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Kultur
06/27/2019

Take That in Wien: Mit Minimal-Show auf Talent zurückgeworfen

Die zum Trio geschrumpfte Boyband inszenierte sich in der Stadthalle als Musik-Act, konnte so aber nicht restlos überzeugen.

Nicht mehr ganz so junge Mädchen haben im Hippie-trifft-High-Tech-Look rote Lichterkränze aus LED-Elementen im Haar. Sie wetteifern mit aufgeregten Stimmen, wer bei welcher Tour ihrer Idole in welcher Stadt dabei war. Und sie laufen lange vor Showbeginn kreischend zur Bühne vor, nur weil zufällig ein paar Scheinwerfer ausgegangen sind. 

Jedem anderen Publikum würde die plüschige Theateratmosphäre der Stadthalle F distinguierte Zurückhaltung signalisieren. Aber das hier sind Fans von Take That, der (angeblich) größten Boyband der Welt. Gelassenheit war noch nie ihre Stärke. (Zur Erinnerung: Als Robbie Williams 1995 die Band verließ, wurden Telefon-Helplines eingerichtet, um Selbstmorde zu verhindern!)

Anno 2019 ist die Euphorie um Take That ungebrochen. Nur die Zahl derer, die sich ihr hingeben, ist - zumindest in Wien - drastisch geschrumpft. Und das, obwohl das die Show zum 30-jährigen Bandjubiläum ist und Howard Donald in einem Interview erzählte, dass nach dieser Tour „Kapitel 2“ ihrer Karriere zu Ende gehe und es keine weiteren Pläne gebe. 

Ja, die F-Halle ist schon voll. Aber sie fasst halt nur 2000 Zuschauer. Das Gute daran: Die, die da sind, sind Hard-Core-Fans und feiern ihre Band vom ersten Ton des Openers „Greatest Day“ an, als wären es noch die 90er-Jahre. 

Dabei hat sich bei Take That seither fast alles geändert: Nur mehr Barlow, Howard Donald und der zierliche Mark Owen sind dabei. Robbie Williams stieg bald nach der Reunion von 2010 wieder aus, und irgendwann warf auch Jason Orange das Handtuch. Die verbliebenen Drei gehen alle auf die 50 zu (Howard Donald ist sogar schon drüber), haben deshalb nur mehr ganz wenige Tanzroutinen in die Show eingebaut, die ursprünglich ein wesentliches Charakteristikum ihrer Auftritte waren. Auch die Show ist abgespeckt. Es gibt keine Kostümwechsel, keine Kulissen, keine Tänzer, keine Akrobatik-Stunts, noch nicht einmal einen einzigen LED-Schirm. Es gibt ein bisschen buntes Licht - sehr geschmackvoll, aber nicht spektakulär. Dafür gibt es eine Band, die alles live spielt – ein fetter Pluspunkt!

Aber eigentlich ist so ein „nacktes“ Setting eines für virtuose Musiker, die ihr Talent in den Vordergrund rücken wollen (und können). Wenn Take That sich jetzt so inszenieren und nicht mehr die „Boys“, ihre Körper und ihre Persönlichkeiten in den Fokus rücken, strecken sie sich damit vermutlich nach der Decke des schrumpfenden Publikums und des damit geschrumpften Budgets. Der Haken ist nur: Sie können die Lücken, die die fehlenden Tanzroutinen und die auf das Minimum reduzierte Show hinterlassen, nur bedingt füllen, können ohne kaschierende, ablenkende Optik auf rein musikalischer Ebene nicht restlos überzeugen.

Barlow, um dessen Begabung die Band einst gecastet wurde, singt in der Stadthalle die meisten Solos, wechselt zwischen dem Mikro am vorderen Bühnenrand und dem Klavier hin und her. Aber selbst er hat zu Beginn ein paar Momente, in denen ihm seine Stimme ihre Kraft versagt. Wenig später spielen Mark Owen Gitarre und Howard Donald ein tragbares Keyboard. Es wirkt wie der Versuch, sie nicht überflüssig ausschauen zu lassen, ihnen mangels Tanzroutinen etwas zu tun zu geben, während Barlow singt. Als die Band im Mittelteil verschwindet und Take That als Trio „Babe“ und „A Million Love Songs“ anstimmen, zeigen sich die Grenzen von Mark Ownes Stimme. 

Was dagegen sehr gut funktioniert, sind Hits wie „Pray“, „Patience“ und „It Only Takes A Minute“, alle Songs, bei denen die laut, voll und dynamisch aufspielende Band das Trio durch simple Refrains trägt. Ein überraschender Höhepunkt ist „Out Of Our Heads“, einer der neuen Songs vom Greatest-Hits-Album „Odyssey“, mit seinem swingenden Sixties-Sound. Aber schon mit dem etwas komplexeren „The Flood“ zeigt sich gleich darauf wieder, dass Take That zwar für die, die ihre Musik lieben, immer noch eine mitreißende Pop-Show bieten können, aber nicht die größten Talente sind.

Den Fans in der Stadthalle war das natürlich egal. Wer 30 Jahre für Take That gekreischt und geschwärmt hat, hört jetzt nicht damit auf. Zumal der Stadthallen-Auftritt einer der letzten der Gruppe sein könnte. Denn es stehen nur mehr drei Konzerte auf dem restlichen Tourplan. Und, wie Barlow es formulierte: „Wir sind in der glücklichen Lage, für die Zeit nach dieser Tour, keine Pläne für Take That machen zu müssen!“