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Tom Neuwirth über Song Contest: "Ein bisschen Wehmut ist auch schön"

Tom Neuwirth hat Conchita nicht ganz hinter sich gelassen. Jetzt ist er aber in der „Fledermaus“ zu sehen. Und er spricht im KURIER-Interview über diesen einen Moment beim ESC 2026.
Ein Mann mit Sonnenbrille, offenem roten Hemd und Jeansshorts sitzt entspannt auf einer Holzbank im Grünen.

Am Dienstag hat in der Volksoper anlässlich des Pride-Monats erstmals eine queere „Fledermaus“ Premiere. Den Frosch spielt Tom Neuwirth. Im Interview mit dem KURIER sprach er über neue Schauspielwege, Conchitas Nachhall und ungewohnte Gefühle beim Song Contest.

KURIER: „Chacun à son gout“ heißt es ja immer schon. Aber was ist anders in der queeren „Fledermaus“?

Tom Neuwirth: Die Musik ist genau gleich wie bei Strauß. Aber die Texte sind anders kontextualisiert. Man stellt immer wieder fest, dass in so vielen Storylines die Queerness gar nicht so schwer zu finden ist. Wenn es zum Beispiel um Konflikte unter Männern geht, wo man nie erfährt, warum die im Streit sind.

In dieser „Fledermaus“-Version rächt sich Falke an Eisenstein, weil dieser ihn öffentlich geoutet hat – was tatsächlich mehr Sinn ergibt als die eher läppische Original-Kränkung.

Ja, dass da vielleicht Emotionen im Spiel waren und vielleicht ein Vertrauensbruch stattfand, das macht es greifbarer. Und das gibt dem Leichten und Heiteren der Operette auch ein bisschen mehr Tiefe.

Der Frosch ist eine berühmte Rolle, wie legen Sie ihn an?

Der Frosch ist in unserer Version, die in der Entstehungszeit spielt, dafür da, die Hoffnung zu transportieren, den Leuten zu sagen, entspannt euch jetzt mal alle, wir können im Hintergrund und im Untergrund sein, wer wir sind, auch wenn wir für die Gesellschaft da draußen noch Rollen spielen müssen. Der Frosch nimmt ihnen die Last von den Schultern. Es gibt heute auch noch Menschen, die aus diversen Gründen nicht sie selbst sein können. Da spielt viel Scham mit, wenn man Leute anlügt, weil man nicht die Person ist, die man vorgibt, zu sein. Aber die Umstände sind halt, wie sie sind. Es ist wichtig, den Leuten diese Schuldgefühle zu nehmen.

Es gibt politische Entwicklungen, die ein solches Zurückziehen neuerdings nötig machen …

Ja, durch den Rechtsruck wird ja so vieles ausgegrenzt, ob das jetzt Queerness ist, oder Menschen, die woanders herkommen, oder andere Hautfarben haben. Ich glaube, dass solche Stücke für Leute, die sich damit wenig beschäftigen, Erklärungen sind, um was es geht und was alles nicht „queer“ ist. Was da von den Rechtspopulisten für Feindbilder gebaut werden, sind oft Lügen und Falschinterpretationen. Es ist auch verständlich, dass man irritiert ist, wenn man eine Lebensrealität trifft, die nicht die eigene ist. Umso besser ist es, das einmal kurz beobachten zu können und dann zu merken: Ach so, wir sind ja eigentlich alle in so vielen Dingen gleich.

Ist die „Fledermaus“ ohnehin schon ein bisschen grund-„queer“?

Natürlich, da ist schon viel drin vom Verkleiden, vom Jemand-sein, der man nicht ist. Mir wurde auch die Rolle des Prinzen Orlofsky schon einmal angeboten. Aber wahrscheinlich kann man die Queerness überall finden. Ich habe etwa in einer Inszenierung von „Romeo und Julia“ in Berlin den Todesengel gespielt und da gab es eine Nebengeschichte über Mercutio, wo man auch versteht: Aha, die Freundschaft zu Romeo könnte auch Liebe gewesen sein.

In einer Inszenierung der „Fledermaus“ von Barrie Kosky von 2023 in München trugen die Tänzerinnen strassstrahlende Bärte. Ziemlich sicher eine Anspielung auf Conchita – wie geht es Ihnen damit, dass Ihre Figur quasi ein Emblem geworden ist?

Ich habe das ja nicht mit Absicht gemacht, das ist alles passiert. Und deswegen bin ich immer selbst genauso überrascht. Wenn ich in einem queeren Lokal in New York sitze und auf der Speisekarte steht ein Cocktail namens Conchita Wurst. Da denk ich mir: Okay, crazy. Und dann muss man aber dazu sagen, ich habe die bärtige Frau nicht erfunden.

Abgesehen von „Luziwuzi“, ein großer Erfolg im Rabenhof, haben Sie auch im Kinofilm „Die Blutgräfin“ mitgespielt. Sind Sie jetzt ein Schauspieler?

