Florian David Fitz als Angeklagter in "Terror - Ihr Urteil"

© ORF/Julia Terjung

TV-Event
10/18/2016

"Terror - Ihr Urteil": Fernsehzuschauer sprechen Angeklagten frei

Darf man 164 Menschen opfern, um 70.000 zu retten? Die Fernsehzuschauer sagten: ja. Heiße Diskussion auf Twitter.

Major Lars Koch kommt frei: 86,9 Prozent der ORF-2-Seher haben sich beim TV-Herbstevent „ Terror“ entschieden, die Hauptfigur der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Theaterstück freigehen zu lassen. 13,1 Prozent votierten hingegen dafür, dass der Luftwaffenpilot nach dem Abschuss einer entführten Passagiermaschine zur Rettung eines voll besetzten Stadions schuldig gesprochen wird.


Damit fiel die Entscheidung des österreichischen Publikums analog zu jener der deutschen und des schweizerischen TV-Gemeinde aus, wo der Fernsehfilm mit Florian David Fitz, Martina Gedeck und Burghart Klaußner in den Hauptrollen parallel ausgestrahlt wurde. In Deutschland stimmten exakt wie in Österreich 86,9 Prozent der Televoter für „Nicht Schuldig“, in der Schweiz mit 84 Prozent leicht weniger.

Das Interesse der TV-Zuseher war groß: 849.000 Menschen sahen in Österreich zu, in Deutschland waren es 6,8 Millionen.

Zwei Fassungen

Gemäß dem Urteil der TV-Freunde wurde deshalb in ORF 2, ARD und SRF die entsprechend Fassung des Filmendes ausgestrahlt, bevor im Anschluss mittels Diskussionsrunden der Fall aufgearbeitet wurde. In ORF 2 war dazu neben der Rechtsphilosophin Elisabeth Holzleithner, Luftwaffenchef Karl Gruber und dem Verfassungsjuristen Heinz Mayer auch Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) geladen.

Die Diskussion auf Twitter

Heiß und kontroversiell ging es auf Twitter zu: Es wurde nicht nur unterschiedlich geurteilt, viele sahen das Format selbst als gesellschaftspolitisch bedenklich an.

Es gab totale Ablehung:

...prinzipielle Ablehnung...

...humorige Ablehnung:

... ausgleichende Stimmen...

Es gab aber auch viel Lob:

Für Ärger in Deutschland sorgten jedenfalls die technischen Schwierigkeiten bei der Online-Abstimmung:

Und nicht alles eignet sich letztlich für eine Publikumsabstimmung:

Ein gefährliches Spiel

In Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror - Ihr Urteil“ muss das Publikum entscheiden: Ist es in Ordnung, dass ein Kampfpilot ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, um den 70.000 Besuchern eines Stadions das Leben zu retten? Eine komplexe Fragestellung, die viele Grenzbereiche von Ethik und Recht berührt. In dem geschlossenen Rahmen eines Theatersaals lässt sich das vielleicht seriös abhandeln.

ARD und ORF haben daraus aber ein Gesellschaftsspiel für die Massen der Fernsehzuschauer gemacht: Schuldig oder nicht schuldig? Daumen rauf oder Daumen runter? Darf ein Mann eigenmächtig 164 Menschen abknallen? 86,9 Prozent der Fernsehzuschauer sagten: ja. Bei den Theateraufführungen lag die Zustimmungsquote nur bei 60 Prozent. Man sieht, was das emotionale Massenmedium Fernsehen anrichten kann: der fesche Pilot in der feschen Uniform sieht aus wie Held, also muss er ein Held sein.

Es gibt gute Gründe, warum in der Regel studierte Fachleute auf Basis eines komplexen Regelsystems solche schwerwiegende Entscheidungen treffen. Sie - auch nur im Fernseh-Spiel – dem Publikum zu überlassen, ist problematisch. Gerade in Zeiten von Populismus und Menschenhetze auf Facebook.

(Anna Gasteiger)

Soll man 164 Menschen töten, um Tausende zu retten?

