Timna Brauer: „Das war schmerzhaft für meinen Vater“

Timna Brauer über ihren Vater Arik Brauer und über das Museum in der Familienvilla
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Der Schmäh ist Arik Brauer bis zuletzt nicht ausgegangen. Arik Brauer, Ottakringer Straßenbub, Sohn eines jüdischen Schusters. Der Ermordung durch die Nazis entkam er knapp, weil er sich im entscheidenden Augenblick in einem Schrebergartenhaus verstecken konnte. Er machte sich später lustig über die Verherrlichung des sogenannten „deutschen arischen Übermenschen“. Er persiflierte Propagandalieder und malte immer wieder Karikaturen von Hitler und Göring.

Nur über das ganz Persönliche hat er in der Familie nicht viel gesprochen. Über den Tod seines Vaters.

Der Schuhmacher Simche Mosche Brauer wurde 1944 in einem Vernichtungslager in Lettland ermordet. Arik Brauer hat immer wieder Bilder von Männern gemalt, die seinem Vater ähnelten. Nur eines ist auch explizit nach ihm benannt. Das Gemälde „Mein Vater im Winter“ zeigt einen alten Mann, der, eingehüllt in eine blaue Decke, barfuß auf einem zugefrorenen See mit einer verwehten Schneedecke steht, an seiner Brust ein Davidstern, der einer gelben Blume gleicht. Auf seinem Kopf sitzt eine Taube. Im Begleittext heißt es, diese symbolisiere einen österreichischen SS-Mann, der dem vor der Gaskammer Wartenden eine Decke um die Schultern gelegt habe.

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Die Kritik war dagegen

„Mein Vater im Winter“ ist das zentrale Werk des Arik Brauer Museums in Wien-Währing. Arik Brauer war Bildhauer, Grafiker, Architekt, Bühnenbildner, Literat, Liedermacher, Sänger, Tänzer und Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er an der Akademie der Bildenenden Künste, wo er Ernst Fuchs kennenlernte, dem er sein Leben lang verbunden blieb. Beide waren Maler, die die 60er und 70er prägten, sich gut verkauften, allerdings von vielen Kunstkritikern mit enden wollender Begeisterung wahrgenommen wurden. Waren sie zu figurativ? Dekorativ gar? Arik Brauers älteste Tochter Timna hat nun ein Buch über ihren vielseitigen Vater und seine Kunst geschrieben. Es erzählt viel Persönliches und ist damit auch ein Schlüssel zum Verständnis seines Werks. „In den 1960ern waren die Maler der Wiener Schule Ikonen, die Leute haben sie geliebt. Auch die Sammler und die Kunstexperten. Durch den Verkauf ihrer Bilder sind diese Künstler wohlhabend geworden. Mein Vater hat immer gesagt, er hat unsere Villa ermalt. In den 70ern kam ein Gegenwind, eine richtige Hetzjagd. Die Kritiker haben sie vernichtet. Das war schmerzhaft für meinen Vater,“ sagt Timna Brauer im KURIER-Interview.

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Sie ham a Haus baut

Den Traum von einem Museum der Wiener Schule erfüllte die Stadt Wien Arik Brauer nicht. Er erfüllte ihn sich, auf Drängen seiner Frau Naomi, schließlich selbst. In der Brauer Villa in der Colloredogasse richtete er 2003 ein Museum ein.

1972 war die Familie in das prächtige Gründerzeithaus gezogen. Sie renovierten es selbst, Brauer erinnerte sich an seinen Hit „Sie ham a Haus baut“ und befand: „Plötzlich war ich selbst Häuslbauer.“ Er verfolgte das ehrgeizige Ziel, den historistischen Baustil mit seiner Kunst verschmelzen zu lassen. Denkmalschutz war noch kein Thema, und so versah er die Fassaden der 130 Jahre alten Villa mit eigenen Malereien. Ganz traute er dem eigenen Erfolg nicht. Er habe, erzählte er, unter der Brücke gewohnt, ebenso wie in Gründerzeitvillen geschlafen, aber wenn er durch sein eigenes Gartentor gehe, fühle er sich noch immer, als würde er bei anderen Leuten „Äpfel stehlen“. Bis zuletzt gestaltete er die Villa künstlerisch weiter.

