Halbgott Maui (rechts) wird von Vaiana zur Rettung der Inselwelten angestachelt.

© /Disney

"Vaiana": Reise mit dem Rüttelhuhn
12/22/2016

"Vaiana": Reise mit dem Rüttelhuhn

Herrliche Animation, flotte Handlung und bester Humor befeuern Disneys Weihnachtsfilm.

von Alexandra Seibel

Wenn Großmutter Geschichten erzählt, bricht Panik aus in der Kindergruppe. Die Kleinen beginnen ängstlich zu heulen, fallen vor lauter Schreck in Ohnmacht oder müssen sich gleich übergeben. Zu schaurig ist für die kindlichen Inselbewohner die gruselige Legende vom Halbgott Maui: Dieser stahl mit seinem Fischhaken einst einer Inselgöttin das Herz und verwandelte sie dadurch in einen aggressiven Vulkanhaufen. Mit seiner bösen Tat brachte er das gesamte Gleichgewicht von Ozeanien durcheinander.

Nur ein einziges Kind lauscht begeistert der Story: Es ist Vaiana, die Baby-Tochter des polynesischen Häuptlings und Enkelin der Geschichtenerzählerin. Wie nicht anders zu erwarten, ist sie es, die Jahre später als Teenager die Segeln setzen, ihre Insel verlassen und sich auf die Suche nach dem bösen Maui machen wird, um das Unheil wiedergutzumachen und die Heimat zu retten.

Das bewährte Regieduo Ron Clements und John Musker lieferte bereits mit seinen handgezeichneten Klassikern "Arielle, die kleine Meerjungfrau" und "Aladdin" Meilensteine im Disney-Kanon. "Vaiana" ist ihr erster Computer-animierter Film und brilliert mit fein ziselierter Animation, feurigen Farben und inspiriertem Erzähltempo. Knackige Dialoge mit hohem Witzniveau wechseln sich mit einfallsreichen Action-Ideen ab und beschleunigen eine klassische, aber nicht altmodisch erzählte Abenteuer-Geschichte. Gefälliger Gesang (manchmal auf Deutsch etwas holprig) beflügelt die Akteure und lässt auch nicht an Selbstironie missen. Sagt der Maui zu Vaiana: "Wenn du jetzt anfängst zu singen, muss ich kotzen."

Knuddeliger Krabbler

Überhaupt Vaiana: Wir begegnen ihr erstmals als knuddeliges Baby, das den Strand aufräumt und früh seine Liebe zum Meer entdeckt. Papa ist sehr dagegen und die meiste Zeit damit beschäftigt, seinen Krabbler aus dem Wasser zu fischen. Als 16-Jährige trägt Vaiana eine wilde (wunderbar animierte) Haarmähne und ist kein Hunger-Haken mit Barbie-Puppen-Maßen, sondern kernige Teenagerin. Am Ende winkt ihr nicht einmal die obligate Liebesgeschichte. Allein das muss man dem Mäuse-Studio hoch anrechnen.

Vaiana wird vom Ozean persönlich dazu ausgewählt, Maui zu finden und das Herz der Inselgöttin zu heilen. Heimlich kapert sie ein Boot und sticht in See. Einzig ein unterbelichtetes Rüttelhuhn namens Heihei, mit Augäpfeln so groß wie Ping-Pong-Bälle, steht ihr (wenig hilfreich) zur Seite.

Der visuelle Einfallsreichtum von Clements und Musker blüht im komischen Detail und scheint schier unerschöpflich: Allein das einfältige Huhn, das vor lauter Blindheit Felsbrocken pickt statt Körner, zittert als Running Gag durch fast jede Szene.

Halbgott Maui wiederum hat eine Figur wie Hulk und erweist sich als selbstverliebter Angeber. Außerdem führt er Selbstgespräche mit seinen Tattoos, die wie eine Art Comic-Strip über seinen mächtigen Busen laufen. Kugelige Piraten greifen an und erinnern in ihrem Aussehen an eine Mischung aus Kokosnuss und Gremlin. Und ein egozentrischer Riesenkrebs mit zwei Stielaugen ("Entscheide dich für eins") und Zahnbelag rockt sich in seiner psychodelischen Disco-Höhle weg.

Unterhaltung für die ganze Familie – einmal keine gefährliche Drohung.

INFO: USA 2016. 107 Min. Von Ron Clements und John Musker. MIt den Stimmen von Lina Larissa Strahl, Andreas Bourani.

KURIER-Wertung:

Hochpreisige Spionage-Affäre im eigenen Ehebett

Schon während der Dreharbeiten erhielt das Star-Vehikel "Allied" von "Forrest Gump"-Regisseur Robert Zemeckis unerwünschte Medien-Aufmerksamkeit, weil sie im Schatten der Trennung von Brad Pitt und Angelina Jolie standen. Vielleicht sieht Pitt auch deswegen so durchgehend angeschlagen aus.

An der Seite der schönen Marion Cotillard quält er sich durch ein parfümiertes Spionage-Drama aus dem Zweiten Weltkrieg, das an Leblosigkeit kaum zu überbieten ist. Wie in einem Themenpark für Geschichtsunterricht steckt Zemeckis seine Schauspieler und Schauplätze in teure Kostüme und bürstet sie auf Hochglanz. Schöne Menschen, exquisite Kleider, exorbitante production values: Kaum ein Bild in seinem Pseudo-Noir, an dem nicht ein imaginäres Preisschild hängt.

Cotillard als französische Spionin im Dienste der Alliierten bekommt in Casablanca einen franko-kanadischen Kollegen zugewiesen, den sie als Ehemann ausgeben soll. Nachdem es sich dabei um Pitt handelt, fällt diese Aufgabe nicht allzu schwer: In endlos zerdehnten Dialogen auf dem Dach ihres Hauses kommen sich die beiden näher: "Ich halte das Gefühl echt. So funktioniert es", erklärt sie ihr Erfolgsrezept als Agentin.

