Kultur
02.05.2018

Warum FPÖ-Wähler Medien oft misstrauen

© Bild: EPA/FELIPE TRUEBA

Kommunikationswissenschaftler Jakob-Moritz Eberl über den Mythos der „linken Presse“ und die aktuelle Medienpolitik.

KURIER: Viele meinen, dass Medien zu einseitig berichten und politisch beeinflusst seien. Warum ist das so?

Jakob-Moritz Eberl: Medienvertrauen hat meist wenig mit den tatsächlichen Inhalten der Berichterstattung zu tun. Vor allem Personen, die extreme politische Einstellungen vertreten, nehmen Medien eher als parteiisch wahr. Denn die ausgewogene Darstellung eines Ereignisses oder Themas ist so weit von ihrer eigenen Wahrnehmung entfernt, dass sie diese als parteiisch ansehen.

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In Ihrer Dissertation haben Sie herausgefunden, dass hierzulande FPÖ-Wähler weniger Vertrauen in Medien haben.

Ja, das liegt unter anderem daran, dass es ihnen von ihrer Partei so kommuniziert wird. In Großbritannien ist Medienmisstrauen etwa eher ein linkes Phänomen. Das wichtigste Thema der letzten Jahre war dort der Brexit. Reichweitenstarke Medien haben sehr für den Brexit argumentiert, viele Linke waren dagegen. Sie haben an diesem Thema ihr Medienmisstrauen festgemacht. In Österreich und Deutschland hat das Medienmisstrauen hingegen vor allem 2015, mit der Flüchtlingskrise und der Pegida-Bewegung, einen neuen Höhepunkt erreicht.

Warum genau zu diesem Zeitpunkt?

Die Flüchtlingsbewegung in Europa war in den Medien das sichtbarste Ereignis der vergangenen Jahre und eines, von dem sich viele persönlich betroffen gefühlt haben. Das Problem ist: Die eigene, oft sehr emotional aufgeladene Meinung wird nie dem entsprechen, wie ein Journalist berichtet. Denn Medien sollten verschiedene Standpunkte zeigen, abstrahieren und das große Ganze sehen. Das kommt bei Menschen mit extremen Einstellungen nicht gut an. Wenn dann noch verschiedene Politiker kommunizieren „Die lügen dich an!“, sagen viele „Ja, ich sehe das auch!“ und übernehmen das unhinterfragt. Aber auch Medien haben hier Fehler gemacht, Stichwort: Silvesternacht in Köln.

Den Mythos von der „linken Presse“ gibt es aber bereits länger. Warum?

Diese Vorwürfe gibt es schon seit Jahrzehnten und sie sind in den USA noch ausgeprägter als in Europa. Aber bei Pauschalisierungen muss man immer vorsichtig sein. Wissenschaftliche Forschungen haben jedenfalls noch keine handfesten Beweise für diese These liefern können.

In Österreich sind Journalisten tatsächlich eher Grün-Wähler.

Das stimmt, das zeigt der „Journalisten-Report“, eine Studie vom Medienhaus Wien aus 2008 und 2010. Wenn Journalisten einer Partei nahestehen, dann eher den Grünen (nämlich ein Drittel). Ein weiteres Drittel fühlt sich dezidiert keiner Partei nahe. Heute würden wahrscheinlich auch die Neos eine Rolle spielen. Ähnliche Untersuchungen gibt es auch in Deutschland und den USA und das ist ein Totschlagargument, das oft in sozialen Medien verwendet wird. Warum gibt es unter Journalisten viele Grün-Wähler? Journalisten haben häufig studiert und ihnen sind Medienpolitik und Medien wichtig. Wer hingegen immer von der eigenen Partei hört, die Mainstream-Medien seien schlecht, wird wohl auch nicht in diesem Bereich tätig. Die politische Einstellung von Journalisten ist aber kein ausreichendes Argument für die vermeintliche Existenz der „linken Presse“. Denn als Journalist muss man von der eigenen politischen Person abstrahieren können. Das ist ein Grundpfeiler der journalistischen Ausbildung und Berufsethik – und im Gegensatz zu vielen „Journalisten“ in sogenannten alternativen Medien bekommen Journalisten in traditionellen Medien eher eine solche Ausbildung und lernen ihr Handwerk.

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Die FPÖ ist seit Dezember in der Regierung und damit Teil jener Elite, die sie oft kritisiert. Die Angriffe auf die Elite „Medien“ sind seitdem nicht weniger geworden.

