Talente-Liste überging Lady Gaga

Lady Gaga
Foto: ap, rts

Seit zehn Jahren tippen Experten auf die Stars von morgen – und oft auch daneben.

Der Gewinner ist: Haim! Die drei Schwestern Alana, Danielle und Este Haim wurden zum Sieger der „BBC Sound of 2013“-Liste erkoren. Seit zehn Jahren versucht die Liste mit Stimmen von über 180 Musik-Kritikern, DJs, Clubbetreibern und Bloggern die vielversprechendsten Talente zu finden, schon vorab herauszufiltern, wer am Ende des Jahres erfolgreich gewesen sein wird.

Und wie jedes Jahr gibt es auch heuer wieder Kritik an diesem Vorhaben. Die Liste sei eine „selbsterfüllende Prophezeiung“, heißt es einmal mehr. Haim würden sich schon allein wegen des Hypes, der mit dem Gewinn der Liste entsteht, durchsetzen. Denn der garantiert Medien-Aufmerksamkeit und Radio-Airplay.

Doch die Folgerung, dass diese Kombination dem Gewinner automatisch den Durchbruch beschert, ist schnell zu widerlegen: Denn längst nicht jeder, der es in den zehn Jahren des Bestehens der Liste an die Spitze geschafft hat, hatte danach entsprechenden Erfolg.

PORTUGAL ROCK IN RIO LISBOA Foto: APA/MANUEL DE ALMEIDA Kaiser Chiefs The Bravery, die Gewinner von 2005, sind nach einem halben Achtungserfolg völlig von der Bildfläche verschwunden. Bloc Party mussten sich damals ihretwegen mit dem zweiten Platz begnügen. Die größten Abräumer in dem Jahr waren aber ohnehin die Kaiser Chiefs, die die Jury nur als fünftbesten Act eingestuft hatte.

Megaseller

Soul-Stimme Corinne Bailey Rae, die Erste von 2006, ist nach ihrem moderaten Hit „Put Your Records On“ mittlerweile wieder zurück in den Jazz-Clubs, aus denen sie einst kam. Little Boots, Siegerin von 2009, kannte man damals genauso wenig wie heute, während sich die Drittplatzierte Florence + The Machine durchaus einen guten Namen machen konnte.

Music-Grammys Foto: AP/Matt Sayles Adele Klar, oft liegen die britischen Business-Insider mit ihren Tipps schon goldrichtig: Mika und 50 Cent haben in ihren Gewinner-Jahren tatsächlich die Szene bestimmt. Auch für die 2004-Sieger Keane lief es nicht schlecht. Sie wurden in diesem Jahr aber deutlich von den zweitplatzierten Franz Ferdinand überrundet. Und selbst Adele schaffte das Gros ihrer 50 Millionen verkauften Tonträger nicht im Gewinner-Jahr 2008, sondern erst 2011 mit ihrer zweiten CD.

Beispiellos

GERMANY MUSIC Foto: APA/BRITTA PEDERSEN Scissor Sisters Aber genauso wenig wie ein Gewinn der Liste eine Garantie für den Durchbruch ist, ist ein Platz weiter hinten ein Nachteil: Lady Gaga startete 2009 vom sechsten Rang zu einer beispiellosen Weltkarriere. Die Scissor Sisters verkauften 2004 von ihrem Debüt-Album allein in England 1,6 Millionen, obwohl sie nur Siebente waren. Auch die Hurts, die Durchstarter von 2010, waren nur Vierte, Sean Paul gar nur Zehnter und Letzter. Und Mumford & Sons, 2009 unter den Nominierten, schafften es nicht gar nicht auf die Liste der besten zehn Acts – und haben von ihrem Debüt trotzdem fast vier Millionen verkauft.

Welchen Wert hat die Liste also? „Sie ist ein Leitfaden für die aufregendsten Acts des Jahres“, sagt George Ergatoudis, der Musik-Verantwortliche vom BBC-Pop-Sender Radio 1. „Natürlich werden nicht alle Acts erfolgreich sein. Aber sie sind es alle wert, gehört zu werden. Also lasst uns goutieren und dann debattieren.“

Gewinner 2013

Im Vergnügungspark begonnen

Der brave Haim-Sound schlug wagemutige Acts.

Members of the pop group Haim are seen in an undat
Foto: Reuters/HANDOUT

Schon als Kinder begannen Este, Danielle und Alana Haim in ihrer kalifornischen Heimat Musik zu machen. Mit ihren Eltern spielten sie als Rockinhaim in Vergnügungsparks Coverversionen aktueller Hits. Während Este (26) nach der Schule „Ethnische Musikwissenschaft“ studierte, ging Danielle, die Drums und Gitarre spielt, mit Julian Casabancas von den Strokes und Cee-Lo Green auf Tour. Danach war auch Alana (21) mit der Schule fertig und die drei gründeten Haim.