Nicht schuldig. Der Bundeswehrpilot Lars Koch, der einen Airbus mit 164 Menschen abgeschossen hat, um damit 70.000 Menschen zu retten, wurde freigesprochen. 23 der geladenen Medienvertreter stimmten nach der Pressevorführung von "Terror – Ihr Urteil" in einem Hotel in Hamburg für einen Freispruch. 17 waren für eine Verurteilung. Das Gerichtsdrama, von dem hier die Rede ist, sorgte im Theater bereits für volle Ränge und Furore, weil es das Publikum einbezieht, zu Geschworenen macht und sie am Ende in eine moralische Zwickmühle bringt.

Nun wurde das Theaterstück des deutschen Bestseller-Autors Ferdinand von Schirach für das Fernsehen adaptiert. Am Montag, 17. Oktober, um 20.14 Uhr auf ORF 2 wird eines der spannendsten Experimente der jüngsten TV-Geschichte in Österreich, der Schweiz und Deutschland zeitgleich ausgestrahlt. An Bord sind auch noch Slowenien und Tschechien, die nachträglich aufgesprungen sind.

Das Besondere daran: Die TV-Zuseher werden nach den Schlussplädoyers länderübergreifend in die Pflicht genommen: Ist der Angeklagte schuldig? Oder nicht schuldig? Abgestimmt wird per Televoting. Bevor der Richter (Burghart Klaußner) das Urteil der TV-Zuseher verkündet, wird der Fall ausführlich aufgerollt.

Abschuss

In einer kammerspielartigen Inszenierung von Regisseur Lars Kraume werden Zeugen befragt und Fakten überprüft. Angeklagt ist Major Lars Koch (Florian David Fitz), der sich vor Justitia für folgende Tat verantworten muss: Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf ein vollbesetztes Stadion in München zu nehmen, wo Fußballfans das Spiel zwischen Deutschland und England verfolgen. Um 20.53 Uhr wird die Flugzeugentführung an den Luftwaffenstützpunkt weitergeleitet. Kampfjets steigen auf. Einer der Piloten ist Major Lars Koch, der minutenlang den Airbus begleitet, versucht ihn abzudrängen und sogar einen Warnschuss abgibt. Aber auf beide Manöver reagiert die Maschine nicht. Der Befehl zum Abschuss wird auf Nachfrage des Piloten nicht erteilt. Schließlich entscheidet er eigenmächtig, den Flieger abzuschießen: "Wenn ich jetzt nicht schieße, werden Zehntausende sterben." Mit einer Rakete holt er das entführte Passagierflugzeug vom Himmel – alle Insassen sterben. Koch wird nach der Landung festgenommen – die Anklage der Staatsanwältin (Martina Gedeck) lautet: 164-facher Mord. Sie fußt auf einer Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts, wonach Leben nicht gegen Leben abgewogen werden kann. "Recht und Moral sind streng voneinander zu trennen", sagt die Staatsanwältin. Dagegen plädiert der Verteidiger (Lars Eidinger) von Lars Koch – seine Forderung: Freispruch! Sein Mandant sei kein Mörder, sondern ein Held, der Tausende vor einem Terroranschlag gerettet hat.

Der TV-Zuseher verfolgt das Geschehen aus der Perspektive eines Geschworenen. Während des Films ist man mehrmals hin- und hergerissen. Kaum hat man eine Tendenz zu einem Urteil, ändert sich die Stimmungslage. Sein persönliches Urteil behält Florian David Fitz im KURIER-Interview für sich: "Ich will nichts vorwegnehmen. Die Entscheidung überlasse ich jedem Zuschauer selbst. Ich war mir bei der Entscheidung auch lange nicht sicher, war immer wieder hin- und hergerissen. Ein bisschen bin ich das immer noch."

