Thomas Bernhard auf der Flucht vor dem Kasperltheater

Kopie von 146 Joachim Meyerhoff (Doktor), Sunnyi Melles (Kön…
Foto: Reinhard Maximilian Werner Witzfiguren? Oder doch eher drei Vampire, die einander gegenseitig aussaugen? Doktor (Meyerhoff), Königin der Nacht (Melles), Vater (Simonischek).

Kritik: Das Burgtheater macht aus Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" einen launigen Silvester-Schwank. Ein interessantes Missverständnis.

Vorweg: Naturgemäß ist das, was die Schauspieler hier bieten, sehenswert und die paar Bravos wert.

Auch, wenn sie ihre beachtlichen künstlerischen Kräfte für ein falsches Ziel einsetzen. Joachim Meyerhoff säuselt und röhrt und biegt und windet sich durch die Rolle des Arztes, der eine Opernsängerin anbetet und zum Zeitvertreib gerne Sezier-Anleitungen rezitiert, als wären sie Liebesgedichte. Allein ein simples Niedersetzen auf einen Sessel wird bei Meyerhoff zu einer komplizierten und virtuosen Choreografie. Meyerhoff entwirft einen grandiosen Kasperl – eh schön, nur steht der leider so nicht im Text drin.

Ähnlich Sunnyi Melles als exaltierte Star-Sopranistin und Peter Simonischek als ihr versoffener Vater: Sie verkaufen ihre Figuren an die Pointe. Wie sie dies tun, ist beeindruckend, aber es bleibt ein zweifelhaftes Geschäft. Das Ergebnis dieser Transaktion: Noch nie hat man Thomas Bernhard so harmlos, so ungefährlich und letztlich so uninteressant gesehen.

Eindrücke aus "Der Ignorant und der Wahnsinnige"

Irrtum

Offenbar hat irgend jemand in der Burg-Dramaturgie gemeint, in diesem abgründigen, verzweifelten Text stecke eine heitere Komödie, die es freizulegen gelte. Ein Irrtum. Unter all den Kasperliaden, Clownerien und Slapstickeinlagen verschwindet das Stück einfach. Die furchtbare Geschichte dreier einander in Hassliebe verbundener Menschen, die einander die Lebenskraft aussaugen, wird uninteressant, ja ein wenig lächerlich.

Man schreckt auch vor Ausrutschern in den Charleystantismus nicht zurück: Stefan Wieland spielt storchenbeinig unter Zuhilfenahme von Kleid, Brille und Haarteil die Garderobenfrau, inklusive einer sehr peinlichen Massen-Grabsch-Szene. Ähnlich daneben: Meyerhoff drückt, Organe erklärend, im grotesk aufgepolsterten Bauch von Simonischek herum, und von hinter der Bühne kommen „zufällig“ passende Darmgeräusche von Orchesterinstrumenten. Was haben wir gelacht.

Die Aufführung läuft zudem unglücklich ab. Meyerhoff leistet sich bereits bei seinem ersten Satz einen Rollenausstieg, indem er auf einen Zuspätkommer reagiert. Die erste Stunde wird vom offenbar irritierten Publikum gnadenlos kaputtgehustet. Danach wird viel gegähnt. Der Applaus am Ende klingt freundlich gegenüber den Schauspielern, aber auch durchaus erleichtert.

Witz

Der traditionelle Silvesterwitz von Burgchef Matthias Hartmann brachte übrigens die größten Lacher ein.

Thomas Bernhard hat in kurzer Zeit einen weiten Weg hinter sich gebracht: Zu Lebzeiten noch Staatsfeind und Nestbeschmutzer, wurde er nach seinem Tod zum modernen Klassiker, jetzt sieht man ihn offenbar bereits als Lieferanten für leichte Silvesterunterhaltung. Wo wird Bernhard in zehn Jahren laufen? Im Gloria-Theater?

Fazit

Ein Irrtum

Fotoprobe "Der Ignorant und der Wahnsinnige"
Foto: AP/Ronald Zak

Stück
Bernhards Text wurde 1972 bei den Salzburger Festspielen von Claus Peymann uraufgeführt. Das Verbot, am Ende das Notlicht auszuschalten, löste einen Skandal aus.

Regie
Jan Bosse versucht, aus den düsteren Monologen eine leichte Komödie zu machen und scheitert.

Spiel
Im Rahmen dieses Irrtums virtuos.

KURIER-Wertung: *** von *****

(kurier) Erstellt am
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