Kultur
27.12.2012

Neue Heimat für die "Verrückten" im Glücksgefühl

Tirol hat ein neues Festspielhaus, das bei der feierlichen Eröffnung mit "Herzog Blaubarts Burg" bereits beeindruckte.

Jeder, der mit ihm in Berührung kommt, wird Opfer einer Spontan-Infektion. Die Menschen tun verrückte Dinge“, sagte der mit Bravo-Rufen begrüßte Unternehmer Hans Peter Haselsteiner. Er, das ist Gustav Kuhn – Dirigent, Komponist, Regisseur und seit 1998 Intendant in Erl. „Die verrückten Dinge“ – das ist der 36 Millionen Euro teure Bau eines neuen Festspielhauses, das in Erl auch Winterfestspiele ermöglicht. 20 Millionen der Kosten hat Haselsteiner, Präsident der Festspiele, beigetragen. Den Rest gaben Bund und Land.

Und seit der Eröffnung ist klar: dieses Festspielhaus ist ein Geschenk. Architektonisch (Delugan/Meissl) und optisch ein Traum; akustisch eine Sensation. 862 Zuschauer haben Platz, die Bühnengröße beträgt stolze 450 Quadratmeter und auch der größte Orchestergraben der Welt befindet sich nun in Erl.

Mit „Pauken und Trompeten“ wurden die zahlreichen prominenten Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kunst begrüßt – Haselsteiner ortete „eine Mischung aus Verrücktheit und Glücksgefühl“. Der Mäzen nahm aber auch die öffentliche Hand als Geldgeber „gerade in Zeiten der Krise“ in die Pflicht.

Ähnlich Tirols Landeshauptmann Günther Platter, der sich „gegen die Vernachlässigung der Kunst in Krisenzeiten“ aussprach. Auch Bundespräsident Heinz Fischer spürte, dass das „ein ganz besonderer Tag ist“. Und Maestro Kuhn? Dieser äußerte sich erst ganz am Ende. „Ich probiere mit Freude und Stolz diese Akustik aus“, so Kuhn vor dem finalen Feuerwerk.

Festspielhaus Erl

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NEUES FESTSPIELHAUS ERL

Festspielhaus Erl

NEUES FESTSPIELHAUS ERL

NEUES FESTSPIELHAUS ERL

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NEUES FESTSPIELHAUS ERL

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NEUES FESTSPIELHAUS ERL

NEUES FESTSPIELHAUS ERL

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Festspielhaus Erl

Bayreuth-Flüchtlinge

Womit wir endgültig bei der Musik wären. Kuhn sieht das neue Haus auch als Refugium für „aus Bayreuth flüchtende Wagnerianer“, will sich hier der Nachwuchsarbeit, aber auch ungewöhnlichen Projekten widmen. Passend also, dass auch der musikalische Teil unkonventionell war. Werke von Rossini, Bellini und Donizetti – dargeboten von meist jungen Sängern– prägten den ersten Teil, den das Orchester der Tiroler Festspiele Erl mit diversen Dirigenten (aber nicht mit Kuhn am Pult) souverän meisterte. Dazu kamen Uraufführungen von Angelo di Montegral ( Kuhns Pseudonym als Komponist) sowie des Schweizers Daniel Schnyders. Alles heftig akklamiert, alles auf hohem Niveau präsentiert.

Sensationelle Akustik

Die Akustik – sie ist fabelhaft, duldet kaum Fehler, ist samten, aber auch extrem durchlässig. Bellini etwa in jeder Schattierung, in völliger Transparenz erfahrbar. Wie klingt dann wohl erst Wagner? Eine Vorahnung darauf brachte der zweite Teil der Eröffnung: Béla Bartóks orchestral groß besetzter, expressiver Einakter „Herzog Blaubarts Burg“. Dirigent Tito Ceccherini führte das exzellente Festspielorchester durch alle Klippen der Partitur; als Judith überzeugte Marianna Szivkova, als markanter Blaubart gefiel Andrea Silvestrelli. Gesungen wurde in ungarischer Sprache. Auch das kein Problem, denn Erl hat eine Übertitelanlage.

Auch auf die ästhetische Ausrichtung der Festspiele gab es einen ersten Ausblick. Kuhn selbst inszenierte diesen „Blaubart“ mit wenigen Dekors (Bühne: Jan Hax Halama), schönen, modernen Kostümen (Lenka Radecky), einer guten Lichtregie (Wolfgang von Koubek und Kuhn) sowie einer psychologischen Tiefenschärfe. Bartók ganz schnörkellos, puristisch, aber im Geiste des Komponisten.

Erl hat also ein neues Winterfestspielhaus. Und das ist – um Salzburgs Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler zu zitieren – „in Zeiten, wo anderswo Häuser geschlossen werden, ein mehr als schönes und wichtiges Zeichen“.