Von Ozzy, dem manchmal das Gehirn einschläft

Die Salzburgerin Birgit Birnbacher schreibt in ihren neuen Roman über eine Mutter und ihren Sohn, die beide ADHS haben.
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Die Tür vom Hasenstall war nicht zugesperrt. Dann ist der Rasenmäher gekommen. Ozzy hat das Auge vom Hasen gesehen. Er hat ihn kreischen gehört. Ozzy hat dem Hasen helfen müssen. Danach war da diese absolute Stille.

Die Carina, die Lehrerin, hat immer zu Ozzy gestanden. Das letzte Jahr war ja nicht leicht gewesen. Die dritte Klasse Volksschule, da muss man das Zeugnis überall vorzeigen, wenn man ins Gymnasium will. Carina hat keine Ahnung, „wie oft Ozzy zu Hause schreit, dass er dieses Scheißleben mit dieser Scheiß-Hausübung so nicht mehr erträgt“. Ihm „schläft das Gehirn ein“, wenn die Lehrerin von schriftlicher Division zu reden beginnt. Oder das kleinste gemeinsame Vielfache. Wenn die Lehrerin davon anfängt, muss Ozzy seine Konzentrationsübungen machen, sonst „galoppieren ihm die Gedanken davon“.

Die Carina wollte Ozzy helfen. Aber jetzt, nach der Sache mit dem Hasen, weiß sie auch nicht mehr. Sie gibt Ozzy einen Brief für seine Mutter mit, weil reden kann sie nicht darüber, was dieses Kind da getan hat. Auf dem Heimweg wünscht sich Ozzy nichts weniger als eine Katastrophe.

„Sie wollen uns erzählen“ heißt der neue Roman der Salzburger Autorin Birgit Birnbacher. Sie erzählt darin vom neunjährigen Ozzy und seiner Mutter, der Soziologin Ann, alle beide Menschen, deren Gehirn etwas anders funktioniert. Ann weiß genau, wie sich dieses Kind fühlt, das immer das lernen will, was es gerade nicht lernen muss, das sich genau wie seine Mutter mit unnützem Wissen ansaugen und sicher nicht wissen will, was das kleinste gemeinsame Vielfache ist.

Warum sich Birnbacher entschieden hat, dem Thema Neurodivergenz einen Roman zu widmen? Nicht nur im eigenen Leben gab es Anlass, sich zu fragen: Warum ist das Thema ADHS eigentlich gerade überall? Auf einmal gibt es Menschen, die ihre Diagnosen tragen wie Orden, ein nahezu popkultureller Status ist es, der ADHS in manchen Milieus zuteilwird – wenn man erwachsen ist.

Anders sehe es aus, so Birnbacher, wenn es um die auffälligen Kinder gehe. Da sei schnell einmal Schluss mit „sei wild und frei und wunderbar“. Im trockenen Schulalltag fehle es auch in unseren Höchstzeiten des Individualismus an Augenmaß für die Verschiedenheit der Menschen, sagt Birnbacher im Gespräch mit dem KURIER.

Dabei würden auch Chancen vertan. „ADHS hat es immer gegeben, doch heute benennen wir es. Wir leben in einer sehr übersteuerten Zeit. Neurodivergente Menschen bringen andere Farben in das Daseinsspektrum. Sie haben einen anderen Fokus, sind oft übernervös, nehmen vieles nicht wahr, das etwa für schulische Dinge brauchbar wäre, aber dafür haben sie andere Möglichkeiten. Das interessiert mich auch sprachlich. Ich wollte meinen Text über nervliche Überreizung ästhetisch und motivisch auch mit unserer überreizten Natur und Umwelt verknüpfen.“

Birnbacher ist mit diesen sprachlichen Motiven ein stückweit zu ihrem ersten Buch, dem 2016 veröffentlichten „Wir ohne Wal“ zurückgekehrt, ein sehr rhythmisches Buch. „Ton, Rhythmus und Geschwindigkeit waren mir darin sehr wichtig. Ich hatte Lust darauf, wieder ein Buch zu schreiben, das mir auch in Schnelligkeit und Rhythmus entspricht. Ich wollte, dass es einen guten Sound hat und klanglich meiner inneren Natur entspricht.“

Auch der Natur des Buben Ozzy entspricht es. Er liebt selbsterfundene Geschichten wie das wiederkehrende Szenario der Bärenbegegnung und er liebt den Sound der Beatles. Sie helfen ihm, wie schon seiner Mutter in ihrer schwierigen Kindheit kaum etwas so helfen konnte wie der Sound von Goethe, Rilke und Erich Fried.

