Dev Patel ist unwiderstehlich als David Copperfield, der seinem wechselnden Schicksal gewitzte Wortspiele entgegenhält 

© Constantin

Filmstarts der Woche
09/24/2020

Verfilmung des Dickens-Klassikers: Happy End mit Esel

Charmeoffensive mit Dev Patel als David Copperfield, Lars Eidinger lernt Persisch und eine Iranerin kämpft im TV um ihr Leben

von Alexandra Seibel

Wer Charles Dickens hört, denkt an „Oliver Twist“, düsteren Sozialrealismus und melancholische Literaturverfilmung. Doch weit gefehlt, wenn es sich um die Adaption von Dickens’ Meisterwerk „David Copperfield“ unter der Regie von Satiriker Armando Iannucci handelt.

Der schottische Regisseur, Film- und Fernsehproduzent mit italienischen Wurzeln lancierte preisgekrönte Comedy-Formate wie „The Thick of It“ und dessen US-Remake „Veep“. Im Kino knöpfte er sich zuletzt „The Death of Stalin“ (2017) vor und landete damit eine der witzigsten und bösartigsten Begräbnisfilme, die man sich vorstellen kann.

Dass sich Iannucci als nächstes Kinoprojekt ausgerechnet Dickens’ autobiografisch gefärbten Bildungsroman vorknöpfen würde, war nicht abzusehen. Weit weniger verbiestert als „The Death of Stalin“, aber sehr lustig, lässt er das bewegte Schicksal des frühverwaisten Copperfield als Quell guter Laune und skurriler Komik sprudeln. Zudem überrascht er mit einer exquisiten Besetzung, die von Dickens’ weißem England nicht viel übrig lässt und stattdessen ein beschwingtes, multikulturelles Ensemble bereithält.

Holländischer Käse

Dev Patel, der Brit-Star aus „Slumdog Millionär“, legt seine Rolle als treuherziger David Copperfield wie eine einzige Charmeoffensive durch die eigene Biografie an. Mit unwiderstehlichem Elan erzählt uns Copperfield von seiner Geburt, den frühen glücklichen Kinderjahren und schließlich der Neuvermählung seiner verwitweten Mutter. Schon zieht der Stiefvater mitsamt seiner muffigen Schwester ein, deren Gesicht aussieht „wie holländischer Käse“.

Der neue Mann im Haus schwingt die Peitsche, um dem kleinen Copperfield Manieren beizubringen, stolpert aber zuerst einmal über den gefüllten Nachttopf, ehe er zur Tat schreiten kann. Selbst grausame Details wie prügelnde Erziehungsberechtigte spickt Iannucci mit kleinen Absurditäten und hält dadurch die Laune hoch.

Copperfield selbst lässt sich durch keinerlei Bösartigkeiten von seinem heiter-komischen Weltbild abbringen und verwandelt seine Beobachtungen in treffliche Wortwitze.

Zudem ist er verliebt: Gerade wieder zu Geld gekommen, umschwärmt er eine Blondine mit Korkenzieherlocken, die nicht gerade von des Gedankens Blässe angekränkelt ist. Von Copperfields gewitzten Bemerkungen versteht sie keine einzige, hält dafür aber mit Vorliebe ihr Schoßhündchen auf Wangenhöhe und macht mit dessen Pfote winke, winke.

Tilda Swinton als Copperfields verrückte Tante ist eine zuverlässige Humorspenderin, egal, ob sie harmlose Esel von ihrem Rasen tritt oder mit ihrem Cousin kommuniziert: Dieser verwechselt sich mit dem enthaupteten König Charles und muss gelegentlich überprüfen, ob der Kopf noch sitzt.

Die historischen Kostüme bestechen durch Pointiertheit, nicht durch Übertreibung und garantieren einen bunten Bilderfluss, den Armando Iannuci fröhlich vor sich hertreibt. Der Schluss kommt dann zwar etwas abrupt, aber das Happy End gilt für (fast) alle, sogar für Esel.

INFO: GB/USA 2019. 119 Min. Von A. Iannucci. Mit Dev Patel, Tilda Swinton.

Filmkritik zu "Persischstunden": Sprachunterricht für Nazis

„Inspiriert von wahren Begebenheiten“, behauptet Regisseur Vadim Perelman über seinen   neuen Film „Persischstunden“. Allerdings diente dem ukrainisch-stämmigen, amerikanischen Regisseur („Haus aus Sand und Nebel“)    die  Erzählung „Erfindung einer Sprache“ von Wolfgang Koolhase als Vorlage und zieht die Ereignisse ins Fiktive.

„Ich bin nicht Jude, ich bin Perser!“

Mit dieser Lüge rettet ein junger, belgischer Jude namens Gilles im besetzten Frankreich von 1942 sein Leben. Er gibt sich als Perser namens Reza aus und  wird von der SS in ein Lager gebracht. Zufälligerweise befindet sich dort  ein Hauptsturmführer, der  brennend daran interessiert ist, Farsi zu lernen: Er engagiert den vermeintlichen Perser als Sprachlehrer.