Ganz im Gegenteil. Sie sind teilweise noch untergriffiger und pauschaler geworden. Hätte die FPÖ aufgehört, Signale dieser Art an ihre Wähler zu senden, würde sich die Situation langsam entspannen. Die FPÖ ist Teil der politischen Elite, es gibt aber noch zwei andere Eliten, die eine populistische Partei weiter ohne große Skrupel kritisieren wird: die Medien und Europa.

Wenn wir Medien ganz generell nicht vertrauen, ist der nächste Schritt, dass wir anderen demokratischen Grundpfeilern nicht mehr vertrauen.

Auch den ORF kritisiert die FPÖ nach wie vor scharf.

Wenn Norbert Steger damit droht, ORF-Korrespondenten zu kündigen, weil sie ihm zu „einseitig“ über die ungarische Wahl berichtet hätten, sieht man, dass sich bei der FPÖ die Angriffe gegen die Pressefreiheit fortsetzen. Dabei hat sich die Berichterstattung des ORF meines Wissens wenig von jener in anderen westeuropäischen Staaten unterschieden. Korruption, eine antisemitische Wahlkampagne oder eine Einschränkung des Rechtsstaats und der Medienfreiheit sollten Journalisten unabhängig der Couleur kritisieren. Diese Drohungen der FPÖ sind gefährlich und einer liberalen Demokratie unwürdig. In diesem Punkt hat sich die FPÖ für eine Medienpolitik im Zeichen Ungarns oder Russlands entschieden. Es liegt an der ÖVP, Sebastian Kurz und Medienminister Gernot Blümel, solche Angriffe gegen freie Medien in Österreich zu unterbinden. Wenn die ÖVP-Wähler von ihrer Partei nicht das Signal bekommen, dass diese Angriffe nicht in Ordnung sind, wird auch ihr Medienvertrauen sinken.

Was passiert, wenn das Medienvertrauen in einem Land zurückgeht?

Wer traditionellen Medien nicht mehr vertraut, geht häufig zu alternativen Medien über – das wären in Österreich zum Beispiel der „Mosaik-Blog“ auf der linken Seite und „Unzensuriert“ auf der rechten Seite. Dort bekommt man keine ausgewogene Berichterstattung, sondern nur Informationen aus ganz bestimmten Lagern. Das hat zur Folge, dass ein Teil der Bevölkerung die Realität völlig anders wahrnimmt. Die eine Seite kann irgendwann nicht mehr mit der anderen kommunizieren, die Gesellschaft polarisiert sich. Medien sind außerdem ein Grundpfeiler der Demokratie. Wenn wir Medien ganz generell nicht vertrauen, ist der nächste Schritt, dass wir anderen demokratischen Grundpfeilern nicht mehr vertrauen, Wahlen anzweifeln und den Rechtsstaat hinterfragen.

Grundsätzlich brauchen wir sowohl Medien, die eher progressive Sichtweisen vertreten, als auch solche, die eher konservativ sind.

Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken?

Einerseits sind die Journalisten selbst gefragt, transparent zu arbeiten. Es sollte beispielsweise klar gesagt werden, welchen politischen Hintergrund Interviewpartner haben. Nachricht und Meinung sollten möglichst deutlich getrennt werden. Wenn Fehler passieren – wie etwa im Fall des ORF-Tirol-Beitrags über den FPÖ-Politiker Markus Abwerzger – müssen diese auch offen zugegeben werden. Als Gesellschaft müssen wir Medienkompetenz aktiv fördern und diese an Schulen unterrichten. Nur so können wir auch anderen demokratischen Gefährdungen, wie „Fake News“, entgegenwirken. Und die Politik muss sich entscheiden zwischen den Grundwerten einer liberalen Demokratie und dem autoritären illiberalen Stil von Orbán, Trump und Co.

Wie sieht die Medienlandschaft in einer liberalen Demokratie idealerweise aus?

Wichtig sind partei-unabhängige Journalisten und Investigativjournalismus. Aber grundsätzlich brauchen wir sowohl Medien, die eher progressive Sichtweisen vertreten, als auch solche, die eher konservativ sind. Sonst würden alle gleich berichten und dann bräuchte es auch „die Medien“ nicht mehr, sondern nur ein Medium.

Zur Person: Jakob-Moritz Eberl

Der Kommunikationswissenschaftler ist an der Universität Wien tätig und Mitglied der Österreichischen Nationalen Wahlstudie (AUTNES). In seiner Dissertation, die vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) im März mit dem Hannes-Haas-Nachwuchspreis ausgezeichnet  wurde, hat sich Eberl mit „Bias“  (was man  mit Verzerrung oder Voreingenommenheit übersetzen könnte) in der politischen Berichterstattung beschäftigt.