Michael Fassbender und Javier Bardem genießen (noch) das luxuriöse High-Life ihrer Drogengeschäfte.

© Centfox

"The Counselor": Geparden als Schmusekätzchen, Menschen als Raubtiere
11/28/2013

"The Counselor": Geparden als Schmusekätzchen, Menschen als Raubtiere

Ridley Scotts Verfilmung von Cormack McCarthy als überheblicher Noir-Western + "Der Fremde am See" + "Die Eiskönigin" + "Drecksau".

von Alexandra Seibel

Ein hochkarätiger Regisseur wie Ridley Scott schrieb mit Werken wie „Blade Runner“, „Alien“ oder „Thelma & Louise“ Filmgeschichte. Doch sein aufgeblasener Drogen-Thriller und gelackter Western-Noir „The Counselor“ schafft es diesmal eher in die Fußnoten – trotz All-Star-Ensemble und einem Pulitzer-Preisträger-Autor wie Cormac McCarthy.

Letzterer lieferte der Unterhaltungsindustrie bereits diverse erfolgreiche Filmvorlagen, darunter den mit vier Oscars ausgezeichneten Kassenschlager „No Country for Old Men“. Damals hatten allerdings die Coen-Brüder die Romanvorlage adaptiert (und dafür einen Oscar erhalten), während McCarthy nun sein erstes Original-Drehbuch ablieferte.

Womöglich nicht die beste Idee: Selten hat man Gangster so schwülstig-philosophischen Quatsch daher plappern hören, ehe sie zur kriminellen Tat schritten.

Überhaupt klingt alles so, als hätte Nietzsche höchst persönlich das Drehbuch geschrieben. Allerdings nur für ausgesuchtes Hollywood-Personal, das über menschliche Gier und ihre fatalen Konsequenzen stolpert. Noch die kleinste Nebenrolle ist mit Starnasen besetzt. Bruno Ganz darf als Juwelier in Amsterdam einen Diamanten schätzen und „Carlos“-Darsteller Édgar Ramírez liefert einen Zwei-Minuten-Auftritt als Priester im Beichtstuhl.

Nun wäre Starbesetzung nicht das Problem. Tatsächlich sind Michael Fassbender als slicker Drogenanwalt namens „The Counselor“, Javier Bardem als abgefahrener Dealer mit Igelfrisur und Cameron Diaz als Lady Gaga der Gangster-Szene beste Blickfänge. Sie gehören zu den Superreichen und Superschönen und schlürfen täglich Champagner. Doch Scotts Bilder sind alle derartig auf Hochglanz-Ambiente aufgepimpt, dass alles – Hollywood-Stars und Designer-Gegenstände – nur nach penetrantem Product-Placement riechen.

Grausames Kartell

Immerhin unterfüttert der Regisseur das pompöse Geld-Ambiente der Prachtvillen mit misanthropem Humor und morbider Unheimlichkeit: Wenn der Counselor zur Liebsten (Penélope Cruz) sagt „Ich liebe dich, bis ich sterbe.“ Und sie mit „Ich zuerst“ antwortet, ahnt man, wie’s weitergeht: Der Counselor verstrickt sich in einen Drogendeal an der texanisch-mexikanischen Grenze und ruft die grausame Rache des Kartells auf den Plan.

Ein Motorradfahrer wird enthauptet, sein abgeschnittener Kopf aus dem Helm geschüttelt. Wo gerade noch die Luxusvilla stand, öffnet sich der Müllhaufen. Selbst dem lässigen Brad Pitt, der mit Cowboy-Hut für amüsante Auftritte sorgt, vergeht das Lachen.

Den Vogel an Perversion schießt Cameron Diaz als reiche Drogenbaronin ab. Nicht nur hält sie Geparden als Schmusekätzchen, sondern sie hat auch bizarren Sex mit ... Windschutzscheiben.

Der Mensch, er ist ein Raubtier, so die düstere Moral. Neben ihm nehmen sich selbst die Geparden zahm aus. Cameron Diaz hat das verstanden: Wenn sie am Ende von der „Schönheit des puren Akts des Tötens“ schwafelt und darüber, wie „sexuell“ das sei, kann man das hochgradig hintergründig finden – oder schlichtweg nur albern.

KURIER-Wertung:

INFO: "The Counselor". USA 2013. 117 Min. Von Ridley Scott. Mit Michael Fassbender, Cameron Diaz.

Schwules Biotop des (tödlichen) Begehrens

Für viele Besucher der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes war Alain Guiraudies „Der Fremde am See“ der heimliche Lieblingsfilm. Wer weiß, was passiert wäre, hätte man ihn im Hauptwettbewerb gezeigt. Tatsächlich lief das hypnotische Erotik-Thriller-Drama in der Programmschiene „Un certain regard“ und erhielt dort den Regie-Preis und die „Queer Palm“.