Dass die Schwestern mehrere Instrumente beherrschen, war laut BBC-Website der Hauptgrund für die Jury, Haim zum Sieger der „Sound Of 2013“-Liste zu wählen. Punkte für Innovation haben sie vermutlich nicht bekommen. Denn der Sound der drei ist zwischen dem ihrer Idole Fleetwood Mac und folkigem Charts-Pop angesiedelt. Er ist gefällig und brav, tut keinem weh, polarisiert nicht. Massentauglich also. Insofern könnten Haim wirklich heuer den großen Durchbruch schaffen.

Schade nur, dass die BBC-Liste nicht deutlicher zwischen „kommerziell aufregend“ und „musikalisch aufregend“ differenziert. Denn wenn sich auf der Longlist – heuer etwa mit dem großartigen Weekend – auch wagemutigere Sounds finden, landen auf der Shortlist doch immer eher die kommerziellen Acts.

Longlist

Die komplette BBC-Liste

Die jährliche BBC-Liste "Sound of ..." gehört zu den sichersten Trend-Barometern der Musikszene. Von folgenden Künstlern werden wir 2013 bestimmt noch einiges hören . . . A*M*E* ist unheimlich ehrgeizig für eine 17-Jährige. Amy Kabba, wie sie eigentlich heißt, zog im Alter von acht Jahren von Sierra Leone nach London und hat heute sogar ein eigenes Magazin. Mit ihren Songs zog sie die Aufmerksamkeit von Gary Barlow auf sich, der sie prompt unter Vertrag nahm. Das Londoner Duo AlunaGeorge steht für eine seltene Mischung: Glaubwürdigkeit am Dancefloor und ein gutes Gespür für Pop. Das klingt nicht nur erfolgsversprechend, sondern auch "aufregend futuristisch", so der "Guardian". Angel Haze hat mit gerade 21 Jahren ein bewegtes Leben hinter sich. Darum geht es auch in ihren Songs. Und das ist nicht der einzige Grund, warum die Musikindustrie auf sie aufmerksam wurde. Gekoppelt mit ihrem guten Flow brachte ihr das kürzlich auch einen Vertrag mit Island Records ein. Arlissa ist mit ihren 19 Jahren schon fett im Geschäft. Sie sang ein Duett mit Nas, hat aber noch einiges mehr drauf. Mit ihrer kraftvollen Stimme verzaubert sie erst ihre Fans, um sie im darauf folgenden Moment völlig wegzublasen. Synthie-Pop aus Glasgow. Das machen Iain Cook, Laura Mayberry und Martin Doherty. Ihre Band trägt den unaussprechlichen Namen CHVRCHES. Das Schwestern-Trio HAIM ist hingegen auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Und das nun schon eine ganze Weile. Früher traten sie gemeinsam mit ihren Eltern auf. 2012 tourten sie mit der befreundeten Band Mumford & Sons durch die USA und trafen auf dem Weg auch Florence & the Machine. Beide Acts fanden sich übrigens in der 2009er-Liste der BBC. King Krule, besser bekannt als Zoo Kid, wird häufig in einem Atemzug mit Morrissey und Edwyn Collins genannt. Manche vermuten auch einen kleinen Paul Weller hinter der Fasse des gerade 18-Jährigen. Kodaline sind vier Freunde aus Dublin, die im September mit einer ersten EP die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ihr zu Tränen rührendes Video zum Song "All I Want" entpuppte sich als Online-Hit. Die folkigen Melodien werden uns aber auch künftig begleiten. Mit 26 Jahren gehört Laura Mvula tatsächlich schon zu den älteren Künstlern, denen für 2013 der Durchbruch vorhergesagt wird. Als eine Mischung aus Billie Holiday und den Beach Boys beschrieb sie die BBC-Jury. Little Green Cars aus Dublin sind drauf und dran mit ihrem Debüt-Album "Absolute Zero" das Publikum zu überzeugen. Anzusiedeln ist ihre Musik irgendwo zwischen Mumford & Sons und den Maccabees. Das Indie-Quartett Palma Violets lernte sich zufällig bei einem Lagerfeuer am Reading Festival kennen. Ihre legendären Live-Shows brachten ihnen einen Vertrag beim legendären Indie-Label Rough Trade ein. Wonach Peace aus Birmingham wirklich klingen, ist schwer zu sagen. Parallelen zu Vampire Weekend und Friendly Fire werden ihnen nachgesagt, aber sie klingen doch irgendwie auch eigenständig. 2013 wird die Antwort liefern. Savages sind noch nicht einmal ein Jahr zusammen und klingen schon nach Naturgewalt. Ihr Sound ist nicht unbedingt neu, bietet dafür aber fesselnden und meisterhaft beherrschten Noise. Freunde von Joy Division werden auch ihre Freunde werden. Der kanadische R&B-Singer-Songwriter The Weeknd machte erst mit dem Release seines House Of Ballons-Mixtapes auf sich aufmerksam. Nun erschien sein Debüt-Album "Trilogy", auf dem seine fantastische Stimme erst richtig zur Geltung kommt. Singer-Songwriter Tom Odell hat sich mit den Jahren eine beachtliche Fanbase aufgebaut, Songs schreibt er seitdem er 13 ist. Mittlerweile hat er einen Plattenvertrag bei Columbia und erinnert in seiner Mann-am-Piano-Pose gelegentlich an Chris Martin.
(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?