© Galerie Berinson, Berlin

Kultur
02/12/2021

Vom Gesicht zum Bild: Die Albertina zeigt "Faces"

Eine famose Schau führt vor, wie Fotografen der 1920er das menschliche Antlitz als Experimentierfeld und Projektionsfläche nutzten

Wir wissen nicht viel über Leo Uschatz. Er war ein junger Hochbautechniker, aus der Schweiz nach Palästina emigriert, und abgesehen von seinen vielen Sommersprossen wäre sein Gesicht wohl nicht weiter aufgefallen.

Doch als Uschatz dem Fotografen und Kameramann Helmar Lerski 1935 auf einem Hausdach in Tel Aviv in der mediterranen Sonne Modell saß, verwandelte er sich: In eine Leidensfigur, in einen irren „Charakterkopf“ nach Art des Bildhauers Messerschmidt, in einen Krieger, einen erschöpften Arbeiter, einen Clown. Insgesamt 137 Aufnahmen machte Lerski, jede mit natürlichem, aber durch ausgefuchste Spiegel-Konstruktionen manipuliertem Licht erhellt: Es ging ihm allein darum, seine Kunstfertigkeit und die Möglichkeiten des Mediums Fotografie zu demonstrieren.

Lerskis Arbeit ist der Angelpunkt der famosen Ausstellung „Faces“ in der Wiener Albertina. Mit einer Tiefenbohrung in die Zwischenkriegszeit gelingt es Kurator Walter Moser dabei, Stilentwicklungen festzumachen, die nicht nur die Bildkultur der durch Serien wie „Babylon Berlin“ popularisierten 1920er-Jahre erklären: Lerski, seine Zeitgenossinnen und Zeitgenossen wirkten in der politischen Propaganda der 1930er ebenso nach wie in der Konzeptkunst und der Populärkultur späterer Jahre.

Ich ist ein anderer

Rollenspiele vor der Kamera gab es freilich schon im 19. Jahrhundert. Doch nach dem Ersten Weltkrieg, erklärt Moser, kam es zu einer radikalen Erneuerung fotografischer Porträts: „Die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit manifestieren sich im Gesicht“.

Das erste von fünf Kapiteln der Schau führt vor, wie in jener Zeit nicht zuletzt Rollen- und Geschlechterbilder neu zusammengesetzt wurden: Trude Fleischmann oder Suse Byk inszenierten in ihren Ateliers neue Frauentypen. Viele Künstlerinnen probierten in Bildern, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren, oft auch abgründig-erotische Selbstinszenierungen aus. Viele dieser Avantgardistinnen waren Frauen, die in den 1920er Jahren in Fotostudios arbeiteten und die Produktionsmittel nebenher für Experimente nutzten.

Dass Fotografie und Film dabei kommunizierende Gefäße waren, legt Moser, der bereits in Ausstellungen wie „Blow-Up“ (2014) oder „Film Stills“ (2017) Schnittmengen der Kunstformen untersuchte, in vielen Video-Exponaten dar. In Werken wie „Das Cabinet des Dr. Cagliari“ (1919 – ’20) oder „Die Passion der Jeanne d’Arc“ (1928) suchten und fanden Regisseure neue Ausdrucksmittel abseits des Theatralen: Nämlich in der Großaufnahme des Gesichts und in der Modellierung mit Licht und Schatten.

Schauspieler-Requisiten

Ein Schauspieler oder eine Schauspielerin war in den Augen der Kamera-Magier allerdings nicht viel mehr als ein Requisit, das „ebenso wie die Kaffeekanne oder der Hund nichts weiter beizusteuern braucht als sein Aussehen und sein bloßes Dasein“, wie es der Theoretiker Rudolf Arnheim 1932 formulierte.

Ein aufschlussreicher Abschnitt der Schau geht darauf ein, wie sich die Tendenz, Menschen weniger als Individuen denn als „Typen“ zu sehen, manifestierte. August Sander, der mit seinem Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ die deutsche Gesellschaft nach Berufsständen katalogisieren wollte, ist hier nicht nur mit exquisiten Abzügen seiner berühmten Werke vertreten, sondern auch mit selten gesehenen Schautafeln: Ein Bauer ist da mal in einer Gesamtansicht, dazu noch in Detailaufnahmen von Füßen und Kinnpartie porträtiert. Vieles weist hier auf den Surrealismus und andere Avantgardeformen der Zeit hin, einiges deutet schon auf die serielle Kunst der 1970er-Jahre hin.

Doch auch die Einteilung von Menschen nach physiognomischen Merkmalen und die Stereotypisierung nach „Rassen“ war eine Zeitgeisterscheinung jener Tage. Und so ist die Grenze zwischen Avantgarde und NS-Propaganda oft fließend. Manchmal verdrehte völkische Kontextualisierung „moderne“ Bilder in ihr Gegenteil.

Erna Lendvai-Dircksen, die 1931 das Buch „Das deutsche Volksgesicht“ veröffentlichte, stellte etwa die faltigen Antlitze von Landbewohnern als Orientierungspunkte einer Blut-und-Boden-Idee in den Raum. Ihr Gegenspieler Lerski saß derweil in Palästina und inszenierte Araber und Juden nebeneinander: In seiner Auffassung blieb das „wahre Gesicht“ immer nur eine Sache von Perspektive und Ausleuchtung. Bis 24. 5.

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