daddy, und das ist wirklich das Letzte, was wir haben möchten.
Nur das gehört dringend noch auf den Tisch: Dass Hilde Alexander damals zu einem deutschen Chefredakteur sagte: "Sie Schweinehund, in Ihren Kreisen saugt man das Koks à la carte von Biedermeierschälchen, und Sie wollen unsere Tochter durch den Dreck ziehen, Sie Schweinehund!" Hat sie gesagt. Man mag sie gleich noch mehr, wenn man das weiß.

Glaube an das Gute

Vor 38 Jahren hatten Hilde und Peter ja keine Ahnung, was an Erfolg und Wickeln noch auf sie zukommen würde. Von einem fröhlichen Leben geträumt, drei Jahre auf einen Opel gespart und sich dann gewundert, als mit Peter die Post abging. Wie frisches Quellwasser perlten seine Lieder aus allen Ingelen-Radios. Und in seinen Filmen fuhr immer ein einsames, kleines Automobil durch den heilen Tann und dann der Sonne entgegen. Die Vespas, die Käfer und die jungen Frauen - alle waren sie schön und unschuldig, und kein Mensch hätte je gedacht, was aus ihnen noch werden könnte.

Nein, sagt Peter, mit all dem Mist von heute habe er nicht im Traum gerechnet. Die Kinder und die Karriere wuchsen in allem Anstand heran, die Ehe blieb unbefleckt von Affären und die Flüsse sahen so aus, als ob man ewig fischen könnte in ihnen. Wenn Peter heute seine Angel zum Beispiel unterhalb der Polsmündung in die Mur hängt, dann beißen nicht einmal mehr die Ratten an, weil die sind auch schon ertrunken in der Kloake. So schaut's aus. Und wer ist schuld an allem? Ja, die Industrie. Und wir? Und Sie, Herr Alexander, was haben Sie falsch gemacht? Und wann sind Sie aufgewacht?

Peter hat es, samt Hilde, immer nur gut gemeint, und die Millionen Menschen, die seine Lieder liebten, auch. Die meisten hatten noch hundsgemeine Erinnerungen an den Krieg in den Knochen, sie suchten die Idylle und das kleine Glück. Aufbau und Vollbeschäftigung, wer hätte sich etwas Unanständiges dabei gedacht. Die Flüsse begannen ja nicht von einem Tag auf den anderen zu stinken, und der Boden ging nicht von heute auf morgen kaputt. Mit den Kindern war es ähnlich: Viele Eltern merkten viel zu spät, was aus ihnen geworden war. Einsame Geschöpfe, sitzengelassen auf dem Geld der Alten. - "Peter", sagt Hilde, "ist immer ein strenger Vater gewesen." Hilde hat sogar manchmal Zigaretten gepafft, um im Kreis ihrer Teenagertochter cool und easy dazustehen. Der Michael, inzwischen Banker, herzensgut, verheiratet und Vater von zwei Kindern, hat seine frühen Eroberungen der Mutter vorgestellt und nicht dem Vater, dem kritischen. Schönheit vergeht, Dummheit bleibt - mehr hat sich Hilde nie eingemischt. Heute ist er mit einer bezaubernden, gescheiten Frau verheiratet. Heute kommen sie alle miteinander sehr gut aus, und dass alles ziemlich gut gegangen sei, muss viel mit der Kraft von Hilde zu tun haben und mit Peters andächtigem Glauben ans Gute.

Peter redet nicht sehr gern

Das Aufwachen ist ihm dennoch in keiner Hinsicht erspart geblieben. Was die Umwelt betrifft, die allgemeine, so sind ihm die Lichter ganz plötzlich vor zirka zehn Jahren aufgegangen. Ein jäher Zorn sei ihm eingeschossen - die Ölpest, das Ozonloch, die sterbenden Delphine, die erstickenden Wälder, die toten Flüsse. Und was macht ein ohnmächtiger Mensch wie du und ich oder Peter, wenn er plötzlich dasteht und die Welt aufhalten möchte und nicht kann?

Peter hat nachzudenken begonnen, und heimlich zu spenden, und Lieder zu schreiben und seine Idylle zu riskieren. Er will nicht mit verbundenen Augen von den blühenden Bäumen singen, und er will es den Politikern und den Industriechefs richtig hineinsagen, mit der ganzen Kraft und Glaubwürdigkeit eines Idols, das in Jahrzehnten keinen einzigen Kratzer abbekommen hat. Er ist ja der Unterhaltungsprofi in deutschsprachigen Landen schlechthin, und in seiner Hosentasche hat ein ganzes Dutzend Pop-Fuzzis Platz. Sein Appell im Fernsehen, die Au und das Land nicht verrecken zu lassen, hat sogar die Schnulzen-abstinente "AZ" tief im Herzen gerührt ("Danke, Peter"); ein triviales Gemüt wie unsereins sowieso.

Peter redet nicht sehr gern, und viel weniger als Hilde. Aber er muss jetzt, da ihm das Messer in der Hosentasche aufgegangen ist, auch den Mund aufmachen. Ihm, dem man immer das Heitere glaubte, wird man auch glauben, dass wir auf dem Pulverfass sitzen. "Übermorgen können wir schon hin sein, weil ein Atomkraftwerk in die Luft geht", sagt Hilde. Da haben wir es, und da sitzen wir trotzdem noch auf unseren Hinterteilen, statt ... ja, was eigentlich, zu tun. Jedenfalls sagt Peter, jetzt bloß nicht aufhören, sondern richtig Gas geben. Allen die Hölle heiß machen, aber wie. Wahrscheinlich wird die Natur noch etliche scharfe Warnschüsse abgeben müssen, ehe die Umkehr stattfindet. Da ein kleiner AKW-Zwischenfall, dort ein Smogalarm, hier ein totes Stück Land - wird das genügen?

Hilde tut dem Peter auch in der Umweltfrage gut. Die Kraft ist bei ihr immer größer als die Verzweiflung, und mit falscher Romantik hat sie nichts am Hut. Der gutmütige Fisch wir zum Piranha, wenn er was zu kämpfen hat. Da geht auch der Krebs aufs Ganze. Die Verkühlung scheint wie weggeflogen. Der Humor kommt zurück, den man ja gerade in schlechten Zeiten nicht verlieren soll. Die Welt steht noch, immerhin, und der Kampf beginnt erst. Es gilt kein Heucheln und kein Zähneknirschen. "Ich bin nicht abgenutzt als Revoluzzer", sagt Peter. Und dass er auf die Barrikaden will.

Zum Abschied wenden wir uns noch kurz den kleinen Sorgen des Daseins zu. Dass Hilde und Peter seit zehn Jahren ihr Haus in Wien suchen und nicht finden. Dass sie überall auf der Welt eingeladen wären, aber nicht hingehen, weil er daheim bleiben möchte. Dass sie überhaupt noch nie Urlaub hatten und sich schon langsam leidtäten, hätten sie Zeit dazu. Und dass der Job, der größte Unterhalter zu sein, auch nicht die leichteste aller Hacken ist. Dann gehen sie, beide im Trenchcoat, ums Eck heim miteinander. Dunkel ist es inzwischen geworden; man sieht den Dreck auf den Bäumen nicht mehr.

Der Artikel ist am 17.11.1990 in der freizeit erschienen.

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