Der Eröffnungsfilm: "Inside Llewyn Davis" mit Justin Timberlake (Mitte), Oscar Isaac (links) und Adam Driver, die eine mitreißende Gesangseinlage liefern.

© Studiocanal

Filmfestival
10/25/2013

Viennale - Eröffnungsgala ohne Pleskow, aber mit bissigem Chef

Die 51. Ausgabe des Filmfestivals wurde im Wiener Gartenbaukino mit "Inside Llewyn Davis" eröffnet.

Die Zeit nach der großen Party ist nicht immer leicht. Man wacht auf, räumt auf, und die Arbeit muss weitergehen. Im Falle der Viennale, dem größten österreichischen Filmfestival, wird diese Arbeit auch im Jahr nach dem 50. Geburtstag in den kommenden zwölf Tagen von rund 100.000 Personen gesehen werden: Mehr als 300 Filme aus allen Teilen der Welt hat Direktor Hans Hurch ausgewählt, dazu Gäste von Claude Lanzmann bis Will Ferrell eingeladen. Am Donnerstagabend wurde die 51. Festivalausgabe in Anwesenheit von Prominenz aus Politik und Kultur feierlich eröffnet.

Hurch träumt von Kulturministerium

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) dankte in seiner Rede der zwar anwesenden, aber sich bereits verabschiedenden Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) für ihren Einsatz in der Kulturvermittlung. Ihren Nachfolger meinte Hurch später in seiner Rede bereits in Medienstaatssekretär Josef Ostermayer (SPÖ) erkannt zu haben: In seinem Traum, den Hurch pointiert und bissig schilderte, einigen sich Kanzler Werner Faymann (SPÖ) und sein Vize Michael Spindelegger (ÖVP) auf eine Konzentrationsregierung mit nur fünf Ministerien, für jede Partei eines - bis Ostermayer hinzukomme und ein sechstes Ministerium ankündige: jenes für die Kultur.

Während Hurch von starken Änderungen in der Kulturpolitik fantasierte - etwa von einer Staatsoper, die zu zwei bis drei Uraufführungen pro Saison verpflichtet werde, einem Burgtheater, das auf fünf Millionen seiner Subventionen verzichte und dafür wieder Theater mache, oder von der "Abschaffung des kulturellen Prekariats" -, widmete sich Mailath-Pokorny den Entwicklungen im Kinosektor. Dass Wien eine "Bastion der Filmkultur" ist, verdanke die Stadt den Festivals und Kinematheken, die auch ohne Verleihe qualitätvolle Filme zeigen, sowie den Arthauskinos, die es ohne die Unterstützung der Stadt nicht mehr gäbe, so der Stadtrat.

Der traditionell dritte Musketier der Viennale-Eröffnung, Festivalpräsident Eric Pleskow, konnte dem Redereigen aufgrund von Altersbeschwerden nicht persönlich beiwohnen, beruhigte das Wiener Publikum aber in einem Brief, dass er ihm "auch in Zukunft nicht erspart bleiben wird". Die Genesungswünsche wurden von starkem Applaus begleitet, bevor Hurch und die charmante Moderatorin Tatjana Alexander dem Eröffnungsfilm die Bühne überließen: Nach dem Trailer von Shirin Neshat mit Natalie Portman in der Hauptrolle durfte "Inside Llewyn Davis" von den Coen-Brüdern den Auftakt gestalten (weitere Infos zum Eröffnungsfilm und dem Viennale-Programm finden Sie weiter unten).

Die Viennale läuft bis 6. November im Gartenbaukino, dem Stadtkino im Künstlerhaus, dem Metro Kino, der Urania, dem Filmmuseum sowie - zum letzten Mal - dem Kino am Schwarzenbergplatz (dem früheren Stadtkino). Im Filmmuseum läuft die Festivalretrospektive zu Ehren des US-Komikers Jerry Lewis.

