Kultur
19.08.2018

Spike Lee über Rechtsradikale: "Das sind Terroristen"

Der US-Regisseur über den Aufschwung rechter Gruppierungen, Rassismus in der Filmbranche und seinen Film "BlacKkKlansman".

Die Geschichte klingt unglaublich. Und dennoch basiert „ BlacKkKlansman“ auf „some real shit“, wie uns gleich im Vorspann versprochen wird: Ein schwarzer Polizist namens Ron Stallworth infiltrierte im Jahr 1979 in Colorado Springs die lokale Abteilung des Ku-Klux-Klan und führt den berüchtigten Neonazi David Duke an der Nase herum.

Auch Spike Lee konnte es zuerst nicht glauben. Doch als er sich davon überzeugt hatte, dass die Story von Ron Stallworth tatsächlich der Wahrheit entsprach, übernahm er freudig die Regie von „BlacKkKlansman“ (Kinostart: Donnerstag). Er engagierte John David Washington – Sohn von Denzel – für die Rolle des mutigen Cops, der einen Coup im Ku-Klux-Klan landet; sein Polizisten-Partner wird von Adam „Kylo Ren“ Driver gespielt.

Spike Lees unterhaltsame 70er-Jahre-Satire riss mit herber Kritik an der derzeitige Trump-Politik das Publikum bei den Filmfestspielen in Cannes zu Begeisterungsstürmen hin und brachte dem 61-jährigen Regisseur den Großen Preis der Jury ein.

KURIER: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie die Geschichte von „BlacKkKlansman“ lasen?

Spike Lee: Als mich Jordan Peele (Regisseur von „Get Out“) anrief und mir von der Geschichte erzählte, erschien sie mir zuerst völlig unglaubwürdig. Doch dann stellte sich heraus, dass sie der Wahrheit entsprach. Jordan hatte beschlossen, den Film nicht selbst zu drehen und bot mir die Regie an. Da habe ich sofort zugeschlagen.

Denzel Washington hat in Ihren Filmen des öfteren wichtige Hauptrollen gespielt – etwa in „Mo’ Better Blues“ (1990) oder „Malcom X“ (1992). Wie war die Zusammenarbeit mit seinem Sohn John David?

Ausgezeichnet. John David hängt den Umstand, dass er Denzels Sohn ist, nicht an die große Glocke. Ich wusste gleich, dass er die Rolle des Ron Stallworth hervorragend spielen würde. Wie heißt es so schön? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Wie wichtig war zeitgenössische Politik in „BlacKkKlansman“?

Es ist natürlich eine historische Geschichte, und daher ist der Film auch ein historischer Film aus den 70er-Jahren. Trotzdem war es mir wichtig, dass man die Verbindungen zum Heute sieht. Daher habe ich Zitate wie „America First“ verwendet. Außerdem: Wie kann ich einen Film über den Ku-Klux-Klan machen, ohne politisch zu werden? So ein guter Filmemacher bin ich nicht.

Am Ende des Films zeigen Sie dokumentarische Aufnahmen von Charlottesville in Virginia, wo im August 2017 eine Demonstration von Rechtsextremen stattfand. Danach fuhr ein Teilnehmer sein Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten und tötete die 32-jährige Heather Heyer. Wann haben Sie beschlossen, Bilder von diesem Ereignis in Ihrem Film zu verwenden?

Wir befanden uns gerade im Schneideraum, als es zu diesem schrecklichen Vorfall kam. Als ich die Berichte dazu auf CNN sah, wusste ich sofort, dass ich diese Aufnahmen in meinem Film haben wollte. Aber zuerst fragte ich Susan Bro, die Mutter der getöteten Heather Heyer, um Erlaubnis. Für mich war diese Tat kein Mord, sondern ein Akt von Terrorismus. Das ist ein großer Unterschied. Rechtsradikale Gruppierungen wie der KKK, die Alt Right und die Neonazis sind terroristische Gruppierungen. Vielleicht stehen sie nicht auf einer FBI-Fahndungsliste, aber sie sind trotzdem Terroristen. Präsident Trump hatte die Chance, die Taten dieser Hass-Gruppen klar zu verurteilen, was er nicht getan hat. Er hätte das gespaltene Land wieder zusammenführen können, doch er hat es verabsäumt.

In „BlacKkKlansman“ diskutieren zwei Afro-Amerikaner darüber, ob man das rassistische System von innen aushöhlen oder radikal bekämpfen soll. Was ist Ihre Meinung dazu?

Diese Debatte reicht lange in die Geschichte der schwarzen amerikanischen Community zurück. Darüber stritten schon Intellektuelle wie Booker T. Washington und W.E.B. DuBois oder Bürgerrechtskämpfer wie Martin Luther King und Malcolm X. Meiner Ansicht nach muss man beides machen: Man braucht Menschen, die von innen und die von außen an die Sache heran gehen.

Aber Sie haben nicht nur Amerika als Ziel Ihrer Kritik im Auge, oder?

Die rechten Bewegungen werden immer stärker, und zwar auf globaler Ebene. Insofern hoffe ich, dass die Menschen meine Geschichte nicht nur als etwas typisch Amerikanisches verstehen, sondern sie auf eine allgemeine Entwicklung beziehen.

Sehen Sie „BlacKkKlansman“ in Zusammenhang mit Ihren früheren Arbeiten?

Alles führt zu „Malcolm x“ zurück. Das war der Film, der gezeigt hat, wo Amerika steht. Ich glaube auch nicht, dass es einen schwarzen Superhelden-Film wie „Black Panther“ ohne Filme wie „Malcolm X“ oder „Do the Right Thing“ geben würde. Auch ein Film wie Jordan Peeles „Get Out“ war eine große Hilfe. Als ich „Black Panther“ sah, war ich so glücklich. Es gibt nämlich dieses ungeschriebene Gesetz in den Hollywood-Studios, wonach Blockbuster mit schwarzen Darstellern kein Geschäft machen. Und „Black Panther“ hat das Gegenteil bewiesen. Dieses Argument ist somit gestorben. Insofern hat „Black Panther“ die Filmwelt verändert.

Hatten Sie persönlich das Gefühl, innerhalb eines rassistischen Systems zu arbeiten?

Immer. Dazu stelle ich Ihnen nur eine Frage: Welcher Film hat 1990 den Oscar für besten Film gewonnen? „Driving Miss Daisy“. Verstehen Sie das? Mein Film „Do the Right Thing“ wurde in dieser Kategorie nicht einmal nominiert. Also ist die Antwort: Ja, auf jeden Fall.