Museum und Skulpturenpark wurden 2003 für die Öffentlichkeit zugänglich. Nun sind nun auch weitere, einst private Räume zu besichtigen. Arik Brauer arbeitete da, wo er lebte. Inmitten der Familie, die Gitarre stets griffbereit. Das Atelier im Wohnzimmer wirkt, als hätte er vor wenigen Minuten noch an der Staffelei gestanden. Timna Brauer erzählt, er habe sich nie gestört gefühlt. Er wollte immer mitten im Familientrubel sein.

Ottakringer Gassenbub

Seine Kunst bestimmt das ganze Haus. Kunst ist überall, selbst in der Küche. Und nicht nur seine. Neben Werken von Kollegen sind auch Bilder und Skulpturen seiner Töchter Timna und Ruth ausgestellt. Außerdem Fotos, die den Lebensweg des einstigen Ottakringer Gassenbuben nachvollziehbar machen. Darunter viele Schwarz-Weiß-Fotos von Arik und Naomi Brauer im Pariser Quartier Latin der 1960er-Jahre, wo Timna geboren ist.

Arik Brauer war nach seinem Studium an der Akademie der bildenden Künste, das er 1945 mit erst 16 Jahren begonnen hatte, mit dem Fahrrad nach Paris gefahren, wo er als Straßensänger sein Geld verdiente. Dort lernte er Naomi kennen, die aus einem jüdisch-jemenitischen Viertel in Tel Aviv stammte. Sie konnte seinen Namen nicht aussprechen, nannte ihn Arik, er nahm den Namen an.

Der Umzug aus dem multikulturellen Paris in das graue Nachkriegswien war insbesondere für die quirlige Naomi nicht einfach. Doch das neue Leben gelang.

In Wien gab es bald Hausmusik, man sang Operetten von Kálmán und die Mutter umgab sich mit Biedermeiermöbeln und Zwiebelmuster-Service. Arik Brauer brauchte länger, um sich an das bürgerliche Leben zu gewöhnen. „Als ich unser Grundstück im Cottage-Viertel zum ersten Mal betrat, hatte ich vage das Gefühl, mich bei reichen Leuten eingeschlichen zu haben“, erinnerte er sich.

Sein Leben hatte anders begonnen. Als zweites Kind der Wienerin Hermine und des Litauers Simche Mosche Brauer kam Erich Brauer am 4. Jänner 1929 in Wien-Ottakring auf die Welt. Die Mutter kam aus einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie, der Vater entstammte einer jüdischen Familie aus Litauen. Als sogenanntes Wunderkind malte Erich nach der Schule in der Schusterwerkstatt seines Vaters. Seine ersten Zeichnungen sind hier im Haus ausgestellt und auch im Buch abgebildet.

Alles machen, alles teilen

Warum sich Timna Brauer entschieden hat, das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Aus Kostengründen, es ist teuer, ein so großes Haus zu erhalten. Und weil der Vater es gewollt hätte. Wer hier hereinkommt, vermeint noch das wuselnde Familienleben von einst zu spüren. „Ich habe alles gelassen, wie es war“, sagt Timna Brauer, die fast ihre ganze Kindheit hier verbracht hat. „Jeder, der hier hereinkommt, sagt, er hat das Gefühl, meine Eltern kommen auch gleich.“

Arik Brauer sah sich als Universalkünstler, der sein Talent auf mehreren Ebenen zum Ausdruck bringen wollte, er fand es verwerflich, wenn ein Mensch in diesem einen und einzigen Leben seine Begabungen verrät. Er wolle alles machen und alles teilen. „Meine Schwestern und ich haben hier unsere Kindheit verbracht. Jetzt darf sich das jeder anschauen. Ich öffne dieses Haus, weil ich das Gefühl habe, dass diese Kunst ein Allgemeingut ist, das jeder zu sehen bekommen soll, das war auch das Bedürfnis meiner Eltern. Deswegen hat mein Vater ja auch die Fassade bemalt. Jeder, der vorbeigeht, sollte das sehen. Er wollte Kunst im öffentlichen Raum. Das ist das Höchste der Gefühle für einen Künstler.“