© kunst-dokumentation.com / Manuel

Kunsthalle
11/15/2021

Von stechenden Blicken und Stacheln im Fleisch

Die Kunsthalle Wien zeigt eine Doppelausstellung von Ana Hoffner Ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kamiński

von Michael Huber

Die Kunsthalle Wien sei der „Stachel im Fleisch des MuseumsQuartiers“, pflegte Gerald Matt, der vorvorige, bis 2011 amtierende Leiter der städtischen Institution, zu sagen. Auch wenn er es anders gemeint hatte – seine Nachfolgerinnen vom Kollektiv WHW, die gegenwärtig das Haus führen, scheinen darin einen Auftrag zu erblicken. Geben Sie doch dem Widerständigen und Widerborstigen gern eine Bühne.

Im zweigeteilten Obergeschoß stochert nun also Ana Hoffner Ex-Prvulovic* – die 1980 geborene Künstlerin schreibt sich genau so und macht damit den Weg von ihrer Kindheit in Paraćin (heute Serbien) zur Annahme einer österreichischen Staatsbürgerschaft 2002 sichtbar – im Fleisch des Museumswesens herum.

Institutionskritik 5.0

Wobei nicht das MQ, sondern die Milliardärin Heidi Horten im Visier steht, deren Privatmuseum in Wien bald eröffnen soll. Auch Francesca Habsburg und Mäzene aus Deutschland und den USA kriegen auf Schautafeln ihr Fett ab – wobei man nichts Neues erfährt: Dass Hortens Ehemann einst von Arisierungen profitierte, wurde vielfach berichtet und hat mit Compliance-Vorwürfen gegen Hortens Vertraute Agnes Husslein, die ebenfalls erneut ausgewalzt werden, rein gar nichts zu tun. Auch der Zusammenhang von Francesca Habsburgs Mäzenatentum mit dem Umstand, dass der Thyssen-Konzern Kampf-U-Boote baut, will erst klarer dargelegt werden – künstlerische Freiheit entbindet nicht von Recherche.

Verärgert über derlei selbstgerechte Institutionskritik bleibt leider wenig Aufmerksamkeit für Hoffner-Ex-Prvulovic*s andere Arbeiten, die vielleicht wirklich etwas über ausbeuterische Verhältnisse in ihrer Geburtsstadt und über unbekannte Künstlerinnen des einstigen Jugoslawien zu erzählen hätten.

Gegen das Gaffen

Also los zur zweiten Ausstellung, die jene Präzision hat, die der ersten fehlt: Belinda Kazeem-Kamiński – kürzlich mit dem „Camera Austria“-Preis für zeitgenössische Fotografie ausgezeichnet – hat den Blick des Westens auf den globalen Süden und speziell jenen von Österreich auf Afrika über Jahre hinweg seziert. Besonders der Bericht, den Peter Altenberg über die „Ashantee“ schrieb, die 1896 im Rahmen einer „Völkerschau“ im Wiener Prater regelrecht „ausgestellt“ waren, dient als Angelpunkt ihrer Arbeit.

Für ein Projekt kratzte die Künstlerin alle Stellen aus Altenbergs Buch, die sie als nicht „informativ“ empfand, heraus – was blieb (es ist eher wenig) wurde als Künstlerbuch publiziert bzw. hängt jetzt an einer Kunsthallen-Wand. Unweit davon sind Original-Filmaufnahmen jener Männer zu sehen, die die aus dem heutigen Ghana stammende Gruppe einst „begrüßten“ – und vom Gaffen gar nicht genug bekommen konnten.

Kazeem-Kamiński gibt den Begafften an anderer Stelle ein Stück Würde zurück – in Form von Zeremonialflaggen stellt sie sich vor, wie die nach Europa exportierten Menschen wohl selbst ihre Erfahrung nach der Heimkehr gefasst hätten. Ein Motiv einer Flagge ist die Erdnuss, die im Wiener Dialekt als „Aschanti“ überlebt hat – ein anderes der Sankofa-Vogel: Er signalisiert, dass man immer an die Vergangenheit erinnern sollte, um die Zukunft aufzubauen.

Bis 6. 2. 2022

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.