Paul Auster: „Ich will ein Geist sein“
43 Jahre waren sie zusammen. Was fehlt am meisten? Das „und“. Siri und Paul.
Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Paul Auster ist Siri Hustvedt immer mehr zu ihm geworden. Sie trägt seine Jacke mit dem Lammfellfutter. Daheim trägt sie seinen Frotteebademantel. Beim Schreiben hat sie seine schwarze Jogginghose und seinen Kaschmirpulli an. Sie sitzt genauso lang am Schreibtisch, wie er das getan hat. Sie geht durchs Haus und dreht das Licht ab, so wie er das immer gemacht hat. Es geht ihr wie Baumgartner, dem Protagonisten des gleichnamigen Romanes, dem letzten, den Paul Auster fertiggestellt hat. Baumgartner spricht noch sechs Jahre nach dem Tod seiner Frau mit ihr.
Wenn Siri Hustvedt jetzt beruflich außerhalb Brooklyns zu tun hat, denkt sie immer noch, sie muss Paul Auster anrufen, ihren Mann, ihren lebenslangen Gesprächspartner. Sie muss ihm doch alles erzählen! Doch da ist dieses Wort, das dazwischensteht. Sie ist jetzt Witwe.
Das Bett in der Bibliothek
Am 30. April 2024 starb Paul Auster mit 77 Jahren an Lungenkrebs. Er starb daheim, um ihn seine Familie. Die letzten Tage war sein Pflegebett in der Bibliothek des Hauses in Brooklyn, das er mit seiner Frau bewohnte, aufgestellt. Er wollte in der Bibliothek sterben. Im Sterben liegend, sagte er zu seiner Frau, er wolle zurückkehren, um nach ihr zu sehen. „Ich will ein Geist sein.“
Wenige Stunden nach seinem Begräbnis spürt sie seine Anwesenheit. Sie riecht den Rauch seiner Zigarillos, obwohl er schon sechs Jahre zuvor mit dem Rauchen aufgehört hat. Sie spürt, dass er da ist. Sein Geist hilft ihr, weiterzuleben. Sie versucht sich in Routinearbeiten wie Schrankausmisten. Sie versucht, zu verstehen, dass es das Wort „unser“ nicht mehr gibt. Und sie schreibt. Von den 16 Monaten zwischen Paul Austers offizieller Diagnose bis zu seinem Tod. Von den Tagen, die gefüllt sind mit Arztterminen und den Warteräumen, wo die beiden einander die Hand halten. Von seinem Umgang mit der Krankheit. Und vom Danach.
Die Hoffnung schwindet
In „Ghost Stories“ ist nachzulesen, wie Siri Hustvedt den Verlust ihres Mannes verarbeitet. Das Buch erzählt zunächst von der Hoffnung, der Krebs könnte geheilt werden. Die beiden stellen sich darauf ein, dass der Mann mit dem einst prächtigen schwarzen Haar bald kahl werden würde, kaufen eine schicke Kappe. Sie schreibt Briefe an die Freunde, um sie auf dem Laufenden zu halten. Die Hoffnung schwindet. Er wird schwächer. Die Freunde kommen ans Krankenbett. Don De Lillo und Salman Rushdie, der ihm von seinen Nahtod-Erfahrungen erzählt, gehören zu den letzten Besuchern.
Er stirbt zwei Tage später. Sie hält sein Gesicht.
„Ging mit seinem Ende die gelebte Zeit in mir zu Ende?“, fragt sie sich. Sein „Reden, seine Ideen, seine Bücher sein Humor sind jetzt Teil von mir (...) Er lebt in meinen Wahrnehmungen, meinen Gesten, meinem Gang und meinen Witzen. Und dies ist unheimlich: Er hat meine Worte, meine Berührung, meine Ideen, meine Bücher und meinen Humor, all die Veränderungen, die sein vier Jahrzehnte währendes Zusammenleben mit mir in ihm bewirkt hat, mit ins Grab genommen. Ich bin auch dort unten.“
Er hatte einmal zu ihr gesagt: „Wenn wir noch hundert Jahre zusammenlebten, würden wir zu ein und der selben Person werden.“ Gedanken wie diese erinnern auch an Paul Austers literarisches Schreiben, etwa in der „New-York-Trilogie“, wo es immer wieder um Themen wie Identität, Einswerden und Verschwinden geht.
„Ghost Stories“ ist ein sehr intimes Buch. Insbesondere, wenn Siri Hustvedt von den letzten Momenten ihres ihres Mannes schreibt. Man fragt sich, ob man hier dabei sein darf. Doch man versteht auch, warum sie das macht. Es ist ihre Geschichte. Die private und berufliche Gemeinschaft eines New Yorker Schriftstellerpaares, das einander am 23. Februar 1981 bei einer Dichterlesung kennengelernt hatte. Sie war gleich über beide Ohren verliebt. Er, eigentlich schon von seiner Ex-Frau, der Dichterin Lydia Davis, getrennt, bald zwischen dem Familienleben mit dem damals sehr jungen Sohn Daniel und seiner neuen Liebe Siri hin- und hergerissen. Auch die flammenden Liebesbriefe, die Siri ihm damals schrieb, sind hier abgedruckt. Erstaunlich uneitel. Als er sich für sie entschied, wollte er aufs Ganze gehen. Heiraten oder gar nichts.
Siri Hustvedt beschreibt Paul Auster als begeisterungsfähigen, niemals argwöhnischen Menschen. Er wollte seine Leidenschaften teilen. Oft sei er bei Abendessen mit Freunden aufgesprungen, habe ein Buch aus der Bibliothek geholt, und habe begonnen, vorzulesen. Niemals sei er auf den Gedanken gekommen, andere könnten seine Begeisterung nicht teilen.
Dass er an Krebs sterben sollte, konnte er nicht glauben, denn das hätte, nach all dem, was sie durchgemacht hatten, „eine schlechte Story“ ergeben. Eine „schlechte Story“ war für ihn eine vorhersehbare Story. Paul Austers zehn Monate alte Enkelin war 2021 an Heroin gestorben. Austers Sohn Daniel, der mit Ruby allein gewesen war, als sie starb, wurde verhaftet und wegen Totschlags, fahrlässiger Tötung und Gefährdung des Wohlergehens eines Kindes angeklagt. Er kam auf Kaution frei und starb wenig später an einer Überdosis Heroin. Er war 44 Jahre alt.
Briefe an die Ewigkeit
In einer Kiste bewahrt Siri Hustvedt auch die vielen Briefe auf, die sie, Paul Auster und Daniel einander im Lauf der Jahre geschrieben hatten. Paul Auster hatte viel Hoffnung in seinen Sohn gesetzt.
Das Letzte, was Paul Auster schrieb, waren Briefe an seinen Enkel Miles, den Sohn der gemeinsamen Tochter Sophie. Er kam nicht mehr dazu, sie zu veröffentlichen. Sie sind nun in „Ghost Stories“ nachzulesen. „Lieber Miles“, schrieb Auster als Letztes, „es stellt sich heraus, dass ich weniger Zeit habe, als ich dachte.“
Siri Hustvedt:
„Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung“
Übersetzt von
Uli Aumüller.
Rowohlt.
400 Seiten.
26,95 Euro.