Kultur
15.03.2016

Wer ist hier der Sklave?

Ausstellung in der Kunsthalle: Maschinen sollen unsere Arbeit übernehmen - aber was heißt das für den Menschen?

Man solle besser, sagt ein englisches Sprichwort, vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht. Denn nicht immer sind Wünsche, die sich erfüllen, dann in der realen Ausformung so super wie gedacht. So reibt sich so mancher auch jetzt verdutzt die Augen: Recht bald, versichern Experten, wird ein ewig alter Traum der Menschheit in Erfüllung gehen. Dank Robotern, Software und künstlicher Intelligenz werden wir vom Joch der Arbeit befreit.

Nur: Wollen wir das?

Die Stimme der Kunst ist von der ohnehin zögerlichen Diskussion über diese Frage weitgehend abgeschottet. Die sonstigen Antworten sind höchst unterschiedlich – und erwartbar: Bei den Arbeitnehmern mischt sich die Freude über die Aussicht auf viel Freizeit mit der Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut. Die Industrie hofft auf preiswertere Produktion. Das Silicon Valley würde auch bei dieser Revolution gerne die eine oder andere Milliarde mitverdienen.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Kunst hier einiges zu sagen hätte. Eine derartige gesellschaftliche Riesenveränderung rührt natürlich auch an deren Grundthemen. Und lädt, wie alle Revolutionen, zur künstlerischen Begleitung. Umso erfreulicher, dass dieses Thema in Wiener Kunstinstitutionen wie dem MAK zuletzt vor den Vorhang geholt wurde.

Langsamer!

In der Kunsthalle Wien nun fühlt man dem Versprechen der totalen Automatisierung den Puls. Das ist nämlich auch schon ein Jahrhundert halt; damals gab das Fließband den Fabrikarbeitern einen neuen Arbeits-, eigentlich: Lebensrhythmus. Die dereinst begonnene Beschleunigung ist jetzt aber zu Ende: Der Computer kann alles so viel schneller, der soll das – etwa den millisekundenschnellen Aktienhandel – ruhig alleine machen. Die Hektomatik-Welt gehört in Zukunft den Maschinen. Judith Fegerls nun in der Ausstellung gezeigte Arbeit nimmt diese Entschleunigung auf: Ihre Maschinen produzieren, in aller Gemächlichkeit, nutzenfreie Wollgebilde.

Tanz die Handy-Geste

Aber es geht um viel mehr als das. Und die Kunsthallen-Schau erkundet, wie gewohnt, auch die intellektuellste Nuance zwischen Mensch, Code und Maschine, zwischen Techno-Utopie, Maschinenträumen und dem "Coup von oben", als der die Überwachung zuletzt bezeichnet wurde.

Es geht um Neuordnung, und damit auch um Geld: Tänzer führen auf einem Video jene Gesten zur Handysteuerung vor, die sich große Telekom-Firmen patentieren ließen. Eine Skulptur scheint aus Teebeuteln Klang zu machen. Morse-Apparat, Webstuhl, ein "Tic-Tac-Toe"-Apparat weisen auf die Geschichte der Automatisierung; zwei Skulpturen mit sexueller Basisausstattung auf das, was jedenfalls vom Menschen übrig bleibt.

Kaum wo aber wird die Neuvermessung der Welt durch die Maschine so eingängig gezeigt wie in Daria Martins Video "Soft Materials". Eine Roboterhand erkundet weiches Menschenmaterial, das ist erotisch und voller drohender Spannung.

"Maschinen sind Sklaven", steht auf einem anderen Bild. Darüber werden wir noch nachdenken.

Maschinenarbeit: Ohne Schweiß viel Fleiß

Idyllisch hat er gelebt, der US-Terrorist. Inmitten absoluter Waldruhe hat der „Unabomber“, Ted Kaczynski, seine technikfeindliche Privatideologie verfeinert. Drei Menschen mussten deswegen sterben. Im Video „Stemple Pass“ von James Benning kann man in der Schau „The Promise of Total Automation“ nun diese Landschaft anschauen, zwei Stunden lang, und dabei in die Verschwörungstheorien des Terroristen eintauchen.

Kuratorin Anne Faucheret setzt sonst aber vorwiegend auf die erhellenden Fragen der Automatisierung. Die Schau erzählt davon, wie Technik und Mensch einander erweitern – und kennenlern(t)en. Thomas Bayerle ironisiert bei „Kleiner koreanischer Wiper“ (Wischer, Anm.) den stets bereiten Fleiß der Maschinen. Grellbunte Gemälde von Peter Halley erinnern an Ablaufdiagramme, die in Code übersetzt werden. Und man lernt, woher das Wort „Sabotage“ kommt: Französische Arbeiter warfen ihre Holzschuhe, Sabots, aus Protest in die Maschinen.

Eine Ausstellung zum Selberbauen

Normalerweise geht ein Ausstellungsbesuch so: Eintreten, Dinge ansehen, daran Gefallen finden oder eben auch nicht. Und: Bloß nichts angreifen.

Dieses Muster will die von Kurator Luca LoPinto initiierte Schau „One, No One and One Hundred Thousand“ nun lustvoll untergraben: In dem lichten verglasten Raum der Kunsthalle am Karlsplatz sind Werke von neun Künstlerinnen und Künstlern eben nicht nur zu sehen, sondern auch anzugreifen, herumzuschieben, zu arrangieren.

Vier mobile Regale in der Form von Buchstaben (Idee: Lina Viste Grønli) können etwa kombiniert werden (zu „HAHA“, „AHA“ und so weiter), die Tonabgüsse von Wassercontainern, die Phanos Kyriacou mit Griffen an ungewöhnlichen Stellen ausgestattet hat, warten auf Zweckentfremdung. Der Künstler Jonathan Monk stellte wiederum vier Stühle und eine Garderobe von Franz West,dem Urvater der Anfass-Kunst, in die Halle.

Jeden Tag sind Besucherinnen und Besucher (bei freiem Eintritt) aufgefordert, die Werke zu arrangieren: Damit ein einmal getroffenes Arrangement nicht still akzeptiert wird, werden die Objekte jeden Abend wieder in die Ecke geräumt: neues Spiel, neues Glück.

Freilich bietet die Schau nur eine sehr beschränkte Zahl von veränderbaren Parametern, es ist auch (leider) nicht gestattet, selbst mitgebrachte Kunstwerke aufzustellen. Dennoch macht das Format Spaß, denn es ermuntert dazu, reale und imaginierte Gesetze des Kunstbetriebs auszuhebeln. Nicht zuletzt wird der Typus des Kurators, der ja oft als abgehoben oder hyper-dominant gilt, ein Stück weit vom Podest gestoßen. Michael HuberInfo:bis 22.5., Kunsthalle Wien am Karlsplatz. Am Freitag (18.3., 19 Uhr) spricht der Künstler Jonathan Monk in der Ausstellung.

Von Michael Huber/KURIER