Skiurlauber zücken die Handys, um das Naturschauspiel einer kontrollierten Lawine festzuhalten. Doch diese kommt  in „Höhere Gewalt“ bedrohlich nah.

© Filmladen

Männer und Handys zuerst
01/21/2015

Männer und Handys zuerst

Eine Familie erlebt Skiurlaub als Horrortrip der Zweierbeziehung. Weiters: "The Imitation Game", "Mortdecai", "Baymax", "Quija" und "Fräulein Julie"

von Alexandra Seibel

"Höhere Gewalt" ist wie ein Haneke-Film mit Humor. Perfekt und präzise in seinen Bildern, kühl mit seinen Figuren, kalkuliert in seinem Verlauf. Doch anstatt wie Haneke die Ereignisse mit strenger Hand zu dirigieren, lässt Ruben Östlund komische Lockerungen zu. Zwar wischt er mit einem Handstreich gängige Wertvorstellungen von Ehe und Familie vom Tisch, hat aber auch jede Menge Spaß dabei.

"Turist" – so der schwedische Originaltitel – wurde in Cannes mit einem Preis ausgezeichnet und seitdem frenetisch gefeiert. Kein Wunder, denn selten hat man einen so umwerfend akkuraten Film über die Gegenwart gesehen. Was es heißt, in einer modernen Paarbeziehung mit (oder ohne) Kinder(n) zu stecken, gehört ja nicht gerade zu den unterbelichteten Stoffen des Zeitgeist-Kinos. Doch Östlund zieht den Leuten derartig nonchalant den Boden unter den Füßen weg, dass einem die Spucke wegbleibt. Gleichzeitig wird man als Zuseher spielerisch mit hineingezogen und andauernd mit der Frage konfrontiert: "Wie hätte ich reagiert?"

Zur Geschichte: Das hippe Schweden-Pärchen Tomas und Ebba macht mit zwei Kindern Skiurlaub in den französischen Alpen. Bei herrlichem Wetter genießt man auf der Hotelterrasse die Aussicht, als plötzlich eine Lawine abgeht. "Alles unter Kontrolle", versichert Tomas, doch die Lawine wird größer, kommt näher, und zuletzt springen die Hotelgäste hysterisch auf und setzen zur Flucht an. Ebba wirft die Arme über die Kinder, Tomas schnappt sein Handy und rennt los. Allein.

"Frauen und Kinder zuerst", heißt es bei Zivilkatastrophen wie Schiffsuntergängen immer, doch das erweist sich als Lüge. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass mehr Männer als Frauen derartige Unglücke überleben. Und schließen daraus: Männer sind besser beim Überleben; Männer sind rücksichtsloser.

Wurm

Die Lawine macht kurz vor der Terrasse halt. Nichts ist passiert, doch alles ist anders. Papa ist ein Feigling und will es nicht zugeben. Das ärgert Mama umso mehr. Jetzt ist in der Beziehung der Wurm drin, die Familienaufstellung ist erschüttert.

Nach dem zweiten Glas Wein beginnt Ebba zu erzählen, dass Tomas sie und die Kinder im Stich gelassen hat. Das befreundete Paar, das auf Besuch gekommen ist, macht ein verlegenes Gesicht, versucht zu kalmieren. Doch kaum allein, beginnen auch sie zu streiten. Vor erhabener Alpenkulisse, die er digital genial nachbearbeitet hat, treibt Östlund im scharfen Nebelweiß die aufgescheuchte Kernfamilie vor sich her.

Der Motor der romantischen Paarbeziehung samt ihren fixen Rollenzuschreibungen ist ins Stottern geraten, das Fundament der modernen Welt angeknackst. Jede noch so harmlose Fahrt mit dem Schilift wird zum bedrohlichen Ereignis.

Dass "Turist" gleichermaßen klug und dabei unglaublich unterhaltsam ist, liegt vielleicht auch daran, dass der Regisseur schwedische Selbstgerechtigkeit aufs Korn nehmen wollte.

Doch die Frage "Was hätte ich getan?" bleibt für jeden schwer zu beantworten.

KURIER-Wertung:

INFO: "Höhere Gewalt". Tragikomödie. S/F/N 2014. 120 Min. Von Ruben Östlund. Mit Johannes Kuhnke, L. L. Kongsli.

Die Erfindung des Computers im Abwehrkampf gegen die Nazis

Heute nennt man sie Computer. Diese Maschine, die der britische Mathematiker Alan Turing liebevoll "Christopher" taufte (nach seiner verstorbenen Knabenliebe). "Christopher", die Rechenmaschine, half dem britischen Geheimdienst, den Code des Verschlüsselungsapparats "Enigma" der Deutschen zu knacken.

Ein historischer Stoff, aus dem die Oscars sind. Gleich acht Nominierungen heimste das englischsprachige Debüt des norwegischen Regisseurs Morten Tyldum ein – und an der Brillanz des Filmes kann es nicht liegen. "The Imitation Game" ist brav-biederes Historienkino mit relativ simpel gestrickten Spannungsverläufen. Draußen tobt der Krieg in Form von Wochenschaubildern, drinnen brütet eine Gruppe Wissenschafter im Kampf gegen die Zeit.

Immerhin brilliert Verwandlungskünstler Benedict Cumberbatch – oft in bester "Sherlock"-Manier – als Mathe-Genie Turing, ein genialer, sozial unverträglicher Geselle. Seine schroffe Art wird nicht zuletzt mit seiner unterdrückten, damals noch strafbaren, Homosexualität erklärt, die der Film ansonsten dezent im Hintergrund hält. Alexandre Desplats – ebenfalls Oscar-nominierte – Musik perlt allzu aufdringlich vor sich hin, um Turings innere Unruhe zu illustrieren. Trotzdem entwickelt Cumberbatchs intensives Spiel große Sogkraft und zieht einen mitten hinein in seinen atemlosen Kampf mit dem Verlauf der Geschichte.

