Kultur
16.08.2018

Teodor Currentzis: Roll over Beethoven

Kritik: Der Dirigent eröffnete sein Großprojekt bei den Salzburger Festspielen mit der Neunten.

Wie sehr kann man sich eines der berühmtesten Werke der Musikgeschichte durch eine radikale Interpretation zu eigen machen, ohne dessen Substanz zu zerstören? Wie stark darf man an der DNA eines Klassikers experimentieren, ohne am Ende ein gentechnisch verändertes Produkt zu haben? Wo liegen die Grenzen neuer Zugänge? Gibt es überhaupt welche?

Solche Fragen stellt man sich nach dem Auftakt des Beethoven-Zyklus von Teodor Currentzis mit seinem Orchester aus Perm bei den Salzburger Festspielen, der – womit sonst? – mit der Neunten Symphonie begann.

Beethoven auf den Kopf gestellt. Roll over Beethoven. Oder auch: Currentzis featuring Ludwig van. Der Klassik-Punk als eine Art DJ mit Liveorchester in der Salzburger Felsenreitschule. Das fährt, wie man auf Neudeutsch sagt.

Skepsis

Der Autor dieser Zeilen muss einräumen, dass er im Vorfeld des Konzertes, die Interpretation von Currentzis bei der Neuproduktion von Mozarts „Clemenza di Tito“ im Rahmen der Festspiele 2017 noch im Ohr habend, größte Skepsis hatte. Dass sich Currentzis in das Kernrepertoire der besten Orchester der Welt, etwa der Wiener oder der Berliner Philharmoniker, vorwagt, noch dazu bei einem Festival, dem Qualität über alles geht, grenzt an Chuzpe.

Nach dem Auftaktkonzert muss man jedoch einräumen: Das ist ein faszinierendes Projekt und hundertmal spannender als der nächste Versuch im Wettbewerb, Beethovens Symphonie noch um eine Spur ästhetischer, besser zu spielen. Ja, gerade in Salzburg muss so eine Übermalung, eine solche Dekonstruktion möglich sein. Man verlässt das Konzert aufgewühlt, in einem emotionalen Zwischenreich von Begeisterung und Ratlosigkeit.

Teodor Currentzis rast mit seiner musicAeterna durch die meisten Passagen dieses Werkes. Die Musikerinnen und Musiker (mit Ausnahme jener, die aus technischen Gründen sitzen müssen, wie etwa die Cellisten), stehen während des ganzen Konzertes und wirken dadurch solistischer, auch wenn es hier ums Kollektiv geht.

Einige melodische Stafetten, zwischen Streichern und den historischen Blasinstrumenten, sind beglückend. Es gibt jedoch kaum eine traditionell musizierte Phrase, das meiste wird im Staccato abgehandelt. Jede Form von Pathos ist weggeblasen, die gesamte Interpretationsgeschichte geschreddert.

Diese Neunte, ob nun von Beethoven oder von Currentzis, ist kein triumphales Gemälde, sondern ein hartes Ringen um die Form, ein Herantasten an historische Größe, zwischen Schüchternheit und Arroganz, ein architektonisches Wunderwerk, das gerade noch stehen bleibt und nicht in sich zusammenfällt. Auch das zeigt die Genialität von Beethoven – was bei ihm an Ausreizung alles möglich ist.

Unhörbar

Allein das Freudenthema im vierten Satz, das in der Cellogruppe beginnt: Das ist diesmal so leise, dass es eigentlich unhörbar wird. Eine Ahnung von Musik, mehr nicht. Man muss das Göttliche nicht hören, um es zu fühlen, ähnlich, wie man bei Haneke Gewalt nicht sehen muss. Bizarr das Kontrafagott, das das nächste Thema eröffnet: meterhoch, mit einer Art Ofenrohr aufgepeppt. Das ist eigentlich nicht mehr Musik, das sind Geräusche, nicht minder intensiv.

Die Solisten – die Sopranistin Janai Brugger, die Altistin Elisabeth Kulman, der Tenor Sebastian Kohlhepp und der Bass Michael Nagy – sind famos und dem großem Ganzen untergeordnet, der Chor (aus Perm, unterstützt vom Bachchor Salzburg) singt gigantisch präzise. Man möchte gar nicht wissen, wie lange dafür geprobt wurde. Mit keinem anderen Ensemble wäre Currentzis dieser bejubelte, fast sakrale Abend möglich. Schön jedoch, dass er überhaupt möglich ist.

Eine Sternenwertung nach traditionellen Kriterien entfällt, weil sich der Autor nicht zwischen null und fünf entscheiden kann. Alles dazwischen wäre verrückt.