Eva Sangiorgi, Leiterin der Viennale, eröffnet Donnerstagabend das Filmfestival und freut sich über den regen Vorverkauf der Kinotickets: „Mehr als ich mir erwartet habe“

© Kurier/Franz Gruber

Kino
10/21/2020

Viennale-Chefin Eva Sangiorgi: Filme, die man im Kino sehen muss

Eva Sangiorgi, Leiterin der Viennale: „Filmfestivals sind etwas ganz Besonderes“

von Alexandra Seibel

Ein Online-Filmfestival kam für die Viennale-Leiterin Eva Sangiorgi nicht infrage. Donnerstagabend eröffnet sie das Wiener Filmfestival vor Gala-Publikum im Gartenbaukino. Ein Gespräch über Gäste, Masken und Netflix.

KURIER: Frau Sangiorgi, welche Sicherheitsmaßnahmen hat das Viennale-Publikum zu erwarten?

Eva Sangiorgi: Wir haben ein Sicherheitsprotokoll, das sehr einfach, aber sehr effizient ist. Die Tickets, die verkauft werden, sind mit namentlichen Platzzuweisungen verbunden. Je nach Kino gibt es bestimmte Zonen, die für Einzelpersonen, und solche, die für Paare und Familien reserviert werden, sodass diese zusammensitzen können. Die Kapazität der Kinos wird mit knapp über der Hälfte der Plätze ausgelastet, sodass genügend Platz zwischen den Besuchern besteht. Was die Eröffnung anbelangt, wird es Reden geben, allerdings auf ein Minimum beschränkt. Nach der Begrüßung werden nur die Regisseurin und der Produzent des Eröffnungsfilms „Miss Marx“ vorgestellt, dann heißt es Film ab. Nachdem aber nur ungefähr die Hälfte des Gartenbaukinos ausgelastet werden kann, wird der Eröffnungsfilm gleichzeitig auch in allen anderen Viennale-Kinos gezeigt.

Die Masken müssen nun auch während der Filmvorstellung getragen werden?

So verlangt es das Gesetz.

Glauben Sie, dass das Besucher abschrecken wird?

Es ist schon möglich, dass manche Leute diese Maßnahmen verärgern. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es genug Menschen gibt, die darüber glücklich sind. Im Herbst sind viele Leute verkühlt und müssen vielleicht während der Vorstellung husten. Das könnte Besucher nervös machen. Wenn aber alle Masken tragen, fühlen sich die Leute vielleicht sicherer.

Wie ist denn der Kartenverkauf angelaufen? Kann man einen Unterschied zum Vorjahr feststellen?

Der Verkauf läuft ziemlich gut. Wir bieten heuer etwas mehr als 60 Prozent des üblichen Programms, weil ja das Festival um drei Tage verkürzt wurde. Eigentlich hatten wir die Hälfte des Vorverkaufs vom Vorjahr erwartet, aber wir halten bei rund 70 Prozent. Natürlich sind die Leute etwas zurückhaltender, aber es ist trotzdem viel mehr, als ich erwartet habe.

Die Viennale ist dafür berühmt, dass viele Gäste ihre Filme nach Wien begleiten und mit dem Publikum Gespräche führen. Virtuelle Zuschaltungen sind geplant, aber wird es auch internationale Gäste „live“ geben?

Wir erwarten auch heuer internationale Gäste, etwa Abel Ferrara, Gianfranco Rosi oder Susanna Nichiarelli, die Regisseurin des Eröffnungsfilms. Alle Gäste aus dem Ausland müssen einen negativen Corona-Test vorweisen, der höchstens 48 Stunden alt ist.

Nicht nur die großen Studios, auch der Arthouse-Sektor hat heuer Filme zurückgehalten. Wie schwierig war die Programmgestaltung?

Das stimmt, verschiedene Filme warten auf die neue Festivalsaison – beispielsweise der Film des Thailänders Apichatpong Weerasethakul. Andere Filme wurden etwa auf die Liste des Festivals in Cannes gesetzt, das heuer ja nicht stattfand. Von dieser Liste habe ich etwa den neuen Film von Thomas Vinterberg „Druk“ („Der Rausch“) ausgesucht. Insgesamt gibt es heuer weniger Filme und mehr Wiederholungen, damit genügend Leute die Arbeiten auch sehen können. Aber am Ende des Tages hatte ich mehr Filme zur Auswahl, als ich zeigen konnte.

Wie sieht es mit Netflix-Filmen aus? Auf dem Festival in Venedig haben sie gefehlt.

Ja, manche Player sind nicht dabei, zum Beispiel Netflix-Filme. Netflix hat entschieden, aufgrund von Corona nicht auf Festivals aufzutreten, deswegen konnte ich auch keine Netflix-Filme für die Viennale programmieren. Normalerweise laufen auf dem Filmfestival in Venedig viele Netflix-Filme, die heuer komplett gefehlt haben. Aber ich fand das Programm interessant, weil andere Regisseure zum Zug kamen. Auch mit meinem eigenen Programm bin ich sehr glücklich.

Trotzdem muss man sagen, dass Netflix sich nicht damit hervortut, die gerade gefährdete Filmfestival- und Kinokultur zu unterstützen.

Das ist wirklich sehr traurig. Besonders was Venedig betrifft, wo Netflix immer sehr viel Platz eingeräumt bekam, sogar im Hauptwettbewerb. Netflix flirtet mit großen Kinoautoren wie Alfonso Cuarón und „Roma“, aber der Regisseur war es, der auf einen Filmstart im Kino bestand. Jetzt, im Chaos von Corona, zeigt Netflix keinerlei Interesse an der Kinokultur.

Was ist eigentlich mit dem neuen Film von Matt Dillon passiert? Seine Doku über den kubanischen Sänger „El Gran Fellove“ stand am Sommer noch auf dem Viennale-Programm, fehlt jetzt aber.

Das ist ebenfalls ein Beispiel für das abnehmende Interesse an Filmfestivals: „El Gran Fellove“ wurde von einer US-Produktionsfirma gekauft, die den Film auf einer Streamingplattform zeigen will. Die sind jetzt nicht mehr daran interessiert, dass der Film auf einem Festival läuft. Das war aber nicht Matt Dillons Entscheidung.

Es stellt sich auch die Frage, ob Venedig-Gewinner „Nomadland“, der auf der Viennale zu sehen ist und Disney gehört, ins Kino kommt. Die letzten beiden Disney-Filme gingen sofort auf Disney+.

Ich hoffe sehr, dass „Nomadland“ im Kino startet. Aber klar, im Moment der Krise denken die großen Konzerne nur an ihre Gewinne. Darum respektiere ich das Festival von Cannes auch so sehr, weil es eines der wenigen ist, das Druck auf die großen Studios ausübt, die Filme ins Kino zu bringen.

Die Viennale online war für Sie keine Option?

Nein. Ich habe nichts gegen das Streamen, aber online kam gar nicht infrage. Ich glaube fest daran, dass Filmfestivals etwas ganz Besonderes sind. Sie bieten Filmliebhabern ein einzigartiges Erlebnis. Die Viennale ist ein Festival für das Publikum und für Filme, die man im Kino ansieht.

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