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Kultur
12/05/2011

Vargas Llosa: "Wir brauchen Geschichtenerzähler"

Der Nobelpreisträger ist als Star der Aktion "Eine Stadt. Ein Buch" auf Besuch in Wien. Dem KURIER gab er sein einziges Zeitungsinterview.

von Birgit Braunrath

Das Leben spielt mit ihm. 1990 sah alles danach aus, dass Mario Vargas Llosa der nächste Präsident von Peru werde. Er wurde es nicht. 2010 sah nichts danach aus, dass Mario Vargas Llosa der nächste Literaturnobelpreisträger werden würde. Es kam anders ... Der Schriftsteller und Politiker nimmt das, was kommt. Nicht resignierend, sondern mit dem Sendungsbewusstsein eines reinen Optimisten.
Diesen Optimismus versprühte er am Dienstag in Wien, wo sein Buch "Der Geschichtenerzähler" 100.000 mal gratis verteilt wird. Seine Begeisterung steckt an, und so rissen ihm die Wienerinnen und Wiener die ersten Bücher bei der Verteilung in der Wiener Hauptbibliothek förmlich aus der Hand. Im Grand Hotel am Ring traf er davor den KURIER als einziges Printmedium zu einem Gespräch.

KURIER: Herr Vargas Llosa, als Schriftsteller und Politiker haben Sie stets für die Rechte des Einzelnen gekämpft, ohne nach Applaus zu schielen. Was bedeuten Ihnen Ihre vielen Auszeichnungen?
Mario Vargas Llosa: Ich habe nie um Preise gebeten, aber ich bin glücklich darüber. Nur ein einziges Mal, bei meinem allerersten Buch, habe ich geschrieben, um einen Preis zu bekommen, da war ich sehr jung (lächelt).

Was hat sich seit dem Literaturnobelpreis geändert?
Meine Zeit ist knapper geworden. Aber ich bin derselbe geblieben, nur um einige Erfahrungen reicher. Der Enthusiasmus für meine Berufung - das Schreiben, das Erzählen - ist ungebrochen.

Schön, dass Ihr Enthusiasmus heuer die Aktion "Eine Stadt. Ein Buch" beflügelt . . .
Ich freue mich. Es ist ein großartiges Projekt, eine wunderbare Initiative, die die breite Masse zum Lesen von Literatur ermutigt.

Manche Menschen lesen nur ein Buch im Jahr: das Gratisbuch. Was sagen Sie denen?
"Wenn Sie dieses eine Buch mögen, lesen Sie weiter! Und wenn Sie auf den Geschmack gekommen sind, werden Sie nicht mehr aufhören."

Wann soll man mit dem Lesen beginnen?
Wenn man die Leidenschaft fürs Lesen wecken will, dann in der Kindheit. Wer das in der Jugend nicht erlebt, hat es später schwer.

Gibt es Bücher, die Sie öfter als einmal gelesen haben?
Viele, zum Beispiel Faulkners "Licht im August", ein Buch, das ich besonders mag. Auch die großen Dichter des 19. Jahrhunderts - Victor Hugo, Flaubert, Dostojewski. "Krieg und Frieden" habe ich zwei Mal gelesen (gebunden, je nach Ausgabe, ca. 1600 Seiten, Anm.), ich liebe Tolstoi!

Auch Österreicher?
Ja, einige! Ich bin ein großer Bewunderer von Joseph Roth. "Radetzkymarsch" ist eine der besten Polit-Novellen, die ich gelesen habe. Ich lese auch die großen Denker, vor allem Popper. "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" ist wohl jenes Buch, das den größten Einfluss auf mein politisches und wirtschaftliches Denken hatte.

Sir Karl Popper vertrat die Ansicht, der Intellektuelle habe die Pflicht, das, was er gelernt und erkannt hat, der Gesellschaft in einfachen Worten weiterzugeben. Sehen Sie das als Ihre Aufgabe?
Ja, in gewisser Weise tue ich das. Denn ich habe mich immer mit den kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen einer Zeit auseinandergesetzt und das in meine Bücher, Essays und Artikel projiziert.

In Diktaturen ist Lesen - und Schreiben - eine Möglichkeit, geistige Freiheit zu erlangen.Sind Bücher in Demokratien weniger attraktiv?
In Demokratien fehlt die Überzeugung, dass Bücher die geistige Freiheit verteidigen, sie sind einfach da. In autoritären Systemen ist jedes gute Buch eines, das die herrschenden Zustände kritisiert. Deshalb wurde die Zensur erfunden, deshalb stellen Diktatoren Bücher unter Generalverdacht - und zurecht! Bücher können sehr subversive Kräfte freisetzen.

Wird Ihr "Geschichtenerzähler" (so der Titel des Buches, das derzeit gratis in Wien ausgegeben wird) ebenso subversiv die Menschen zum Lesen verführen?
Ja, wir brauchen Geschichtenerzähler und die Parallelwelten, die Sie uns erschließen, weil wir nie ganz zufrieden sind im Leben. Wir wollen immer ein bisschen mehr als das, was wir haben.

