Schauspielhaus: Traumabewältigung in Pastellfarben
Der banale Alltag. Aufstehen, Zähneputzen, U-Bahn, Computerstarren, sich auf die Mittagspause freuen und über die merkwürdige Kollegin wundern. Ein ganz gewöhnlicher Freitag. Wäre da nicht etwas passiert. Etwas, dass man am liebsten schnell vergessen würde.
Die englische Autorin Rebecca Watson schreibt in ihrem Roman „Little Scratch“ vom scheinbar völlig normalen Alltag einer jungen Frau, die so schnell wie möglich darüber hinwegkommen möchte, dass sie vergewaltigt wurde. Von ihrem Vorgesetzen.
Als wäre nichts geschehen
Sie geht dennoch ins Büro, tut so, als wäre nichts geschehen. Er übrigens auch. Er hat das Geschehene wahrscheinlich schon vergessen. Die Umstände des sexuellen Übergriffs werden nicht näher erläutert, angedeutet wird allerdings, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. Sie hingegen versucht, das Trauma mit Verdrängung zu bewältigen. Zähne zusammenbeißen, stark bleiben. Ihr Körper rebelliert zwar- sie muss sich ständig kratzen, rennt öfter aufs Klo- aber das vergeht, sagt sie sich. Ihrem Freund will sie tunlichst nichts davon sagen. Aus Angst, er würde sie nicht mehr wollen oder gar ihr die Schuld geben.
Die Musik- und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) zeigt in Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus die deutschsprachige Erstaufführung von „Little Scratch“ in einer Übersetzung von Gerhild Steinbruch. Unter der Regie von Blanka Rádóczy stellen acht Schauspielstudierende - Merle Häcker, Lukas Hagenauer, Niels Karlson Hering, Annalena Hochgruber, Etienne Lestrange, Justus Pegler, Elisa Perlick und Leonie Rabl - die junge Frau dar.
Das Verdrängen funktioniert nicht
Sie singen, sprechen mal im Chor, dann wieder übernimmt ein einzelner die Rolle der Hauptdarstellerin. Ansatzweise könnte man das als Traumabewältigungs-Musical bezeichnen. Das überraschend gut funktioniert. Jeder Darsteller, jede Darstellerin überzeugt, ist eine mal tapfer-trotzige, mal verletzlichen Facette dieser jungen Frau, die sich einfach nicht unterkriegen lassen will.
Sich als Opfer zu sehen, wäre zu schmerzhaft. „Kratzen, kratzen, kratzen“ wird, äußerst melodiös, im Chor gesungen, bevor man sich aufs Rad schwingt um, trotz allem, zum Date mit dem Freund zu fahren. Die Vielstimmigkeit ergibt auch inhaltlich Sinn: Denn das Leiden soll den Alltag nicht bestimmen und ja, es ist auch in dieser Situation möglich, Lust auf Sex mit dem Freund zu haben. In den sich allerdings dann unerwünschte Erinnerungen einschleichen. Das Verdrängen funktioniert nicht.
Neben den fantastischen Darstellern glänzen auch Bühne und Kostüm: Andrea Simeon hat alle acht in ähnliche Outfits gesteckt - weiße Jeans mit verschiedenen, aber einander ähnelnden zartlila Oberteilen. Das Bühnenbild: Acht Waschbecken werden flugs zu acht Bürokojen. Auch hier dominieren Pastellfarben, was dem Stück insgesamt den Eindruck einer Fünfziger-Jahre Musical-Komödie verleiht, samt jungen Darstellern, die gemeinsam singen. Diese scheinbare Idylle macht das Geschehene umso schmerzhafter. Sehr, sehr sehenswert!
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