Kultur
05.12.2011

Weegee dokumentierte nächtliches New York

Dem Fotografen Weegee ist erstmals eine Retrospektive in Wien gewidmet: Brillante Bilder aus New York um 1940 in der Galerie Westlicht.

Er war ein Reporter, wie er im Buche steht: Hut, Zigarre, verwegener Blick - so präsentierte sich Arthur Fellig alias Weegee, wenn die Kamera ausnahmsweise einmal auf ihn gerichtet war. Normalerweise war er es jedoch, der mit Linse und Blitzlicht auf die Menschen zukam, ja zuraste. Seine Bilder entstanden nicht nur schneller als jene der Konkurrenten, sondern auch rascher, als die meisten Leute brauchten, um empört zurückzuschrecken. Außer natürlich, sie waren bereits tot.

Werkschau

Das Wiener Foto-Zentrum Westlicht widmet dem unverschämten wie brillanten Meister der Reportagefotografie nun eine Retrospektive, die allererste in der Bundeshauptstadt. Möglich wurde sie durch die Leihgabe des Schweizer Sammlerehepaars Auer: Sie erwarben vor 25 Jahren einen Schatz von rund 500 Weegee-Fotos im Tausch gegen ein Haus in Paris.
Rund die Hälfte dieser Bilder sind nun ausgestellt, der Fokus liegt auf der Arbeit der Jahre 1935 - '45, in denen Weegee scheinbar pausenlos in den Straßen von New York unterwegs war, immer auf der Suche nach Bildern. Durch einen Kurzwellenempfänger im Kofferraum seines Autos war der Fotograf in der Lage, den Polizeifunk abzuhören und oft noch vor den Beamten dort zu erscheinen, wo die "Action" war: An Mordschauplätzen, bei Bränden, Unfällen, Verhaftungen.
Doch Weegee fotografierte auch das Leben in Lokalen, in Kinos (wo er Pärchen beim Schmusen überraschte) oder in Privatwohnungen (wo er etwa die Auftritte von Stripperinnen dokumentierte). Die Zusammenschau seiner Bilder konserviert in unvergleichlicher Weise die Atmosphäre New Yorks um 1940, mit all ihren Abgründen und Widersprüchen.

Kontraste

Besucher der Metropolitan Opera erscheinen bei Weegee teils hässlicher als Obdachlose, Schriftzüge im Hintergrund entpuppen sich als bissige Kommentare zum Geschehen: So fiel Weegee an der Fassade eines brennenden Hauses etwa der Werbeslogan "Simply add boiling water" ("Einfach kochendes Wasser zufügen") auf, hinter einer überfahrenen Leiche eine Werbung für den Film "Joy of Living" ("Freude am Leben").
In den 1940er-Jahren, als "Weegee The Famous" seine Bilder nicht mehr nur in Zeitungen, sondern auch in Büchern und Ausstellungen zeigte, nutzte er
die Kraft solcher Gegenüberstellungen und Wort-Bild-Konstellationen verstärkt aus. Die Ausstellung, kuratiert von Rebekka Reuter, trägt diesem Umstand Rechnung: Sie erlaubt nicht nur, einen Foto-Klassiker kennenzulernen, sondern auch, zwischen den Bildern zu lesen.

Retrospektive: Bis 12. Februar 2012

Der Fotograf: Weegee (Aussprache "Widschi", eigtl. Arthur Fellig) wurde 1899 in der Ukraine geboren, seine Familie emigrierte 1910 in die USA. Dort erarbeitete er sich einen Ruf als Fotograf für Boulevardzeitungen. 1945 erschien sein Buch "Naked City". Als Erfolgsrezept gab er an: "Sei du selbst. Und bleib die ganze Nacht wach." Weegee starb 1968.
Die Schau: bis 12.2.2011, Westlicht, Westbahnstraße 40, 1070 Wien. Di., Mi., Fr. 14- 19 , Do. 14- 1, Sa.-So. 11- 19 Uhr.

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