Innere Konflikte

Das Tolle am Schirach-Stück ist, dass es die Menschen unmittelbar anspricht. Zuseher werden sensibilisiert, wie schwierig es ist, juristische Entscheidungen zu treffen. "Spannend wird es während oder nach dem Film. Dann, wenn die Menschen miteinander über das mögliche Urteil diskutieren, die Gründe für eine oder gegen eine Verurteilung debattieren. Der Film löst innere Konflikte aus und bringt einen in moralische Schwierigkeiten", sagt Fitz. "Das ist dem TV-Publikum zumutbar", ist die ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner überzeugt und fügt hinzu: "Wir wollen mit diesem multimedialen TV-Event einen Diskurs auslösen und bewusst machen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen."

Es geht bei "Terror – Ihr Urteil" also nicht nur um Unterhaltung zur Primetime, sondern auch darum, sich seine eigene Meinung zu bilden, Pro und Kontra abzuwägen, Debatten über Moral und Ethik zu führen. "Das Ziel ist es, dem Zuschauer die Entscheidung so schwer wie möglich zu machen", fasst Fitz zusammen. Das sei ein charmanter Trick des Autors. Es gelingt ihm, "ein sperriges, rechtsphilosophisches Thema anschaulich und dramaturgisch genial aufzubereiten. Er findet so einen völlig anderen Zugang zu Fragen wie Menschenwürde, wie sich Recht und Moral zueinander verhalten", sagt Peter Resetarits, der dem österreichischen TV-Publikum live die Frage stellen wird: schuldig oder nicht schuldig? Eingebettet in einem Themenabend (siehe unten) lädt der Jurist und ROMY-Preisträger anschließend zur Diskussion. Neben dem Urteil des TV-Publikums werden die rechtliche Situation in Österreich und die ethischen wie moralischen Grundlagen analysiert. Bestandteil dieses Eurovision-Abends sind auch Live-Schaltungen nach Deutschland und in die Schweiz.

Dilemma

Das Theaterstück von Ferdinand von Schirach wurde bereits weltweit aufgeführt. Die Abstimmungsergebnisse fallen dabei meist ident aus: Wie die Internetseite terror.theater auflistet, haben bislang 59,9 Prozent der 160.807 Theaterbesucher für einen Freispruch gestimmt. Während in Japan der Kampfpilot bei vier Vorstellungen schuldig gesprochen wurde, gab es in Österreich bei 17 von 18 Vorstellungen im Grazer theater@work Freisprüche. "Rein strafrechtlich wäre ich nach deutschem Gesetz zu verurteilen", sagt Fitz. Und äußert seine bedenken: "Ist es wirklich egal, ob ein Mensch oder Tausende sterben? Würde das bedeuten, dass ein Völkermord dasselbe ist wie ein einzelner Mord? Für mich bleibt es ein Dilemma."

Der Ablauf des Themenabends auf ORF 2

– 20.14 Uhr: „Terror – Ihr Urteil“ – mit einleitenden Worten von Peter Resetarits. Danach folgt die Verhandlung (deshalb 20.14 Uhr).

– 21.40 Uhr: Die Abstimmung. Peter Resetarits meldet sich zurück und fordert die Zuseher (also die Geschworenen) zur Stimmabgabe via Televoting auf (€ 0,50/SMS/Anruf).
Dazu wählen die Zuschauer
090105909 – 01 (für „schuldig“)
090105909 – 02 (für „nicht schuldig“)
oder stimmen online unter extra.orf.at ab.

– 21.48 Uhr: Das Urteil – Ausstrahlung des in Österreich gewählten Filmendes.

– 21.53 Uhr: Die Diskussion – unter der Leitung von Peter Resetarits diskutieren unter anderem Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP), Juristin und Philosophin Elisabeth Holzleithner und Verfassungsexperte Heinz Mayer, inklusive Live-Schaltungen nach Deutschland (ARD) und in die Schweiz (SRFzwei).

Analyse

Je realer ein Szenario, desto faszinierender ist es. Auch wenn "Terror" eine erfundene Geschichte erzählt, wirkt sie nahe: Militärpilot schießt gekapertes Flugzeug ab, tötet Menschen, um andere zu retten, steht dafür vor Gericht.