In New York und einigen europäischen Städten protestieren die Menschen gegen die Macht der Finanzmärkte. Wie stehen Sie dazu?
Ich kann die Proteste verstehen. Die Art und Weise, wie in der freien Welt wirtschaftliche Möglichkeiten ausgenutzt wurden, ist ein Skandal. Und es gibt Verantwortliche für die Krise: Viele Machthaber, Banker und Großunternehmer haben ihre Freiheit missbraucht, und die Kontrolle hat versagt.

Was wäre die richtige Reaktion auf dieses Versagen?
Die Mängel im bestehenden System zu beheben und nicht das System durch ein anderes zu ersetzen, das die Menschen erst recht enttäuscht. Wenn bei den Protesten populistische oder kommunistische Stimmen laut werden, muss ich sagen: "Reparieren wir das freie System, das wir haben, statt ein restriktives zu etablieren, das in vergangenen Jahrzehnten sichtbar gescheitert ist."

1990 waren Sie kurz davor, Präsident von Peru zu werden. Nach dem Sieg im ersten Wahlgang sind Sie in der Stichwahl Alberto Fujimori unterlegen, der zehn Jahre danach wegen Menschenrechtsverletzungen und Bestechung für amtsunfähig erklärt wurde. Wo stünde Peru heute, wenn Sie gewonnen hätten?
Wir hätten uns zehn Jahre Diktatur erspart. Peru macht sich ganz gut, seit dem Zusammenbruch dieses korrupten, brutalen Systems. Das hätten wir schon 1990 angehen können.

Wo stünden Sie persönlich?
Für mich persönlich war's nicht schlecht. Ich bin zu meinen Büchern zurückgekehrt, zu meiner Berufung, ich habe diese Jahre sehr genossen. Für mein Land war es eine Katastrophe.

Und Sie hätten nicht den Literaturnobelpreis . . .
. . . natürlich nicht! Im politischen Tagesgeschäft - niemals!

Ihre Dissertation beschäftigt sich mit Gabriel García Márquez. Als dieser 1982 den Literaturnobelpreis bekam, dachten Sie da, dass es schön wäre, wenn auch Sie eines Tages diesen Preis . . .
Überhaupt nicht! Ich dachte immer, ich hätte alles nur Mögliche dazu getan, den Literaturnobelpreis sicher nie zu bekommen.

Sie haben sogar gesagt, Sie schämten sich, weil Borges den Preis nie bekommen habe.
(Lacht laut) Na sicher ist es eine Schande, wenn ein lateinamerikanischer Autor einen Preis verliehen bekommt, der Borges zugestanden wäre - wenn es eine real existierende Gerechtigkeit gäbe!

Kennen Sie das Werk des heurigen Preisträgers Tomas Tranström?
Nein, leider nicht. Ich habe jetzt einige seiner Gedichte in spanischer Übersetzung gelesen. Aber davor kannte ich nichts von ihm.

Ihre politischen Ideale haben sich seit Ihrer Jugend gewandelt - von links Richtung liberal. Wo sehen Sie Hoffnung für kommende Entwicklungen?
(Holt tief Luft) Eine große Frage! Versuchen wir eine Zusammenfassung (er lacht): Der schlimmste Feind, den die Kultur der Freiheit hatte, der Kommunismus, ist so gut wie verschwunden - durch innere Fäulnis und die Unfähigkeit, große Probleme zu lösen. Die Demokratie hätte jetzt leichtes Spiel. Aber da kommen ihre inneren Feinde zum Tragen: Korruption, Habgier, das Fehlen moralischer Fundamente. Das sind die wahren Themen, die hinter der aktuellen Krise stecken. Auf lange Sicht ist das keine Wirtschaftskrise, sondern eine Wertekrise. Also müssen wir den Kampf gegen den Werteverfall aufnehmen. Korruption kann das demokratische System aushöhlen. Wenn es die Regierenden nicht schaffen, andere moralische Maßstäbe zu etablieren und selbst danach zu handeln, dann haben wir diese Art von Krise ständig - und überall.

Wenn man Fotos von Ihnen betrachtet - ob bei Siegen oder Niederlagen - ist Ihr Blick immer zuversichtlich. Woher kommt Ihre Stärke?
Zuversichtlich? Na klar, ich bin doch kein Pessimist, es gibt immer Hoffnung.

Auch wenn Sie als Geschlagener vom Feld ziehen?
Ja. Es ist doch völlig dumm, sich vom Pessimismus lähmen zu lassen. Man kann immer etwas tun. Schon der kleinste Schritt kann viel bewegen, weil er die Möglichkeit der Veränderung ins Spiel bringt. Ich glaube, diese Einstellung steckt hinter jeder großen Entwicklung. Wo waren wir denn vor 1000, vor 200, vor 50 Jahren? Wir haben viel weitergebracht. Klar, die Risiken sind enorm, aber der Fortschritt ist da, ist sichtbar, spürbar. Und wenn dem so ist, dann gibt es immer die Möglichkeit, das zu verbessern, was jetzt ist.

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