Nein, das würde ich mir nicht anmaßen, zu sagen. Ich glaube, ich habe ein Talent und ich mache gerade Learning by Doing im Rabenhof. Ich merke schon, dass es besser wird und man mehr Leichtigkeit kriegt und das Handwerk besser kann. Aber es gibt viel zu lernen, wahrscheinlich hört das eh nie auf.

Im Herbst spielen Sie in „Nesterval 1927“ im Volkstheater – eine Zeit, in der die queere Kreativität besonders florierte, bevor sie von den Nazis ausgemerzt wurde.

Da sind alle aus dem Ersten Weltkrieg gekommen, hatten plötzlich diese Freiheit, die Demokratie. Jetzt sind wir die Demokratie schon gewohnt, aber damals in den 20ern hat die für Ekstase gesorgt.

Und heute haben wir die Demokratie und manche sind trotzdem damit nicht zufrieden …

Es ist halt auch so: Wenn man wirklich frei sein möchte, dann muss man wissen, wer man ist. Und sich das einzugestehen, das herauszufinden, das macht vielen Leute auch Angst und ist eine Überforderung. Deswegen ist die queere Community so ein einfaches Feindbild, weil viele Leute, die sich ständig reduzieren, anpassen und sich in irgendwelche Rollen drängen müssen, damit sie irgendwas gelten, sich denken: Wieso können die machen, was sie wollen? Wieso muss ich als Mann das und das und das sein, damit ich ein Mann bin? Die wollen sich das nicht eingestehen, aber die haben es auch nicht leicht.

Haben Sie sich vom Pop denn ganz abgewandt?

Nein, ich schreibe gerade ein Album. Dadurch, dass ich den Song Contest für mich archiviert habe, merke ich, dass Conchita Wurst für mich wieder mehr Leichtigkeit gewonnen hat. Da war schon eine massive Erwartungshaltung auf der Figur. Die sagt immer nur gescheite Sachen, die ist adrett gekleidet, sie wurde ja wirklich zu so einer First Lady. Und ich habe es geliebt, auch, dass mir die Leute zugehört haben und dass ich vielleicht hier und da auch etwas verändern oder bewegen konnte. Aber das Korsett wurde immer enger, gerade weil Conchita nicht darauf angelegt war, sondern aus einem Spaß heraus entstanden ist. Wir haben jetzt ein Programm für sie entwickelt: Conchita Wurst kommt aus einer Welt, wo sie Shirley-Bassey-Songs und Celine-Dion-Songs singt. Da bekommen wir Conchita Wurst an einem Konzertabend genau so, wie man sie sich wünscht, in einem schönen Abendkleid und mit großen Balladen und auf das freue ich mich.

Hat es Ihnen nicht dann doch leidgetan, keine Rolle beim Song Contest in Wien gespielt zu haben?

Ich habe das so lange gemacht, das wäre wahrscheinlich auch komisch, wenn ich da nichts gefühlt hätte. Aber ich habe mich auch dabei ertappt, wie ich wieder Fan geworden bin und mir selbst überlegt habe, wer ist mein Favorit, meine Favoritin. Und ich muss sagen: Vom Finale war ich geplättet, das hat so toll ausgeschaut. Die Eröffnung war fantastisch. Das war der einzige Moment, wo ich mir gedacht hab, wenn ich jetzt da gestanden wäre… Aber es ist auch schön, ein bisschen Wehmut zu verspüren.

Sie haben sich nie zur Israel-ESC-Debatte geäußert. War das schon in einem Widerwillen dagegen, dass man in der ESC-Community sehr schnell vereinnahmt wird?

Es waren viele verschiedene Dinge, das ist schon über Jahre gewachsen. Es war für mich klar, ich kann mich da nicht weiterentwickeln, denn das will da niemand. Und dann hat Johannes (Pietsch, JJ) gewonnen und das hat sich für mich wie eine Staffelübergabe ergeben. Und was den geopolitischen Aspekt anbelangt: Man sieht, wenn rechte Politiker an der Spitze sitzen, ist das für niemanden gut.

Gab es irgendein Zerwürfnis mit dem ORF betreffend Ihren Part beim ESC?

Es waren unterschiedliche Vorstellungen. Kreative Menschen treffen sich, alle haben ein Konzept und dann merkt man, ob man weiterkommt oder nicht. Und in dem Prozess kam bei mir die Frage auf: Was ist, wenn ich das archiviere? Ich habe über die Feiertage drüber geschlafen und danach war meine Entscheidung immer noch die gleiche.

War das ein Schock für den ORF?

Natürlich war es schwierig. Aber das habe ich für mich entschieden. Meine Karriere ist darauf aufgebaut, auf mein Bauchgefühl zu hören. Ob das damals „Starmania“ war oder die Entscheidung, den Bart zu behalten als Conchita Wurst. Ich habe mich darauf verlassen können. Und damit kann ich stehen und fallen.

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