© Theater in der Josefstadt/Moritz Schell

Interview
09/25/2021

Theatermacher Claus Peymann: "Ich habe Angst vor dem Tod ..."

"... aber vor allem andern nicht": Peymann über die Korruptheit der Politik, die Liebe der Österreicher zu ihm und den Tod

von Guido Tartarotti

Der 84-jährige Theatermacher möchte auf dem Weg zum Interview im Theater in der Josefstadt unbedingt über die Bühne gehen – so eine Gelegenheit lässt er nicht aus.

KURIER: Sie inszenieren Ionescos „Der König stirbt“. Was fasziniert Sie an diesem Autor?

Claus Peymann: In der heutigen sozialen und politischen Weltlage ist das absurde Theater für mich die einzige Möglichkeit, auf unsere Gegenwart zu reagieren. Wir leben in einer Welt, in der Politiker käuflich und korrupt sein können, ohne moralischen Kompass – und trotzdem große Erfolge bei den Wählern haben. Darauf kann man mit Logik nicht mehr antworten, es verschlägt einem buchstäblich die Sprache. Die Dichter des absurden Theaters hatten recht: Das einzig Wahre heute ist die Absurdität. Und da ist Ionesco das beste Beispiel, wie man auf den Wahnsinn der Gesellschaft mit dem Wahnsinn der Bühne antwortet: mit dem Lachen der Verzweiflung. Das ist die eine Möglichkeit.

Und die andere?

Man wütet drauflos oder wird zum Zyniker wie Castorf, mit dem ich ja feindlich befreundet bin. Sie werden lachen, so unterschiedlich wir auch sind: Wir mögen und schätzen uns. Aber die sechs Stunden Theater – drunter macht er’s ja kaum –, die er uns immer abliefert, die locken mich nur noch selten aus dem Haus. Entweder man kotzt die Bude voll – oder man lacht über alles, wie die Autoren des Absurden. Und ich habe mich fürs Lachen entschieden.

Eugène Ionesco kam 1909 in Rumänien zur Welt, verbrachte aber den Großteil seines Lebens in Frankreich und schrieb auch auf Französisch. Er wurde zum wichtigsten Vertreter des Theaters des Absurden. Seine anarchischen Stücke wie „Die kalte Sängerin“, „Die Stühle“ oder „Die Nashörner“ entlarven die Sprache als hohl und das Leben als weitgehend sinnlose Fahrt Richtung Tod, sind aber bei aller Gnadenlosigkeit immer sehr komisch.
„Der König stirbt“, uraufgeführt 1962, erzählt genau das: Ein alter „König“ erlebt das eigene Sterben als langsame Auflösung im Nichts.

In den Wiener Kammerspielen inszeniert Claus Peymann das meist ohne Erfolg gespielte Stück, das Bühnenbild stammt von Achim Freyer.

Bernhard Schir spielt die Hauptrolle, neben ihm sind Maria Köstlinger, Johannes Krisch, Lore Stefanek, Johanna Mahaffy und Marcus Bluhm zu sehen.

Insofern erinnert Ionesco ja an Ihren Lieblingsautor Thomas Bernhard – bei aller Gnadenlosigkeit ist er sehr komisch.

Da haben Sie recht. So viele Stücke von Bernhard hab ich inszeniert … – er ist leider viel zu früh gestorben. Peter Handke, ein ebenso wichtiger Weggefährte, träumt sich eher in die Mystik. Das sind alles mögliche Wege aus der Katastrophe, in der wir uns in Westeuropa befinden. „Der König stirbt“ ist jedenfalls nicht nur tragisch, sondern mindestens genauso komisch.

In dem Stück geht es um das Sterben, es ist Ionescos Version des Jedermann.

Kann man sagen, ja. Es ist überliefert, dass Ionesco sehr beeindruckt war vom „Jedermann“. Und ich bemühe mich auch, eine Art grotesken „Jedermann“ zu inszenieren. Für mich ist es ein großes Theaterglück, so tolle Schauspieler zu haben. Ich bin nicht mehr der Revoluzzer von gestern, als der ich in dieser Stadt immer noch gefeiert werde. Es gibt Menschen, die knien auf der Straße nieder und küssen meine Hand! Die Theater sind ja derzeit sehr schlecht besucht, und ich denke mir manchmal, die ganzen Wiener, die mich in der Kärntner Straße umarmen, wenn ich zur Probe gehe, die zu mir sagen, gell Herr Peymann, jetzt gehen Sie wieder eine Hose kaufen – wenn die zu mir in die Josefstadt kämen, dann hätten wir keine Besucherprobleme. Es sind Hunderte!