Echt fühlt sich allerdings nichts an. Selbst die erste Sexrunde zwischen den beiden auf dem Rücksitz eines Autositzes – noch dazu inmitten eines Sandsturmes! – wirkt in seiner Gepflegtheit wie eine veredelte Bildstrecke aus dem "Schöner Wohnen"-Magazin. Dann verausgabt sich August Diehl in Neuauflage seiner "Inglourious Basterds"-Rolle als Nazi vor dem Hitler-Bild – und schließlich ist der Krieg aus.

Im zweiten Teil verlagert Zemeckis den Spionage-Plot in das Innere der Ehegeschichte. Doch auch hier verspielt er jede Spannung im Angesicht seiner eigenen Vorgabe: Star-Kino produzieren zu wollen, um jeden Preis.

INFO: USA 2016. 124 Min. Von Robert Zemeckis. Mit Brad Pitt, Marion Cotillard.

KURIER-Wertung:

Todesfahrt durch Texas bricht in die Kunstgalerie ein

Mode-Designer Tom Ford ist ein Meister der Oberflächen. Und die sind manchmal kühl und glatt – wie im schicken Galerie-Ambiente von Los Angeles. Oder wabbelig und warm – wie die beweglichen Bäuche von schweren Burlesque-Tänzerin. Schon mit diesen ersten Bildern, mit denen Ford seinen polierten Psycho-Thriller eröffnet, behauptet er Connaisseurtum und Fingerfertigkeit im spekulativen Kombinieren von Oberflächen.

Im Reich der coolen Kunstwelt bewegt sich Amy Adams als erfolgreiche Galeristin namens Susan, die per Post ein Buchmanuskript ihres Ex-Mannes (Jake Gyllenhaal) zugeschickt bekommt. Während ihrer atemlosen Lektüre entfaltet Ford den grausamen Rape-Revenge-Roman als Film im Film: Darin wird erzählt, wie eine Familie während ihrer Fahrt durch Texas von wüsten Hillbillys aufgehalten, der Vater (Gyllenhaal) von Frau und Tochter getrennt und übel zugerichtet wird. Susan muss immer wieder schockierte Pausen einlegen – kein Wunder: Schlägt ihr doch beim Lesen ein seltsamer, an sie gerichteter Sadismus entgegen.

INFO: USA 116 Min. Von Tom Ford. Mit Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon.

KURIER-Wertung:

Komplizierte Freundschaft zweier Künstler

Mühsame 32 Sitzungen hat es gedauert, in denen Paul Cézanne seinen Freund Émile Zola porträtierte. Doch ein einziger Wutanfall macht alles zunichte: Ein fluchender Künstler zerreißt das Bild – und seine Gemütsschwankungen werden alle seine Beziehungen ein Leben lang dominieren.

Während nämlich sein bester Freund Zola Karriere als Schriftsteller macht, bleibt Cézanne der unentdeckte Künstler. In ihrem berührenden, manchmal ins Betuliche kippenden Doppelporträt erzählt Danièle Thompson eine komplizierten Männerfreundschaft als dialoglastiges Beziehungsdrama.

INFO: Frankreich 2016. 117 Minuten. Von Danièle Thompson. Mit Guillaume Canet, Guillaume Gallienne, Alice Pol, Sabine Azéma.

KURIER-Wertung:

Lieber Bank überfallen als Konten manipulieren

"Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", lässt Brecht den Mackie Messer in seiner "Dreigroschenoper" fragen. Brechts Zitat wirkt heute wie ein Kommentar zu den ökonomischen Turbulenzen der Gegenwart. Die Tresore der Banken beflügelten damals wie heute die Fantasie, weil dort im Übermaß jener "Stoff" gebunkert ist, an dem es vielen Menschen mangelt – Geld.

Das Phänomen Bankraub spricht demnach ein breites Publikum an. Nach dem Motto: Bei einem Bankraub sollte ja keinem Menschen geschadet, sondern "nur" die Bank als Institution von Geld und Macht angegriffen werden.

All diese Überlegungen mögen den auch in Hollywood erfolgreichen deutschen Regisseur Wolfgang Petersen ("Air Force One") bewogen haben, seine sozialkritische TV-Krimikomödie aus den 1970er-Jahren vierzig Jahre später noch einmal fürs Kino zu inszenieren.

Im Mittelpunkt stehen der Boxer Chris (Til Schweiger), der Werbeprofi Max (Matthias Schweighöfer), der Schauspieler Peter (Jan Josef Liefers) und der Anlageberater Tobias (Michael "Bully" Herbig). Als das Quartett durch eine krumme Tour des Bankdirektors die gesamten Ersparnisse verliert, beschließt es, das Geld mittels Banküberfall zurückholen. Aus Sicht der Täter ist es mittlerweile lohnenswerter, Internet-Konten zu manipulieren als einen Tresor auszurauben, und wer heute vom großen Geld träumt, setzt daher eher auf Bytes statt auf Banknoten.

Der betulich gestrickte Film zielt offensichtlich auf ein älteres Publikum, das sich – so wie die Schmalspur-Ganoven im Film – mit Online-Banking nicht so gut auskennt. Dass die Geschichte trotzdem für ein sanft sozialkritisches und stellenweise sogar durchaus komisches Wohlfühl-Kinoerlebnis taugt, liegt vor allem an der prominenten Schauspieler-Riege.

Text: Gabriele Flossmann.

INFO: D 2016. 96 Min. Von Wolfgang Petersen. Mit Michael "Bully" Herbig, Til Schweiger.

KURIER-Wertung:

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