Kultur
16.06.2014

Verhüllter Ringturm wurde eingeweiht

Arnulf Rainer über den "Schleier der Agnes", Kunst, Kirche und seine Ideen für die Essl-Sammlung.

85 Jahre wird Arnulf Rainer im kommenden Dezember alt, überraschen lässt sich der Maler immer noch gern. Erstmals ließ er nun eines seiner Bilder auf die Größe eines Hochhauses "aufblasen" – am Montag, 16. Juni wurde Rainers Verhüllung des "Ringturms" am Wiener Schottenring offiziell eingeweiht.

KURIER: Das Projekt trägt den Titel "Der Schleier der Agnes", was auf die Gründungslegende des Stifts Klosterneuburg verweist. Das Bild hat aber mit der Legende nicht wirklich zu tun.

Arnulf Rainer: Es gibt von mir eine Serie von Schleierbildern aus den 1990er-Jahren. Ein anderer Künstler würde vielleicht das ganze Gebäude in einen schwarzen Schleier hüllen. Ich habe auch daran gedacht, aber erst einmal wollte ich kein katholischer Christo sein, und zweitens war es eine Bedingung, dass die Verhüllung nicht schwarz ist, denn die Büros dahinter zehren vom Licht der Fenster. Deshalb habe ich ein paar Vorschläge aus der Schleierserie gemacht.

Wie geht es Ihnen damit, dass das Bild nun in einen katholischen Kontext gestellt wird?

Das Schleiermotiv gibt es ja nicht nur in der katholischen Form. Es gibt die Schleiertänzerin – die ist auf keinen Fall katholisch. Der Schleier ist ein Kleidungsstück, es hängt davon ab, was der Betrachter hineinprojiziert.

Die Fotos vom verhüllten Ringturm

Die Fotos vom verhüllten Ringturm

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Ringturm…

Ringturm…

Ringturm…

Ringturm…

Ringturm…

Arnulf Rainer verhüllt den Ringturm mit dem "Schle

Das Stift Klosterneuburg sucht derzeit den Dialog mit jüngeren Künstlern, in der Votivkirche ging gestern eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu Ende. Wie haben Sie den Dialog zwischen Kunst und Kirche über die Jahre verfolgt?

Der Otto Mauer (1907– ’73, Priester und Gründer der "Galerie nächst St. Stephan", in der Rainer oft ausstellte, Anm.) war sicher ein Kämpfer für die Kirche und die zeitgenössische Kunst. Er ist eigentlich sehr stark auf Ablehnung in der Kirche gestoßen, man hat ihn zwar nicht bekämpft, aber nur geduldet. Jetzt ist längst die nächste Generation der Geistlichen und Entscheidungsträger in der Kirche da. Otto Mauer hat Einfluss gehabt, und er war überzeugend. Diese Überzeugungskraft setzt sich heute fort. Aber das läuft parallel dazu, dass die Moderne überhaupt ein breiteres Publikum bekommen hat.

Welche Rolle spielte die christliche Tradition in Ihrer Arbeit?

Ich war in den 1950er-Jahren, am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn, sehr beeinflusst von der "Negativen Theologie". Ich bin in Theologie nicht so gut, dass ich Ihnen da ein Referat halten kann. Aber ich habe gelesen und mich vertieft, und das hat sich sicher in meiner Malerei in den 1950er- und 60er-Jahren materialisiert, als meine Schwarzen Bilder entstanden sind. Ein Künstler ist ja nicht dazu da, dass er Sätze wiederholt oder theologische Spekulationen anstellt, sondern dass er das direkt ins Bildnerische zu übersetzen versucht. Mich hat das damals sehr fasziniert, diese Welt der Dunkelheit und der dunklen Formen.

Im Herbst zeigt die Albertina eine große Retrospektive Ihrer Arbeit. Wie laufen die Vorbereitungen dazu?

Bei der Auswahl der Albertina kommen die meisten Werke von einer Adresse, nämlich von mir. Der Kurator, Helmut Friedel, hat eine freie Auswahl. Ich mische mich da überhaupt nicht ein und bin selbst neugierig, was da als wichtig gesehen und was weggelassen wird. Bei einer Sache bin ich etwas unzufrieden: Ich habe eine größere Anzahl von alten Büchern, in denen ich einzelne Illustrationen und Bilder überarbeitet habe. Die möchte ich gern zeigen, und das ist zum jetzigen Stand aus technischen Gründen scheinbar nicht möglich.

Ist mit der Albertina-Ausstellung auch eine Donation oder ein Ankauf verbunden?

