Kultur
20.11.2018

Vienna Art Week: Prekäre Ausflüge ins Paradies

Die Aktionswoche ist ein Anlass, die weniger offensichtlichen Kunstschätze Wiens zu entdecken

Was ist diese „Vienna Art Week“, und für wen ist sie gemacht? Auch bei der 14., bis zum Sonntag laufenden Ausgabe fällt es dem regelmäßigen Beobachter und Teilnehmer (Offenlegung: der Autor steuerte auch Beiträge zum Programmheft bei) schwer, eine klare Antwort zu geben.

Was als Branchentreff und als Marketingaktion für Kunstsammler begann, zielt heute auf ein breiteres Publikum ab, wobei der Nutzen schwer zu quantifizieren sei, wie Co-Initiator Martin Böhm, Chef des Hauptfinanciers Dorotheum, erklärt: Da Institutionen vom Museum bis zum Projektraum Programmpunkte beisteuern, sind Besucherzahlen schwer zu erheben. Das Ziel sei, „nach außen und innen darzustellen, dass Wien eine Kunststadt ist“, so Böhm. Ein Erfolg sei, wenn „das Angebot gut angenommen wird und die Leute sich wohlfühlen.“

Eden und Elend

Der Wohlfühlfaktor ist heuer womöglich besonders hoch, hat sich die Woche doch Paradiesversprechungen („Promising Paradise“) als Thema auf die Fahnen geschrieben. Dass Kunstschaffende eher selten im Paradies, sondern meist in sehr prekären Verhältnissen leben, hat eine Studie des Bundeskanzleramts allerdings soeben erneut festgestellt. Umso erstaunlicher ist es, was die Szene – in Wien, aber natürlich auch anderswo – in Eigeninitiative auf die Beine stellt.Natürlich können Kunstinteressierte in Wien fast täglich Vernissagen, Führungen und Vorträge besuchen und Kunstorte bis hin zur Wohnzimmergalerie aufspüren. Doch wer nimmt sich tatsächlich Zeit dazu? Die „Art Week“ bietet mit ihren Veranstaltungen (siehe rechts) tatsächlich einen Anlass, die bekannten Pfade des Kunstkonsums zu verlassen. Im Folgenden einige höchst subjektive Empfehlungen.

Museum trifft Off-Space

Dass etwa Margot Pilz, eine der zentralen Figuren der feministischen Kunst in Österreich, während der „Art Week“ nicht in einem Museum, sondern in einer kleinen Off-Galerie ausstellt, ließe sich als Indiz für die fehlende Akzeptanz ihres Werks deuten – aber auch als Hinweis auf die Offenheit der Künstlerin. Im Ausstellungsraum flux23 im T/abor (Taborstraße 51/3, 1020) sind Pilz’ Werke neben Arbeiten der jungen Künstlerin Veronika Dirnhofer zu sehen. Originalarbeiten aus den 1970er-Jahren, darunter ein Foto des 1979 errichteten „Hausfrauendenkmals“, stehen hier neben neuesten Bild-Inszenierungen, mit denen Pilz derzeit auch in der Schau zum Japonismus im BA-Kunstforum präsent ist. Keramik-Objekte bilden die Brücke zu Dirnhofer, die ebenfalls mit Ton arbeitet, sonst aber luftige abstrakte Malerei auf Papier zeigt.

Bezüge zum Paradies-Thema wirken in solchen Konstellationen eher konstruiert, manchmal gibt das Thema aber auch eine Perspektive vor: So scheinen die Objekte des Mexikaners José Davila im Parterre des Hauses Franz Josefs Kai 3 auf die Vorläufigkeit jedes harmonischen Zustands zu verweisen. Glasplatten, Kugeln und Betonwürfel werden bei Davila mit simplen Ratschengurten zu Objekten verschnürt, die ihren Zauber aus dem Wissen beziehen, dass sie jeden Moment zerfallen könnten. Was stellenweise an die Postminimal Art eines Richard Serra oder Robert Morris erinnert, ist bei Davila durchaus auch vom labilen Gleichgewicht in Gesellschaften wie jener Mexikos inspiriert (bis 30.11., während der „Art Week“ Mi. und Fr. bis 20 Uhr geöffnet).

Angewandt und virtuell

Im 3. Stock des Hauses Franz Josefs Kai 3 residiert auch der Neue Kunstverein Wien, der am 22. 11. eine Gruppenschau zum erweiterten Skulpturbegriff eröffnet und als Startpunkt einer Tour durch alternative Kunsträume dient (17.30 Uhr). Die Universität für Angewandte Kunst, die sonst im selben Haus ihr „Innovation Lab“ betreibt, ist dafür im Kunstraum Niederösterreich präsent: Hier zeigt die Klasse digitale Kunst in der Schau #fuckreality (bis 24.11., Führung und Performance 22.11. 18 Uhr), welche Möglichkeiten Datenbrillen, Apps und der Fulldome – eine Art Mini-Planetarium für interaktive Virtual-Reality-Projektionen – der Kunst heute bieten.

Die jährliche Leistungsschau der Angewandten, The Essence, eröffnet heute, Dienstag, ebenfalls in Kooperation mit der „ Vienna Art Week(19 Uhr, Obere Zollamtsstraße 3). Ob die Generation, die hier ihre Ideen präsentiert, einmal paradiesische Zustände erleben wird? Man arbeitet jedenfalls daran.