Inside Llewyn Lewis

Inside Llewyn Davis“, der neueste Meisterstreich von Ethan und Joel Coen, eröffnet am Donnerstag die Viennale.

Unglaublich witzig, dabei aber immer von tieftrauriger Melancholie durchdrungen, erzählen die Coens aus dem glücklosen Leben des fiktiven Folksängers Llewyn Davis.

Oscar Issac spielt seinen nicht immer sympathischen Versager mit der Niedergeschlagenheit eines geprüften Hiob. Egal, was er anfängt, es geht schief ­– sogar die Hauskatze seiner Gastgeber geht ihm verloren. Seine Live-Auftritte mit gefühligen Folkssongs, die die Coens immer von Anfang bis zum Ende durch spielen, haben zwar Anhänger, aber keinesfalls Fans: „I don’t see money here“, sagt einer der Musik-Produzenten – und sogar Llewyn Davis versteht, was er meint. Zu den Höhepunkten des Films zählt ein Gesangsauftritt mit Justin Timberlake, der als braver Bube in die Gitarrensaiten schlägt und gemeinsam mit seinen zwei Kollegen beschwingt und mitreißend einen echten Hit trällert.

Brillanz

Mit handwerklicher Genauigkeit und penibler Liebe zum Detail lassen die Coens die 60er Jahre in New Yorks Greenwich Village aufleben. Jede Einstellung ist von derartiger Brillanz, dass man am liebsten auf Stopp drücken würde, um sie länger zu studieren. Doch nicht opulenter Ausstattungswahnsinn, sondern vielmehr die Fähigkeit, eine ganz spezifische Atmosphäre herzustellen, macht „Inside Llewyn Davis“ so genial.

Ganz am Ende hat Llewyn noch einmal einen Auftritt in seinem Stammlokal. Der Applaus ist wohlwollend, wie immer, aber nicht begeistert – auch wie immer. Nach ihm tritt ein Unbekannter auf und beginnt zu singen. Es ist die schnarrende Stimme von Bob Dylan, die das Generationenband durchschneidet und eine neue Ära der Folkmusik einläutet.
(Alexandra Seibel)

Viennale-Chef Hurch: "Das sind ja absurde Zustände"

Inside Llewyn Davis“, der hervorragende Musikerfilm von den Coen-Brüdern, eröffnet Donnerstagabend die 51. Viennale mit einer Gala-Premiere im Gartenbaukino. Der Film sei „tragisch-komisch und durchaus programmatisch für das Festivalprogramm“, sagt Direktor Hans Hurch. Für ihn ist es heuer die 17. Viennale. Ein Gespräch über Komik, schwache Jahrgänge und Niki Lauda.

KURIER: Wenn Ihr Vertrag 2016 ausläuft, werden Sie zwanzig Jahre Viennale-Direktor gewesen sein. Sie haben sich wiederholt kritisch darüber geäußert, im Kulturbereich zu lange an einem Job festzuhalten. Gelten für Sie andere Regeln?

Hans Hurch: Es gibt für niemanden spezifische Regeln, wann es genug ist. Manche Leute finden, man sollte einen Job wie meinen nach zehn Jahren wechseln. Aber es gibt auch Vorteile, wenn man etwas lange macht. Ich könnte genauso gut sagen, ich schenke die besten Jahre meines Lebens der Viennale. Ich bin kein Funktionär, der nur seine Aufgabe erfüllt. Ich investiere sehr viel Energie in das Festival und – das sage ich selbstbewusst – ich glaube, dass ich es gut mache.

Mit der Jerry-Lewis-Retro und dem Tribute für Will Ferrell ist US-Komik heuer ein Programmschwerpunkt. Das hätte man vor einigen Jahren noch nicht mit Ihnen assoziiert. Hat sich Ihr Geschmack verändert?
Mein Interesse für Jerry Lewis habe ich schon lange, aber Will Ferrell hat sich quasi ergeben. Wir zeigten die von ihm produzierte Komödie „Die etwas anderen Cops“ vor ein paar Jahren als Überraschungsfilm im Gartenbaukino. Das war kein Viennale-„typischer“ Film, aber die Leute haben wahnsinnig gut darauf reagiert. Nur eine Frau verließ nach fünf Minuten das Kino und zischte mir im Vorübergehen zu: „Sie sollten sich schämen!“ Diese so stark geteilten Reaktionen fand ich interessant – und das war der Ursprung für die Tribute-Idee.