Lars Eidinger als Hauptsturmführer Klaus Koch spielt seinen Nazi als pedantischen Einzelgänger, unbeliebt auch unter seinen deutschen SS-Kollegen. Reza ist gezwungen, jeden Tag neue, angeblich persische Vokabeln zu erfinden, sie seinem „Schüler“ beizubringen und  sie sich auch selbst zu merken. Diese schier unmögliche Aufgabe löst er schließlich mit einem Trick: Zu seinen Aufgaben gehört es, die Namen der ins Lager gebrachten Juden aufzuschreiben. Er wandelt jeden Namen in ein erfundenes „persisches“ Wort um und kann es mithilfe dieser Eselsbrücke leichter lernen.

Schauspieler-Duell

Perelman ist kein sonderlich innovativer Filmemacher,  verzichtet aber auf  unnötiges Pathos und punktet  mit nuanciertem Schauspiel. Eidinger und sein „Perser“, gespielt von dem ebenfalls herausragenden Nahuel Pérez Biscayart (bekannt aus dem Aids-Aktivismus-Drama „120 BPM“), ergeben ein spannungsgeladenes Lehrer-Schüler- beziehungsweise Täter-Opfer-Paar.   Ihr durchaus  ebenbürtiges Schauspieler-Duell bietet packende, intensive und auch sinister-komische Momente.  Als Darstellungsversuch des Holocausts bleibt Perelmans Schulstunde jedoch insgesamt zu vage –  und zu kulissenhaft.

In einer  ergreifenden Wendung jedoch  wird Rezas Fake-Sprache zur Trägerin des Gedächtnisses: Obwohl die Nazis bei Kriegsende alle Listen von den Ermordeten verbrennen, kann Reza über 2.000 Namen  memorieren. Und diese Idee  macht    „Persischstunden“ dann doch wieder zu einem sehr berührenden Erinnerungsfilm. 

INFO: RUS/D/BLR 2019. 127 Min. Von Vadim Perelman. Mit Lars Eidinger, Nahuel Pérez Biscayart.

Filmkritik zu "Yalda": Vergebungsshow mit Todesstrafe

Wie eine Discokugel strahlt der Fernsehturm von Teheran, hoch über den Lichterschlangen der Autokolonnen. Davor hält ein Auto mit blinkendem Blaulicht und schriller Sirene. Uniformierte Polizisten führen eine junge Frau in Handschellen hinein – zur Aufzeichnung einer TV-Sendung. „Im Namen Gottes, des Barmherzigen“, begrüßt der Moderator sein Publikum. Die Zuschauer dürfen per SMS am Geschehen teilnehmen. Es geht  um die Frage: Hat Maryam es verdient, dass man ihr vergibt? Die 1 für ja. Die 2 für nein.

Die junge Frau wurde im Iran wegen Mordes an ihrem Ehemann verurteilt und soll gehängt werden. Vergeltung ist ein integraler Bestandteil der islamischen Rechtsordnung, aber die Scharia räumt der Familie des Opfers auch die Möglichkeit der Vergebung ein. Das Urteil wird dann in eine mildere Strafe umgewandelt und die Hinterbliebenen erhalten ein sogenanntes Blutgeld.

Blutgeld

Dieser Brauch hat im Iran tatsächlich das TV-Format einer Vergebungsshow hervorgebracht. Verurteilte und Opfer bzw. die Hinterbliebenen sollen sich vor laufender Kamera publikumswirksam versöhnen. Über Zuschauer- und Sponsorenspenden wird   das „Blutgeld“ eingesammelt, das sich die Delinquenten sonst nicht leisten könnten. Vergibt die Familie nicht, wird das Todesurteil vollstreckt.

Nur leicht satirisch überhöht macht der iranische Regisseur Massoud Bakhshi diese für uns  befremdliche Form der TV-Unterhaltung zum spannenden Spielfilm.

Der „Fall“: Maryam,  Tochter eines Chauffeurs, war noch ein Kind, als sie mit dem reichen und vierzig Jahre älteren Unternehmer Nasser in eine sogenannte Zeit- bzw. Genuss-Ehe gedrängt wurde. Zum Deal gehörte, dass er sie nicht schwängern durfte. Als sie doch schwanger wird, will Maryam ihr Kind behalten. Es kommt  zum Streit mit dem  Ehemann. Sie stößt ihn von sich. Ein tödlicher Sturz ist die Folge. Maryam wird als Mörderin verurteilt.

Nun soll Mona, Nassers Tochter aus erster Ehe, der „Mörderin“ vergeben. Als Höhepunkt einer TV-Unterhaltungsshow, die im Film zum beklemmenden Kammerspiel wird – zum Sittenbild der iranischen Gesellschaft. „Bleiben Sie dran“, fordert der Moderator der Show. Das lässt sich auch von diesem Film sagen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: F/DCH/LUX  2019. 89 Min. Von Massoud Bakhshi. Mit Sadaf Asgari, Behnaz Jafari.

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