Volkstheater: Bravos für "Du bleibst bei mir"

Volkstheater: Bravos für "Du bleibst bei mir"
Uraufführung von Mitterers "Du bleibst bei mir": Andrea Eckert macht aus einem braven Abend einen besonderen.

Am Ende gab es im Volkstheater langen Applaus und Bravos, vor allem für die großartige Andrea Eckert, der ganz große Jubel blieb allerdings aus. Und ein wenig hatte man das Gefühl, die Zustimmung galt einerseits der Erinnerung an die große Dorothea Neff und andererseits der Rückkehr von Andrea Eckert und Felix Mitterer ans Volkstheater - und weniger dem Stück selbst.
Das Stück: Es heißt "Du bleibst bei mir" und erzählt eine wahre Geschichte: Dorothea Neff versteckte ihre jüdische Geliebte Lilli Wolff von 1941 bis 1945 vor den Nazis. Wobei das Leben selbst für genügend dramatische Wendungen sorgte. So bekam Lilli Wolff Krebs, und Neff musste ärztliche Hilfe organisieren. Zu ihrem Glück war einer ihrer Nachbarn der junge Arzt Erwin Ringel - später der bekannteste Psychiater Österreichs.

Steif

Obwohl Mitterer also nicht viel mehr tun musste, als der realen Vorgabe nachzuschreiben, wirkt das Stück ein wenig steif und leblos. Als wäre es ein Drehbuch für einen TV-Film, reiht Mitterer chronologisch Szene an Szene, jede für sich spannend, aber es ergibt sich kaum Handlungsfluss. Problematisch ist auch, dass Mitterer drei Geschichten nebeneinander erzählt, die einander eher behindern als ergänzen: ein Widerstandsdrama, eine scheiternde Liebesgeschichte und die Tragödie einer Künstlerin, die durch ihre Erblindung die Fähigkeit verliert, ihren Beruf auszuüben.

Zeitgeschichte

Aber all das ist Raunzen auf hohem Niveau: Mitterers Stück wird vielleicht anderswo, außerhalb des lokalen Kontexts, kaum gespielt werden. Als dramatisiertes Zeitgeschichte-Seminar des Volkstheaters funktioniert der Text gut. Ein wenig irritiert, dass sich Mitterer dabei historische Anachronismen erlaubt. So hielt Goebbels seine berühmte Sportpalast-Rede ("Wollt ihr den totalen Krieg?") nicht vor, sondern nach der Niederlage von Stalingrad - sie war die Reaktion darauf. So, genug genörgelt.
Michael Sturminger inszenierte den Text ganz reduziert und unaufdringlich, der Abend hat trotz der beklemmenden Situation etwas sehr Zartes. Ralph Zeger baute eine fernsehspielartige Guckkastenbühne (man sieht nur das Wohnzimmer), welche die Beengtheit des Lebens als U-Boot sehr gut illustriert. Die Wohnungstür ist außerhalb des Blickfeldes - so erschrickt man ganz besonders, wenn es läutet oder man jemanden eintreten hört: Freund oder Feind?
Immer, wenn die Handlung ins Stocken kommt, dreht sich die Bühne, man sieht die Kulissenschieber an der Arbeit - Theater im Theater. Sehr stimmig, schließlich ist die Hauptfigur eine Schauspielerin.
Besonders gut gelungen ist die Klammer rund ums Stück: Am Anfang sieht man Eckert als Neff als gefeierte Penthesilea - und am Ende als bereits erblindete Mutter Courage, mit dem Volkstheater den damals in Wien geltenden "Brecht-Boykott!" durchbrechend.

Glaubwürdig

Und jetzt sind wir endlich beim Wesentlichen, also bei Andrea Eckert: Wie sie ihre Schauspiellehrerin Neff darstellt, das ist sensationell. Wobei sie ganz im Sinne von Neffs Überzeugungen spielt: Jeder Satz, jede Geste glaubwürdig, nichts ist gekünstelt. Keine Posen, keine Effekte. Atemberaubend genau stellt sie das langsame Erblinden dar, von ersten Sehschwächen über das erste Ins-Leere-Greifen bis zur völligen Dunkelheit. Das Ensemble lässt sich mitreißen und bietet hohe Qualität. Hervorzuheben sind Martina Stilp als Lilli, Inge Maux als böse Hausmeisterin, Robert Prinzler als Erwin Ringel.

Fazit: Hinreißend gut gespielt

Stück: Felix Mitterer dramatisiert ein wenig statisch die Geschichte der Schauspielerin Dorothea Neff (1903-1986).
Regie: Zart und reduziert.
Spiel: Andrea Eckert ist hinreißend gut.
Beste Szene: Eckert als Dorothea Neff betet das "Sch'ma Israel", um einen russischen Offizier gnädig zu stimmen. Lilli Wolff: "Ich wusste nicht, dass du Jüdin bist!" Neff: "Ich bin Schauspielerin."

KURIER-Wertung: **** (von *****)

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