INFO: "The Imitation Game". GB/ USA 2014. Drama. 114 Min. Von Morten Tyldum. Mit B. Cumberbatch, Keira Knightley.

Wenn wirklich jeder Witz einen Schnurrbart hat

Johnny Depp darf sich wieder einmal verkleiden: Als dubioser Aristokrat Charlie Mortdecai, der für den britischen Geheimdienst MI5 ein verschollenes Goya-Gemälde auftreiben soll.

Erstaunlich ist dabei, wie die A-Schauspieler Johnny Depp, Ewan McGregor, Gwyneth Paltrow, Paul Bettany oder Jeff Goldblum in dieser hanebüchenen Agenten-Story wie Abziehbildchen untergehen. Dass es in der Geschichte eigentlich um Nazigold geht, wird zum Beispiel zwischendurch einfach vergessen. Dafür hastet man rund um den Erdball von Schauplatz zu Schauplatz, und langweilt sich dennoch.

Da können auch die lahmen Witzchen über Charlies lächerlichen Schnurrbart nichts mehr retten. Der Running Gag mit Gwyneth Paltrow als angewiderter Gattin hält nicht einmal einen Film lang. Man ist versucht zu hoffen, dass die Macher von "Mortdecai" nicht auf die Idee kommen, die gesamte eigentlich witzig-anarchische Trilogie des Autors Kyril Bonfiglioli zu verfilmen.

KURIER-Wertung:

INFO: "Mortdecai – der Teilzeitgauner". Komödie. USA 2015. 107 Min. Von David Koepp. Mit J. Depp, G. Paltrow, Jeff Goldblum.

Liebes- und Machtspiele im einsamen Landgut

Eine große Schauspielerin macht Kino für tolle Schauspieler: Ingmar-Bergman-Muse Liv Ullmann verlegt August Strindbergs Tragödie "Fräulein Julie" von Schweden ins Irland des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Julie (Jessica Chastain) nützt die Abwesenheit ihres adeligen Vaters und ihre gehobene Stellung, um den gebildeten Kammerdiener John (Colin Farrell) zur Mittsommernacht zu verführen. Dieser ist aber bereits mit Kathleen, ebenfalls eine Bedienstete (Samantha Morton), verlobt.

Das Psycho-Chaos entwickelt sich beinahe in Echtzeit, vornehmlich in der Küche, was die kammerspielhafte Szenerie klaustrophobisch wirken lässt. Die Leistung einer am Rande des Wahnsinns tänzelnden Chastain und eines seinen irischen Akzent weidlich ausschöpfenden Farrell rückt dadurch zwar in den Mittelpunkt, wirkt aber fast erdrückend.

Dass das naturgemäß dialoglastige Kinodrama etwas langatmig geraten ist, wird durch die Musik kaum aufgelockert. Zu vordergründig erklingt immer wieder Schuberts berühmtes Klaviertrio Nr. 2.

KURIER-Wertung:

INFO: "Fräulein Julie". Drama. NOR/GB 2014. 129 Min. Von Liv Ullmann. Mit Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton.

Casanova Variations" und "Baymax

Casanova Variations

Drama. Michael Sturminger verfilmte seine eigene Inszenierung des Musiktheaterstücks "The Giacomo Variations" zu einer mitreißenden Mischung aus Opernfilm, Fake-Doku und Bio-Pic. In "Casanova Variations" blickt John Malkovich als alternder, venezianischer Verführer auf seine Vergangenheit zurück und schreibt seine Memoiren; Veronica Ferres als mysteriöse Adelige – mit nicht sehr tollem britischen Akzent – will sie ihm abluchsen. Furios verschmilzt Sturminger Mozart-Musik, die in der Lissabonner Oper in Starbesetzung live aufgeführt wurde, mit Lebensfragmenten von Casanova und seinem Darsteller Malkovich. Dabei changiert er leichtfüßig zwischen Gegenwart und Vergangenheit. "Ich kenn mich nicht mehr aus", sagt ein verwirrter Lissabonner Opernbesucher – gespielt übrigens von dem Filmemacher Daniel Hoesl – zu seiner Sitznachbarin. Doch die antwortet salopp: "Ist doch egal – es ist eine Oper."

KURIER-Wertung:

Baymax – Riesiges Robowabohu

Animation. Der jugendliche Erfinder Hiro will den gutmütigen, aufblasbaren Pflege-Roboter Baymax zur Kampfmaschine upgraden, um den mysteriösen Mann mit der Kabuki-Maske zu bekämpfen. Einfallsreiche, faszinierend animierte Superheldenkomödie mit Witz und Herz. War zu Recht für den Golden Globe nominiert.

KURIER-Wertung:

Ouija – Spiel nicht mit dem Teufel

Horror. Jugendliche befragen über das "Quija-Brett" einen Dämon und wollen dessen tödliche Botschaft entschlüsseln. Zahmer Low-Budget-Horror, mit dem die Werbetrommel fürs gleichnamige Brettspiel gerührt werden soll.Langkritik auf film.at

KURIER-Wertung:

Boyhood

Drama. Richard Linklaters sechsfach Oscar-nominiertes, superbes Filmjuwel "Boyhood", in dem er einem Buben in Texas 12 Jahre lang "live" beim Aufwachsen zusieht, kommt wieder in die Kinos.

KURIER-Wertung:

The Three Stooges

KomödieMehr als 15 Jahre benötigten die Farrelly-Brüder, um dem legendären Slapstick-Trio Three Stooges ein filmisches Denkmal zu setzen (USA, 2012). Als Österreich-Premiere heute um 20.30 Uhr im Filmmuseum.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.