Haben Sie den Eindruck, die Menschen haben sich in den Lockdowns das Theater abgewöhnt?

Wollen wir es nicht hoffen. Hoffentlich sind wir gut genug, den Menschen wieder zu vermitteln, wie schön es ist, am Abend ins Theater zu gehen, bevor man beim Heurigen versackt. Grad hat noch der Heurige die Nase vorn. Ich bin aber zuversichtlich, denn das Theater ist letztlich unentbehrlich. Damit meine ich das Theater, das von den Spielern und den Dichtern ausgeht – nicht von den Regisseuren.

Ach, aber auch Sie wurden als Kultregisseur dargestellt …

Aber ich hab mich nie wichtiger genommen als die Stücke, die ich inszeniert hab. Mich haben auch die Journalisten und was alles geschrieben steht, den KURIER eingeschlossen, nie interessiert. Heute staune ich über das Ausmaß der Verehrung, das ich genieße … man könnte fast eitel werden – aber das bin ich nicht (lacht)! Ich komme nicht als Feind zurück. Ich komme als Theaterbürger der Stadt Wien zurück – und habe nur eine einzige Angst: Nämlich, dass ich die Leute nur enttäuschen kann. Ich bin natürlich auch nicht frei von Sentimentalität … mal schauen.

Sie arbeiten wieder mit dem Bühnenbildner Achim Freyer. Er hat einen unbeschreiblich schönen Bühnenraum entworfen! Mit Achim Freyer hab ich ja mein ganzes Theaterleben verbracht. Jetzt sind wir beide alte Herren und klagen uns unsere Wehwehchen: Was macht der Rücken? Heute morgen schon die Pillen geschluckt?

Sie waren schwer erkrankt. Geht es Ihnen wieder gut?

Soweit es einem mit 84 gut geht. Ich laufe nicht mehr Marathon, aber ich kuck beim Marathon zu (lacht). Grenzen sind sichtbar, das Ende wird sichtbar. Ist es meine letzte Inszenierung, meine vorletzte oder erst meine zehntletzte? Und ist es hoffentlich am Ende kein Stück über mich? Könnte man ja denken bei dem Titel „Der König stirbt“ …

Sie inszenieren ein Stück über das Sterben eines alten Mannes. Konfrontiert einen das mit der eigenen Endlichkeit?

Ja, das ist eben der Jedermann-Stoff! Ich hatte mal das Angebot, in Salzburg den „Jedermann“ zu machen, Mortier wollte das unbedingt. Ich finde, „Der König stirbt“ ist ein ganz aktuelles Stück, ein kleines Meisterwerk. In Deutschland und Österreich wurde es meist erfolglos gespielt – das soll sich in den Kammerspielen ändern! Und ich arbeite gerne in diesem Theater, das hat eine gute Atmosphäre.

Sie fühlen sich an der Josefstadt wohl, dabei waren Sie früher der schärfste Kritiker dieses Hauses.

Ich nannte es seinerzeit „den größten Schlafsaal Wiens“. Ich hoffe, diese verrückte Inszenierung findet hier ihr Publikum. Wenn nicht, wehe (lacht)!

Haben Sie Angst, dass niemand kommt?

Ich bin ein vollständig angstfreier Mensch. Ja, ich habe Angst vor dem Tod, aber vor allem andern nicht. Theater kann die Herzen der Menschen erreichen, die Augen und die Seelen öffnen, ohne Gekicher und Provokation. Theater ist etwas Einmaliges, auch manchmal Skandalöses. Dass ich so sehr ans Theater glaube, macht mich stark und mutig!

Beobachten Sie die heutige Politik in Österreich?

Mit abgewandtem Gesicht (lacht)! Ich gehe ja jeden Morgen von der Josefstadt, wo ich wohne, zur Probe in die Kammerspiele. Und wenn ich über den Ballhausplatz komme, dann grüßen mich immer die Wachsoldaten vor dem Bundeskanzleramt und vor der Präsidentschaftskanzlei. Und ich winke immer zurück. Das ist mein einziger Draht zur Politik – die freundlichen Wachsoldaten vor den beiden Amtssitzen. Das hat viel von Nestroy. Alles andere interessiert mich nicht.

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