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Kultur
02/12/2019

"Von der Realität eingeholt": Schalko über "M - Eine Stadt sucht einen Mörder"

Die Miniserie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von David Schalko und Evi Romen feiert Weltpremiere in Berlin.

Jedem Filmfestival seine Fernsehserien. Auch in Berlin folgt man längst dem Trend, im Rahmen eines A-Festivals serielle Formate zu präsentieren – so auch heuer wieder im Rahmen der „Berlinale Series“. Die diesjährige Besonderheit der Programmierung: Es werden ausschließlich europäische Produktionen vorgestellt, darunter die ORF-Produktion von David Schalkos „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, die Dienstag glanzvoll Weltpremiere feiert. (Der ORF startet den Sechsteiler kommenden Sonntag, 20.15 Uhr auf ORFeins).

Nicht nur Schalko, auch der Titel seiner neuen Miniserie sind hierzulande keine Unbekannten. Bei „M“ handelt sich um den Klassiker des österreichischen Regisseur Fritz Lang aus dem Jahr 1931, der davon erzählt, wie sich die Stadt Berlin auf die Suche nach einem Kindermörder macht. Polizei und Verbrecher jagen gemeinsam den Täter, charismatisch gespielt von Peter Lorre.

David Schalko schrieb das Drehbuch mit seiner Partnerin, der Filmeditorin und Drehbuchautorin, Evi Romen und versetzte die Handlung vom damaligen Berlin in das gegenwärtige Wien.

KURIER: Wie kommt man auf die Idee, einen Filmklassiker wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ in eine TV-Serie der Gegenwart zu verwandeln?

David Schalko: Ich habe vor fünf Jahren den Film erstmals nach zwanzig Jahren wieder gesehen und fand ihn wahnsinnig bestechend. Einerseits, die Stadt als Protagonistin zu erzählen; und andererseits der politische Moment: Auch heute fühlt sich unsere Zeit – wie damals 1931 – wie eine Art Vorabend an. Damals hatte man das Gefühl, dass sich etwas andeutet – und dieses Gefühl hat man jetzt auch. Wir haben vor vier Jahren zu schreiben begonnen, doch jetzt werden wir von der Realität eingeholt.

Von wegen Realität: In Wien geht ein Kindermörder um, der Innenminister nützt den Anlass, um populistische Politik durchzusetzen. Einmal zeigen Sie ihn eitel nackt vor dem Spiegel seine Anweisungen erteilen. Sind Ähnlichkeiten mit realen Personen beabsichtigt?

Evi Romen: Damals, als wir das Drehbuch schrieben, war das nur eine Vorstellung von „was wäre, wenn“. Ich bin mir aber jetzt nicht mehr sicher, ob die Realität nicht schlimmer geworden ist, als das, was wir zeigen.

David Schalko: Es geht uns auch nicht um eine Karikatur von Kickl oder Kurz, sondern um einen Typus von Politiker, den es in ganz Westeuropa gibt: Es ist ein ideologischer Politikertypus, der alles aufgreift, was politische Erfolge verspricht – ohne Rücksicht auf Verluste. Der Staat wird beinahe wie ein Unternehmen geführt, und der Politiker wird quasi zum Manager.

Auch bei Fritz Lang gibt es bereits diese Verzahnung zwischen Polizei und Verbrecher, die sich gemeinsam auf die Suche nach dem Täter machen.

David Schalko: Absolut, es gibt viele Parallelen zum Original. Wir haben viel von den Strukturen übernommen und verstehen unsere Arbeit als Hommage. Wenn sich die Methoden der Verbrecher und des politischen Systems immer ähnlicher werden, beginnt es zu kippen. Das war auch die Idee bei Fritz Lang. Bei uns ist die Erzählung allerdings breiter als bei Lang, weil es ja auch eine Serie ist und mehr inkludieren kann als ein Film.

Evi Romen: Auch bei Lang sind Kurzporträts einzelner Menschen in der Stadt angelegt und lassen sich im Serienformat gut ausbauen. Zum Beispiel die Mutter von Elsie Beckmann, dem ersten Opfer, ist bei Lang eine alleinerziehende Arbeiterfrau. Wir haben die Figuren aufgegriffen, aber teilweise die Milieus verändert.

David Schalko: Die große Verwandtschaft zum Original ist das Changieren zwischen den Genres: Es gibt ein Ehedrama, aber auch Polizeifilm, Politsatire, Milieuerzählung, Gerichtsfilm... das fand ich auch beim Original schon so faszinierend.

Inwiefern ist Ihr „M“ auch ein Wien-Film mit Bezug auf die österreichische Filmgeschichte? David Schalko: Es gibt klare Zitate zur Filmgeschichte – es spielen zum Beispiel Szenen in der Kanalisation – und es ist auch eine Hommage an Wien. Wir haben versucht, die Wien-Klischees umzudrehen. Die Handlung spielt fast ausschließlich im 1. Bezirk und zitiert sehr viele Bauten aus der Gründerzeit. Dadurch wird die Studioästhetik verstärkt, die wir angestrebt haben. Es sollte auch eine Hommage an den deutschen Expressionismus sein, wo ja auch alles im Studio gedreht wurde. Wir wollten die Schauplätze ein bisschen aussehen lassen, als wären sie im Studio entstanden.

Evi Romen: Diese Bilder sollten auch eine gewisse Entrücktheit erzählen.

Ihre neue Serie wird vom ORF als großes TV-Event getrommelt. Ist der Druck groß?

David Schalko: Den Druck des Scheiterns gibt es nicht mehr so, weil ich in meinem Leben oft gescheitert bin. Ich habe darin schon Übung (lacht).