Kultur
17.03.2012

Twitter stellt Medien vor Herausforderungen

Die Social-Media-Plattform macht es den Medien nicht leicht: Für Journalisten verschwimmt die Grenze zwischen privat und beruflich.

Wer Journalisten und Pressesprechern beim Kräftemessen zusehen will, der muss nicht mehr auf Pressekonferenzen gehen: Die Social-Media-Plattform Twitter, auf der 140 Zeichen lange Kurzmitteilungen ausgetauscht werden können, hat sich zum Schauplatz für öffentliches Hickhack innerhalb der Medienbranche entwickelt. Und dadurch einen Rattenschwanz an heiklen Fragen mit sich gebracht, mit denen nicht nur die heimischen Medien kämpfen.

Twitter ist vieles: Nachrichtenplattform, Kommunikationskanal und Unterhaltung. Und oft auch ein Hochgeschwindigkeitsmachtspiel, das mit knackigen Meinungshäppchen ausgetragen wird. Die sind sehr persönlich und angriffig. Und stehen damit in klarem Widerspruch zur Objektivität, die sich Journalisten sonst auf die Fahnen schreiben.

In diesem Widerspruch gab es bereits Opfer. Der Nachrichtensender CNN hat schon 2010 eine Korrespondentin gefeuert, die auf Twitter einen Hisbollah-Führer nach dessen Ableben würdigte. Das war CNN zu viel Meinung. Jüngst wiederum wurde ein CNN-Kommentator suspendiert, der während der Football-" Super Bowl" einen Tweet absonderte, der als Homosexuellen-feindlich verstanden werden konnte.

Krise

Auch der ORF hat so eine Erfahrungen mit Twitter. Ende 2011 schlitterte das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen in eine gröbere Krise. Die ganz harmlos begann: mit einer Presseaussendung, in der die Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter von ORF-General Alexander Wrabetz verkündet wurde. Und einem Tweet, den Armin Wolf kurz darauf in die Welt hinausschickte: "Warum nicht gleich Laura Rudas?"

Die folgende wochenlange Debatte wurde hauptsächlich über Twitter ausgetragen. Und über die Internetplattform YouTube, über die ein Protestvideo der Redakteure verbreitet wurde. Dass die Bestellung Pelinkas verhindert wurde, hatte maßgeblich mit Social Media zu tun. Armin Wolf hat Twitter zu einer Meinungsmacht verholfen, gegen die auch seine Chefs kaum ankommen. Mittlerweile sind die – vertreten von Unternehmenssprecher Martin Biedermann – auch in der Twitter-Welt präsent.

Was aber nicht nur dem ORF fehlt: Regeln, wie sich denn Journalisten auf Twitter bewegen sollen. Denn im Social-Media-Bereich verschwimmen die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem. Man sei gerade dabei, einen Leitfaden zu erarbeiten, sagt Biedermann.

Die APA, die Washington Post, der Guardian, die BBC haben bereits solche Regelwerke. Regel Nummer 1 bei der BBC: "Don`t do anything stupid". Man möge also online nichts Dummes machen. BBC-Mitarbeitern wird nicht verboten, sich in sozialen Medien zu engagieren. Sie dürfen aber das Kürzel BBC nicht im Namen/Titel führen. Sie müssen klarstellen, dass sie ihre persönlichen Meinungen vertreten. Und: "Lassen Sie sich von der Informalität des Mediums nicht dazu hinreißen, die BBC in Misskredit zu bringen."

Mögliche Konsequenzen werden in dem dreiseitigen Papier nicht thematisiert.

Im KURIER wird in Workshops vermittelt, was man online tun soll (oder nicht). Und auf den Hausverstand der Journalisten gesetzt, sagt die Social-Media-Expertin des KURIER, Lisa Stadler.

Im ORF, sagt Sprecher Biedermann, seien Sanktionen noch nie notwendig gewesen. "Aber sehr wohl werden vereinzelte unpassende/unternehmensschädigende Äußerungen via Social Media thematisiert und gerügt."

Einschränkungen

Aber noch etwas ist aus Sicht der Medienhäuser problematisch: viele Journalisten nutzen ihr Renommee, um selbst zur Social-Media-Marke zu werden. Und sind dann dort verlockt, ihr wertvolles Wissen kundzutun. Internationale Presseagenturen mussten bereits festhalten, dass Storys zuerst auf den offiziellen Kanälen verbreitet werden sollen und nicht am privaten Twitteraccount.

Das richtige Ausmaß an Online-Freiheiten ist letztlich eine Gratwanderung: Britische Journalisten haben gegen weitgehende Einschränkungen bei Sky News protestiert. Auf Twitter, wo sonst.

Twitter: Öffentliche Kurznachrichten

Funktion Benutzer bekommen unter www.twitter.com einen Namen (Beispiel: @MaxMustermann). Man kann einander "folgen", auf Texte der anderen antworten. Logo von Twitter ist ein blauer Vogel (siehe Bild). Mit "Hashtags" (Beispiel: #Thema) können Tweets einem bestimmten Thema zugeordnet werden.

Klein, aber medial In Österreich sind rund 60.000 User aktiv, darunter relativ viele Kommunikationsprofis.

KURIER Viele Accounts, u. a. @KURIER_KULT und @KURIERat

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