Will-Ferrell-Filme wie „Anchorman“ fanden in Österreich gar keine Verleiher. Haben Sie sie auf der Viennale gezeigt?
Nein, habe ich nicht. Bis zu einem gewissen Grad habe ich damals „strenger“ agiert. Es gibt Filme im Programm, die ich vor zehn Jahren nicht gezeigt hätte. Aber ich glaube, dass man sich im Lauf der Zeit auch ändert – und man kann auch „verschoben“ sein: zu früh, zu spät. Dann ist es viel interessanter.

Ein Stargast ist der Rennfahrer Jackie Stewart. Ihre Antwort auf den Rummel um „Rush“?
Nein, die Idee hatte ich schon vorher. Ich sah Roman Polanskis restaurierte Doku von 1972, „Weekend of a Champion“, in Cannes – und dann erst kam „Rush“, den ich noch nicht gesehen habe. Ich finde Leute wie Jackie Stewart, Jochen Rindt, James Hunt in der Formel 1 toll. Das waren Figuren, die etwas repräsentierten. Mit Niki Lauda hat das langweilige, rechnerische Strebertum in der Formel 1 begonnen. Für mich ist Lauda uninteressant.

Stichwort: Österreichischer Film ...
Im Vergleich zum Vorjahr war es heuer ein schwächerer Jahrgang. Kein österreichischer Film lief auf einem großen Festival. Da sieht man auch, wie schnell der „österreichische Film“ auch wieder weg ist. In Cannes hat kein Mensch mehr darüber geredet, und voriges Jahr waren wir die Superstars. Daran lässt sich erkennen, was das für ein zynischer Betrieb ist. Aber mit Filmen wie Götz Spielmanns „Oktober November“, Gustav Deutschs „Shirley – Visions of Reality“ oder Ruth Beckermanns „Those who go those who stay“ zeige ich eine gute Mischung.

Apropos heimische Produktion: Der ORF droht, Mittel aus Film- und TV-Produktion abzuziehen, wenn er die Gebührenrefundierung nicht mehr bekommt.
Das ist eine politische Entscheidung, und nicht die des ORF. Ich hoffe, dass sich eine zukünftige Kulturpolitik viel intensiver um diese Dinge kümmert. Es kann nicht Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders sein, erpresserisch zu sagen, wir schränken da und dort ein, wenn wir die Refundierungen nicht mehr bekommen. Das sind ja absurde Zustände.

Was werden Sie in der Eröffnungsrede sagen?
Etwas Lustiges. Ich möchte nicht herb die Geißel schwingen wie sonst, sondern einen fiktiven Traum erzählen – dass ich bei den Koalitionsverhandlungen dabei war und miterlebt habe, wie dort über Kultur gesprochen wird. Das muss ich witzig machen, aber so, dass man merkt, dass es nicht witzig ist. Wie Jerry Lewis.

Viennale-Filme bis 6. November

Ab sofort sind Tickets im Vorverkauf erhältlich. Die Vorverkaufsstellen befinden sich im Gartenbaukino, am Schottentor und an der Ecke von Mariahilfer Straße und Museumsquartier. Per Telefon A1-Freeline 0800 664 013, und unter www.viennale.at.

Drei Filmempfehlungen von Festival-Direktor Hans Hurch: Claude Lanzmanns Doku über den Rabbiner Benjamin Murmelstein: „Der Letzte der Ungerechten“; Alain Guiraudies Drama „L’Inconnu du Lac“ und „Lukas Nino“ des Philippiners John Torres.

Programm-Highlights der Viennale

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