Serie auf Amazon: "Too Old To Die Young" von Nicolas Winding Refn

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Kultur
06/14/2019

"Too Old To Die Young" auf Amazon-TV: Auftragskiller kämpft mit dem Schlaf

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn drehte für Amazon eine düstere, gewaltvolle Cop-Serie mit Miles Teller.

Wer möchte schon am Anfang beginnen? Sicherlich nicht Nicolas Winding Refn.

Als der dänische Aufreger-Regisseur bei den Filmfestspielen in Cannes zwei Episoden seiner neuen Amazon-Prime-Serie „Too Old To Die Young“ (ab Freitag auf Amazon) vor Publikum zeigte, entschied er sich nicht etwa für die Folgen 1 und 2; nein, er zeigte stattdessen die Folgen 4 und 5. Den verblüfften Journalisten erklärte er bei der Pressekonferenz, er wolle gleich zum Herz der Serie vorstoßen.

Und dieses Herz ist ein Polizist namens Martin in Los Angeles, der ein blutiges Doppelleben führt.

Nicolas Winding Refn gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Kein öffentlicher Auftritt, bei dem nicht ein paar markige Sprüche fallen („Ich bin Pornograf. Mich erregen gewaltvolle Bilder“) oder hochstilisierte Sex- und Gewaltszenen das Publikum brüskieren. Mit dem Thriller „Drive“ (2011), in dem Ryan Gosling als Stuntman nächtens auch Fluchtautos fährt, hatte Refn eine internationale Film-Sensation mit Kultstatus-Siegel gelandet. Es folgte mit „Only God Forgives“ (2013) – wieder mit Ryan Gosling – eine überhöhte, ultrabrutale Samurai-Blutorgie in Bangkok; und schließlich, ebenfalls sehr blutlustig, „The Neon Demon“ (2016), in dem Elle Fanning in eine perverse Model-Welt gerät.

Nicolas Winding Refn hält sich für einen Kino-Radikalen: Er baut Bilder, die an David Lynch erinnern, zeigt Männer und ihre Gewaltexzesse – gerne in Zeitlupe – und entwirft eine Schattenwelt in Neo-Noir, die in blaues und rotes Licht getaucht ist. Einzelne Einstellungen sind endlos lang, die Handlung zerdehnt, die Worte sparsam, die Musik von Cliff Martinez. Ziemlich genau so muss man sich auch die zehn Episoden seiner Serie vorstellen, die Refn selbst nicht als Fernsehen, sondern als 13-stündigen Film bezeichnet.

„Tod und Religion“ hätten ihn als Thema am meisten interessiert, als er gemeinsam mit dem Crime-Comicbook-Cartoonisten Ed Brubaker die Serie geschrieben habe, sagt der 48-jährige Regisseur. Tatsächlich ist der schweigsame Polizist Martin auch Mitglied einer seltsam religiösen Vereinigung, die ihn als Auftragskiller für ungesühnte Verbrechen engagiert. Martin – praktisch regungslos gespielt von Miles Teller aus „Whiplash“ – und sein Auftraggeber blicken von einem Hügel auf ein nachtschwarzes Los Angeles, dessen Verkehrsadern sich durch die Dunkelheit bohren und ein Netz urbanen Horrors symbolisieren. Wer sich darin verfängt, kommt nicht mehr heraus. Es sei denn, Martin lässt eines seiner Opfer leben und sorgt dafür, dass ihm statt dem Hals nur der kleine Finger durchgeschnitten wird.

Die Erfahrung, unter der Präsidentschaft von Donald Trump in den USA zu drehen, hätte seine Serie apokalyptischer werden lassen als ursprünglich geplant, erzählte Refn. Um auf dem Set keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen, setzte er seinem gesamten Team rote (Trump-)kappen auf den Kopf, auf denen zu lesen stand: „Making TV Great Again“. In einer bizarren und überraschend komischen Szene, sitzt Martin mit seinen Polizeikollegen in einer Besprechung, als der Polizeiboss seine Truppe ein besonderen Wort buchstabieren lässt: F.A.S.C.H.I.S.M.U.S. Begeistert johlen die Kollegen und skandieren das Wort als ihren Kampfgesang.

Schnarch

Jede einzelne Episode von „Too Old To Die Young“ würde wie ein eigenständiger Film funktionieren, behauptet Hauptdarsteller Miles Teller. In Folge 5 beispielsweise verlässt er das düstere Los Angeles und übersiedelt für einen neuen Auftrag nach Albuquerque in New Mexiko. Dort soll er ein grindiges Brüderpaar ausfindig machen, dass Pornos produziert, und und zwar nicht irgendwelche Pornos, sondern solche, wo Menschen – nicht nur gespielt – vergewaltigt werden.

Allein die Ankündigung dieser Praxis, die dann letztlich nur in Andeutungen gezeigt wird, wirft ihren Suspense-Schrecken voraus und sorgt für extrem unangenehme Spannung.

Immerhin aber liefert Nicolas Winding Refn dann eine der wohl witzigsten Verfolgungsjagden, die das Kino (und ganz sicher auch das Fernsehen) je gesehen hat: Martin rast durch die dunkle Wüste von New Mexico, verfolgt von den fuchsteufelswilden Pornoproduzenten. Die Jagd will kein Ende nehmen – und irgendwann werden sowohl Verfolger wie auch der Verfolgte müde. Mit zufallenden Äuglein klemmen die Männer hinter ihren Lenkrädern – und eine Autoverfolgungsjagd auf Leben und Tod, wo die Beteiligten mit dem Schlaf kämpfen, hat die Welt noch nicht gesehen. Trotzdem aber bleibt es insgesamt gut vorstellbar, dass die Zuseher zu Hause der Versuchung nicht widerstehen und doch auch mal die Vorlauftaste benutzen.