Die Albertina hat angekauft – und für jeden Ankauf kriegt sie von mir auch etwas gestiftet. Es muss in sehr materieller Weise ein Interesse gezeigt werden, dann komme ich erst mit einer Stiftung. Es hängt bei Museen immer auch sehr viel davon ab, wieweit da ein privater Stifter vorhanden ist. Dieses Stiftungswesen ist in den deutschen Museen gang und gäbe, deswegen sind sie auch so reich bestückt. Hier in Österreich ist das nicht so, wenn sich jemand für einen Künstler einsetzt, macht er höchstens selbst ein Museum, und dann steht das halt meistens in den Regionen.

Wie wichtig ist die Essl-Sammlung für Sie als Künstler?

Ich hoffe, dass die Essl-Sammlung zusammenbleibt. Ich kann mir da nur vorstellen, dass von der Nationalbank als auch vom Bundespräsidenten irgendwann die Idee einer österreichischen Kulturstiftung kommt. Wo dann Bilder, die bei den Banken landen – etwa aus der Essl-Sammlung – an diese nationale Stiftung nicht geschenkt, sondern nur geliehen werden. Und diese Nationalstiftung entscheidet dann selbst, was sie mit diesen Werken macht – aber langfristig gesehen. Das ist die einzige Möglichkeit. Man kann von einer Bank nicht verlangen, dass sie so etwas schenkt, weil sie muss es ja als Reserve haben. Aber bei den großen Banken ist da nicht so eine große Gefahr. Es wundert mich, dass so etwas nicht sehr stringent angestrebt wird.

Auch das Arnulf-Rainer-Museum in Baden feiert heuer sein fünfjähriges Bestehen. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Ich bin bis jetzt zufrieden, muss allerdings sagen, dass auch viel Arbeit damit verbunden ist. Aber wir haben immer mehr Besucher, das Museum wird immer mehr angenommen. Ich weiß, das man so etwas nicht überall machen kann, aber ich kann mir vorstellen, dass jedes Bundesland für einen wichtigen Künstler so ein Museum machen könnte. Die Entscheidung dazu muss natürlich an Ort und Stelle gefällt werden.

Die GründungssageDer Legende nach standen Markgraf Leopold von Österreich und seine Frau Agnes einst am Leopoldsberg, um über die Gründung einer Kirche zu beraten, als Wind aufkam und Agnes ihren Schleier vom Kopf riss. Erst acht Jahre später fand Leopold bei der Jagd den Schleier, der unversehrt auf einem Holunderbusch hing. Man wertete dies als göttliches Zeichen und errichtete an jener Stelle das Stift Klosterneuburg. Dieses feiert heuer sein 900-jähriges Bestehen.

Kloster und Konzern Der Propst des Stiftes Klosterneuburg zählte 1824 zu den „Gründervätern“ der „Wechselseitigen k.k. Brandschadenversicherung“, aus der später die „Wiener Städtische“ hervorging. Der Ringturm ist das Hauptquartier der Versicherung. Die Fassade wird heuer zum siebten Mal verhüllt, das Werk ist bis September zu sehen.

Arnulf Rainers Verhüllung am Ringturm (Schottenring 30, 1010 Wien, www.vig.com/de/ringturm) wird bis 11. Juli von einer kleinen Ausstellung begleitet, in der die Vorlage der Fassadengestaltung gemeinsam mit anderen „Schleierbildern“ zu sehen ist.

Weiter ins Frühwerk Rainers kann man im Essl Museum in Klosterneuburg blicken: In der Ausstellung „Made In Austria“ (noch bis 24. 8.) ist Rainer und seiner einstigen Partnerin, der kürzlich verstorbenen Maria Lassnig, ein Raum mit zentralen Werken von 1951 bis in die 1980er-Jahre gewidmet (www.essl.museum).

Das Arnulf Rainer Museum in Baden bei Wien konfrontiert die Arbeiten des Meisters immer wieder mit Werken anderer Künstler: Bis 5. Oktober ist dort die Schau „Durcheinander/Commotion“ zu sehen, die Rainers Bilder mit Werken des britischen Kunststars Damien Hirst in Beziehung setzt (www.arnulf-rainer-museum.at).

Die Pinakothek der Moderne in München, die von Rainer 2012 mit einer großen Schenkung bedacht wurde, zeigt von 12. Juli bis 28. September im Neuen Schloss Herrenchiemsee in Bayern die Schau „Königsklasse 2“ mit zahlreichen Arbeiten des österreichischen Malers (Infos auf www.schloesser.bayern.de).

Von 3. September bis zum 6. Jänner 2015 präsentiert schließlich die Albertina in Wien eine groß angelegte Retrospektive von Rainers malerischem und grafischem Werk. Kuratiert wird die Schau, die 2015 ins Frieder-Burda-Museum in Baden-Baden wandert, von Helmut Friedel, der bis vor Kurzem dem Münchener Lenbachhaus als Direktor vorstand.