Kultur
16.04.2018

Theater an der Wien: Triumph mit Brittens „Sommernachtstraum"

© Bild: Theater an der Wien/Werner Kmetitsch

Damiano Michielettos Inszenierung spielt gekonnt mit den Welten. Auch musikalisch überzeugt die Produktion.

Roland Geyer hat Grund zu feiern. Denn mit Benjamin Brittens 1960 uraufgeführtem „A Midsummer Night's Dream“ (nach Shakespeare) legt das Theater an der Wien die 100. Produktion als Opernhaus vor. Und was für eine! Denn dieser „Sommernachtstraum“ ist szenisch wie musikalisch ein Genuss.

 

Er wolle Musiktheater mit der Betonung auf Musik und auf Theater gleichermaßen schaffen, hatte Damiano Michieletto im KURIER-Interview vorab erklärt. Genau das ist dem venezianischen Regisseur auch gelungen. Michieletto führt nämlich eine Meta-Ebene ein, verortet das Geschehen in einer heutigen Schule. Theseus und Hippolyta sind ein (Lehrer-)Paar, Hermia/Lysander und Helena/Demetrius sind Teenager, die ziemlich offen auf ihre ersten erotischen Erfahrungen hinsteuern, und die Handwerkertruppe bildet hier eine Theaterklasse vor ihrer Abschlussprüfung.

Traumatisiert

Im Zentrum aber steht Puck, ein androgynes Wesen, das in der Schule ein Außenseiter ist, das sich mittels bunter Brille in die Fantasiewelt von Oberon und Titania hineinträumt. Diese beiden wiederum stehen – Michieletto enthüllt das in Paolo Fantins klugem (Klassenzimmer und Turnsaal-)Bühnenbild – für Pucks Eltern. Beide sind bei einem Autounfall (man sieht das nach und nach in Videos) ums Leben gekommen. Das Waisenkind Puck baut sich daher mit ihnen sein Elfenreich auf, ehe es ganz am Ende den Tod der Eltern überwindet, aus der Scheinwelt fast getröstet ins Leben findet. Das ist berührend, poetisch, bildgewaltig und mit einer atemberaubenden Liebe zum Detail (fabelhaft die Personenführung) realisiert. Auch die Kostüme (Klaus Bruns) passen. Ein Wurf!

Traumhaft

Großartig ist dieser „A Midsummer Night's Dream“ aber auch dank der exzellenten Singschauspieler. So ist der Countertenor Bejun Mehta ein Oberon von Weltformat, der diese Partie traumhaft schön singt und intensiv gestaltet. Daniela Fally ist ihm eine glockenhelle, in jeder Hinsicht ebenbürtige Tytania; als androgyner Puck spielt Maresi Riegner furios mit den Geschlechtern und den diversen Welten. Mit Rupert Charlesworth (Lysander), Tobias Greenhalgh (Demetrius), Natalia Kawalek (Hermia) und Mirella Hagen (Helena) ist das pubertierende Kleeblatt sehr gut besetzt.

Eine echte Urgewalt ist der Bassist Tareq Nazmi als Nick Bottom/Zettel samt Eselskostüm. Seine mitstreitenden Schauspiel-Dilettanten (Lukas Jakobski, Michael Laurenz, Dumitru Madarašan, Andrew Owens, Kristján Jóhannesson) fügen sich ebenso ein wie Günes Gürle, Ann-Beth Solvang oder die St. Florianer Sängerknaben.

Und am Pult der sehr konzentrierten Wiener Symphoniker kostet Dirigent Antonello Manacorda die vielen Feinheiten von Brittens Partitur souverän aus, ist den Sängern ein sicherer Partner, hat aber auch stets das große Ganze im Auge. Britten auf der Schulbank: Mit Auszeichnung bestanden! Bravo!