Guiraudie siedelt sein minimalistisches, punktgenau erzähltes Szenario an einem idyllischen See in Südfrankreich an. Es herrscht brütende Sommerhitze. Jeden Tag parken Männer ihre Autos am Parkplatz, durchqueren ein kleines Wäldchen und setzen sich ans Seeufer. Dort checken sich sich gegenseitig ab und suchen nach einem Partner, mit dem sie in den Büschen verschwinden können.

So auch der hübsche, junge Franck. Schwitzend betrachtet er das Angebot und unterhält sich dazwischen mit einem etwas älteren, dicklichen Mann. Zwischen den ungleichen Besuchern entsteht so etwas wie Freundschaft. Doch sein begehrendes Auge hat Franck auf einen mysteriösen Unbekannten geworfen, dessen Erscheinung stark an Tom Selleck erinnert. Von dem Unbekannten geht allerdings auch eine tödliche Gefahr aus, die ihre Schatten auf das Paradies sexueller Entfesselung wirft. In aller Selbstverständlichkeit – auch gegenüber einem Mainstream-Publikum – entwirft Guiraudie ein Biotop schwulen Begehrens und zeigt expliziten Sex. Inmitten einer fantastisch flirrenden Natur, die er intensiv libidinös auflädt – um sie dann langsam in einen kriminalistischen Albtraum zu entladen. Der Fremde am See.

KURIER-Wertung:

INFO: F 2013. 100 Min. Von Alain Guiraudie. Mit Pierre Deladonchamps, Christophe Paou.

Beherzte Girl-Power im Schneegestöber

Robert Palfrader erkennt man sofort: „No geh“, sagt er in astreinem Wienerisch. Und dass er tanzen kann „mit der Sprungkraft einer Grille“. Palfrader spricht den Herzog von Pitzbühl – eine signifikante Rolle. Im Mittelpunkt stehen aber zwei königliche Schwestern, von denen eine alles in Eis verwandeln kann. Verzweifelt zieht sie sich ins Gebirge zurück – und wird von ihrer Schwester gerettet. Gesang, Action, Girl-Power – und wenn alle weniger wie Barbies aussähen, wäre es noch besser.

KURIER-Wertung:

INFO: Animation. Die Eiskönigin - Völlig unverfroren. USA 2013. Von Chris Buck, Jennifer Lee. Mit Robert Palfrader.

Der Weihnachtsmann speibt ins Eck, die Polizisten ziehen ihre Kokslinien durch die Nase und erpressen ihre Verhörsopfer mit Blow Jobs. Zynischer Schottenhumor bestimmt das Niveau von „Drecksau“ (im englischen Original „Filth“), das aus der Feder von Kultautor Irvine Welch („Trainspotting“) stammt und von Jon S. Baird verfilmt wurde. James McAvoy spielt seinen korrupten, bipolaren, alkoholkranken, drogensüchtigen und sexuell konfusen Cop mit großer Hingabe – und da wir uns in dem Genre der schwarzen Komödie befinden, darf man auch alles komisch finden.

Egal, ob es sich um sexistische oder rassistische oder sonst wie tiefe Witze handelt – eh alles nur Spaß. Weil der Held – wir wissen es – ein ausgewiesenes Arschloch ist und am Ende bestraft wird. Na dann.

"Getaway"

Action: Ethan Hawke kommt nach Hause und findet seine Frau nicht mehr. Sie wurde brutal entführt – und wenn er sie jemals wiedersehen will, muss er sich an die absurden Anweisungen eines unheimlichen Fremden halten. Die da lauten: Setze dich in ein Auto und fahre eine Menge Leute nieder. Zufälligerweise steigt dann auch noch Selena Gomez zu – und dann wird noch mehr Gas gegeben. Ein wildes Autorennen entfesselt sich. Und angeblich hat Courney Solomon alle Auto-Stunts auch tatsächlich gedreht. Allerdings sieht man davon nicht mehr allzu viel – weil alle Szenen wild auf kleine Häppchen zusammengeschnitten wurden. Schade. Aber wer bis zum Ende durchhält, darf einen Blick auf John Voight erhaschen.

"Jung und schön"

Drama: François Ozons letzter Streich, der es allen Ernstes in den Hauptwettbewerb von Cannes brachte. Im Mittelpunkt steht eine gutbürgerliche Schülerin, die beschließt, als Privatprostituierte zu arbeiten. Warum, weiß keiner so genau – sie offensichtlich auch nicht.

"Stille Nacht"

Drama: US-Drama um den Priester Joseph Mohr, der 1818 den Text zum bekanntesten Weihnachslied aller Zeiten schrieb: „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Regie führte der Österreicher Christian Vuissa.

"Chasing Ice"

DokuJeff Orlowskis Doku über die Erderwärmung wurde in Sundance ausgezeichnet. Dazu verwendete er die revolutionären Zeitraffer-Aufnahmen des Naturfotografen und Wissenschaftlers James Balog.

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