Unfreiwillige Expertin

Das Thema Neurodivergenz ist irgendwann in mehrfacher Hinsicht im Leben der Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher aufgeschlagen. Sie ist „unfreiwillige Expertin“ auf einem Gebiet geworden, das sie sich nicht so ausgesucht hatte. „Ich habe einfach gewusst, ich muss jetzt dieses Nervenbuch schreiben. Genau so habe ich es immer genannt. Das Thema ist vielseitig präsent in der Gesellschaft. Da sind einerseits diese Überbetroffenen, die sich auf Instagram in ihrer Neurodivergenz baden und wie im Faschingskostüm mit ihrer Andersartigkeit schaulaufen. Das fand ich immer merkwürdig. Gleichzeitig fand ich aber auch komisch, wie man früher damit umgegangen ist. ADHS wird oft in Familien vererbt. Vor allem bei Frauen ist es besonders interessant, denn man weiß aus Studien, dass ADHS häufiger bei Frauen gut versteckt werden kann, und dann etwa durch Begleitdiagnosen wie Depressionen, Schlafstörungen oder Essstörungen aufschlägt. Frauen haben gelernt, durch sogenannte soziale Kompetenz darauf zu schauen, dass sich vor allem die anderen gut fühlen. Ich fand es spannend, mich dem Thema auch im Hinblick auf die drei Generationen im Roman zu nähern und mich zu fragen: Wie war das früher? Welche Narrative gab es in der Gesellschaft, wie wurde da geredet und wie sind Frauen geworden, die betroffen sind, aber davon nie gewusst haben?“

Deutlich wird das im Roman bei Ozzys Mutter und deren Schwester, deren Neurodivergenz in den 1980ern im familiären Umfeld als ein „bisschen Energie“ abgetan wurde. Sie scheiterten beide zunächst am Schulsystem. „Damit sie durch die Schule kommen, sind diese besonderen Kinder auf besondere Lehrpersonen angewiesen, die bereit sind, aus dem System auszubrechen und zu sagen: ,Ich sehe dich. Ich weiß, dass du zwar nicht so ablieferst, wie du müsstest in diesem System, aber ich sehe, dass du es vielleicht zu einer anderen Uhrzeit schon könntest. Oder dass du andere Dinge kannst, die halt leider nichts zählen in diesem System’“, sagt Birnbacher. „Wir machen viele junge Menschen unnötig fertig in diesem System. Sie kommen aus der Schule und sind froh, dass sie endlich etwas anderes machen können. Ich weiß, wie schwierig das sein muss, aber frage mich halt trotzdem, wann sich das endlich ändert.“

Zum Frösteln

„Sie wollen uns erzählen“ spielt erneut im Salzburger Innergebirg, wo die Autorin aufgewachsen ist. Der nicht mehr sehr gebräuchliche Begriff fasst die Bezirke Pongau, Lungau und Pinzgau zusammen. Eine literarisch vorbelastete Gegend. Unter anderem spielt Thomas Bernhards Roman „Frost“ hier. Bernhard schrieb zwar grundsätzlich keine wohlmeinenden Reiseberichte über Gegenden, diese aber hat er besonders gehasst. Er „fröstle“, wenn er hier sei. Schon Birnbachers voriger Roman „Wovon wir leben“ war hier angesiedelt. „Ich hätte mich verrenken müssen, um den neuen Roman anderswo spielen zu lassen. Ich fand auch einen gewissen Reiz darin, ihn in nicht nur in der gleichen Gegend, sondern exakt am selben Ort spielen zu lassen. Es ist ja dasselbe Haus.“

Zum Finalisieren des Manuskripts hat sich Birnbacher auf eine Berghütte zurückgezogen. „Es war ein intensives Erlebnis, den Text genau dort fertigzustellen, wo ich herkomme. Nur halt wirklich sehr weit und sehr einsam oben am Berg. Noch dazu haben sich in diesen paar Tagen Dinge abgespielt, die auch im Text vorkommen. Die Fauna, das Wetter und die Umgebung sind für mich intensive Eindrücke, die auch mit dem Nervenleben meiner Protagonisten zu tun haben. Es anders zu machen, hätte sich unnatürlich angefühlt.“

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Birgit Birnbacher:
„Sie wollen 
uns erzählen“
Zsolnay.   
214 Seiten.
25,95 Euro