Ein Verfahren, das sich Rechtsanwalt Dominik Leiter auch in der Realität vorstellen kann: "Wobei die Frage ist, vor welchem Gericht sich das abspielen würde. Geht es um die strafrechtliche Thematik oder darum, dass die Hinterbliebenen zivilrechtlich Geld fordern." Viel Schmerzensgeld wäre beim Einzelnen nicht zu holen, da würde man wohl das Bundesheer, also die Republik klagen. Leiter, Partner der Kanzlei bpv Hügel: "Der Pilot ist wahrscheinlich nur dem Bundesheer gegenüber haftbar. Da ist die Frage, ob der Bund entsprechende Maßnahmen getroffen hat, um den Abschuss zu verhindern."Aus seiner Sicht wäre das "Institut des entschuldigenden Notstandes" die richtige Verteidigung. Der Pilot schützt die 70.000 im Stadion vor dem Tod. "Entscheidend ist, dass es sich um gleichwertige Rechtsgüter handelt, nämlich das Leben. Und um die Frage, ob der Pilot wie ein vernünftiger Menschen im Rahmen der Umstände nachvollziehbar gehandelt hat."

Über dem konkreten Verfahren steht jedoch die Frage, ob es überhaupt eine Bemächtigung dafür geben kann, eine kleine Gruppe abzuschießen, um eine große zu retten. Gerhard Luf ist emeritierter Professor für Rechtsphilosophie an der Uni Wien: "Es geht nicht um Freispruch oder Schuld. Kann man eine solche Regel überhaupt aufstellen?" Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat es getan: "Demnach ist dieses Vorgehen nicht zulässig. Weil grundsätzlich die Würde des Menschen zu schützen ist." Diese Würde wäre für die 164 Passagiere das Leben und ist der oberste Wertungsgrundsatz. "Die deutsche Tradition folgt einem kantischen Ansatz (Anm.: Immanuel Kant, dt. Philosoph im 18. Jhdt.): Man darf den Menschen nicht zur bloßen Sache machen."

Österreich: offen

Ob die österreichische Verfassung überhaupt zulässt, dem Militär eine solche Abschussbefugnis einzuräumen, ist für Anwalt Leiter offen: "Es gibt dazu die Diskussion, wie das zu beurteilen wäre. Ich schließe mich der Meinung an, dass man den Abschuss nicht genehmigen dürfte." Aus ähnlichen Gründen wie in Deutschland.

Die Opferzahl wäre dabei nicht von Bedeutung: "Eine Abwägung der Zahl an Opfern ist schwierig und wäre wahrscheinlich nicht rechtszulässig." Nachsatz: "Als Verteidiger wäre aber meine Hoffnung, dass Geschworene die Zahlen abwägen würden."

Bleibt die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen – für den Rechtsphilosophen ein unlösbares Dilemma. Luf: "Das Individuum kann die tragische Entscheidung aus philosophischer Sicht nicht treffen. Aber wenn ich den Würdebegriff so sehe wie das Verfassungsgericht, lässt sich das moralisch nicht legitimieren." Man kenne in der Philosophie solche aporetischen – ausweglosen – Fragen, etwa das Beispiel der Schiffbrüchigen: Fünf springen in ein Boot, das aber nur vier tragen kann. Wen wirft man über Bord?Luf sieht bei solchen Fragen den Utilitarismus im Vormarsch, also die Abwägung nach Nützlichkeit. "Im Fall des Piloten verlangt das utilitaristische Kalkül eine Minimierung des Unglücks. Wenn ich die unbedingte Menschenwürde vertrete, kann ich dem aber nicht folgen. Trotzdem ist sichtbar, dass das Prinzip, Dinge verhandelbar zu machen, in der Gesellschaft stärker wird." In den USA etwa sei der Utilitarismus von der ethischen Tradition her ausgeprägter. "Dort würde man den Piloten sicher mehrheitlich als unschuldig betrachten." Und als Helden.

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