Prächtige Umsetzung: Eitan liegt im Koma

© Lex Karelly/Schauspiel Graz

Theaterkritik
02/03/2020

"Vögel" in Graz: Langsames Vordringen zur bitteren Wahrheit

Sandy Lopičić erzählt das Familiendrama „Vögel“ von Wajdi Mouawad versöhnlich - in einer grandiosen Bühnenarchitektur

von Thomas Trenkler

Der Plot ist natürlich der gleiche wie im Akademietheater, wo das Stück „Vögel“ von Wajdi Mouawad im Herbst seine Erstaufführung erlebte: Beim Pessach-Fest eröffnet Eitan Zimmermann seinen in Berlin lebenden Eltern, sich beim Studium an der Columbia University in eine Amerikanerin mit arabischen Wurzeln verliebt zu haben.

Was diese in Rage bringt. Schließlich ist Wahida keine Jüdin. Der Sohn, ein angehender Genetiker, hält mit Logik dagegen: Auch wenn Großvater Etgar den Holocaust miterlebt hat, gebe es kein vererbtes KZ-Trauma. Aus dem heftigen Streit entwickelt sich eine metaphernreiche, packende Familiengeschichte, die um die Themen Nahostkonflikt, Identität und Erkenntnis kreist.

Am Grazer Schauspiel erzählt Sandy Lopičić sie aber ganz anders als Itay Tiran in Wien. Mit anderen Strichen, mit anderen Akzenten in den Nebenhandlungen. Versöhnlicher und (noch) humorvoller. Zudem verzichtet Lopičić auf die Vielsprachigkeit.

Sprache der Mörder

Man redet also zwischendurch nicht bewusst in der „Sprache der Mörder“, sondern immer deutsch (abgesehen vom ergreifenden Schluss). Doch das Manko der Synchronfassung wird mit atmosphärischer „Filmmusik“ ausgeglichen.Als amüsante Ouvertüre gibt es ein Percussion-Lichtspiel: Vom Orchestergraben aus „orgeln“ drei Musiker mit den Schaltern von zwölf grünen Tischlampen auf der Brüstung. Schließlich baggert Eitan die strahlend schöne Wahida in der Uni-Bibliothek an. Frieder Langenberger redet sich die Seele aus dem Leib, aus dem Lesesaal zischt ein „Psst!“, und Katrija Lehmann tut lange gelangweilt, bis sie den Blick hebt. Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Weil ohnedies alles in den geschliffenen Dialogen angesprochen wird, braucht es fortan keine Requisiten (wie in Wien): Vibeke Andersen hat auf der Drehbühne eine faszinierende Architektur aus Stahlgittern, Neonröhren und Glasscheiben errichtet, die sich mit der Zeit als dreidimensionales Y – ein Verweis auf das männliche Chromosom – herausstellt.

Sich selbst der Feind

Die Scheiben sind weiß getüncht. Denn Eitan, Opfer eines Terroranschlags, liegt im Koma. In Wien muss Jan Bülow im Krankenhausbett verharren; in Graz ist Langenberger ein lebend Gefangener der Architektur. Ein großartiger Einfall! Während die Familienmitglieder mit ihm reden, kratzen sie die Farbschicht ab. Sie dringen aber nicht nur zum Patienten vor, sondern auch zur Wahrheit. Mouawad spielt geschickt mit Andeutungen, Lopičić kostet dies aus.

 

Und dann, nach dem Aufwachen des Sohnes, rast der Vater zu schnell gegen die Mauer der Erkenntnis. Mathias Lodd ist als David ein glaubwürdig Zerrissener: Er will kein Zerwürfnis mit dem Sohn, beharrt aber auf seinen Ansichten über den Palästinenser als Feind – und ist sich selbst der größte.

Schauspielerisch enttäuscht nicht nur Susanne Konstanze Weber (als zischende Mutter). Umso mehr vermögen Gerhard Balluch als gütiger Großvater Etgar und ganz besonders Beatrice Frey als gewitzte Großmutter zu berühren.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.