Kultur 05.12.2011

"Super 8": Nostalgie-Bad im Action-Regen

Filmstarts: "Super 8" ist eine Hommage an Spielberg + "Das Hausmädchen" als Lebenszeichen des koreanischen Films + "Die Schlümpfe" färben NY blau

Schon der Titel suggeriert Nostalgie - nach jener Zeit, in der das berühmte Schmalfilmformat in jeder Familie durch die Handkamera ratterte. Super 8: In den 70er-Jahren überaus beliebtes Trägermaterial für Weihnachtsfeste, Urlaube und Amateurfilme. Einst der König unter den Home-Movies, heute nur noch Fetisch für Fans.
Gezielt und gekonnt tauchen Regisseur J. J. Abrams und sein Produzent Steven Spielberg nun in dieses Nostalgie-Becken ein - in die Dekade der Super-8-Filme. Genauer gesagt ins Jahr 1979.

Das Datum ist nicht beliebig. Rund um 1979 entstanden auch wichtige Filme aus Spielbergs Frühphase - "Die unheimliche Begegnung der dritten Art", zum Beispiel, oder "E.T. - Der Außerirdische." Doch selbst wenn man das vergessen haben sollte, fällt es einem schnell wieder ein: Denn Abrams Retro-Sci-Fi-Thriller ist eine hemmungslosen Hommage an seinen Mentor Steven Spielberg und an "E. T."

Es beginnt in einer fiktiven US-Kleinstadt in Ohio. Auf der Suche nach dem perfekten 70er-Look überzieht Abrams seine stimmigen Bilder mit melancholisch-mattem Beige und Braun. Auch das Zeitkolorit ist detailgenau. Im Radio läuft "My Sharona". Kinder kommunizieren mit Walkie-Talkies. Der Walkman auf dem Kopf gilt noch als Sensation. Und eine Gruppe von jungen Schülern will einen Horror-Film auf Super 8 drehen. Für den 13-jährigen Joe eine willkommene Abwechslung. Seine Mutter ist kürzlich ums Leben gekommen, die Stimmung zu Hause deprimierend. Als auch noch die blonde Alice die Zombie-Hauptrolle übernimmt, scheint sein Glück perfekt.

Gedreht wird heimlich nachts auf einer verlassenen Bahnstation. Gleich bei der ersten Probe entpuppt sich Alice als wahres Schauspiel-Talent: Ihre Filmtränen bringen das
ganze staunende Kinder-Team zum Weinen.

Abrams gelingt es in Szenen wie diesen, Augenblicke wundersamer Magie herzustellen, die sich der Kinderperspektive verdanken. Das verbindet ihn mit Spielberg. Allerdings bringt er speziell im letzten Teil des Films nicht genügend Fantasie auf, um aus diesen versunkenen Momenten eine eigenständige Atmosphäre zu gestalten. Stattdessen rast ein Güterzug vorbei, entgleist und reißt das zarte Coming-of-Age-Drama in ein lautes Action-Spektakel hinein. Von wegen Super 8. Ab dann wird's sehr digital.

Eine verheerende Explosion verwüstet die Umgebung, Hunde verschwinden, Menschen auch. Das Militär schreitet ein - und eine außerirdische Kreatur taucht auf.
Wo gerade noch Kinderwunder herrschte, tritt plötzlich massiv die Blockbuster-Logik in Kraft. Und beendet das stimmungsvolle Nostalgie-Bad im Action-Regen.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: SCI-FI-THRILLER, USA 2011. 112 Min. Von J. J. Abrams. Mit Elle Fanning.

"Das Hausmädchen" - Der Hausherr beliebt, wollüstig zu sein

Er kommt einfach ins Zimmer. Nimmt sich, was er will. Nicht brutal, aber doch bestimmt holt sich der reiche Hoon seinen erotischen Kick. Eun-yi, das Hausmädchen, lässt es geschehen. Findet in ihrer naiven, devoten Art ein gewisses Plaisir daran, dem reichen Herrn zu gefallen. Bis sie schwanger wird und das nach außen so mühsam aufrechterhaltene Familienidyll zerstört.

Claude Chabrol grinst diabolisch im Schlagschatten dieses bitteren, kalten und ästhetisch schwindelerregenden Porträts der südkoreanischen Bourgeoisie, das der junge Regisseur Im Sang-soo hier zeichnet. Das eigenwillige Remake des gleichnamigen koreanischen Kinofilms "Hanyo" von Kim Ki-young aus dem Jahr 1960 - inzwischen ein Klassiker. Angeblich soll sogar US-Starregisseur Martin Scorsese Im Sang-soo unterstützt haben beim Remake. Das Original ließ er höchstpersönlich - in Zusammenarbeit mit dem koreanischen Filmarchiv - restaurieren und 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes aufführen.

Sang-soo zieht den Zuschauer in einen Sog aus Lust, Betrug und Neid, dem man nicht entfliehen kann. Sein Unterton ist subtil klassenkämpferisch: Auf der einen Seite lässt er die durchtriebene Hausherrin mit ihrer Mutter so richtig böse sein; auf der anderen Seite die ältere Hausdame zögernd , aber doch zum hilflosen Hausmädchen halten. Was jedoch nichts daran ändert, dass sowohl die beiden Hausherrinnen als auch die alte Hausdame in ihrer linkischen Art das junge Mädchen ins Verderben treiben. Furioses Finale inklusive.
Ein kraftvolles Lebenszeichen des koreanischen Films.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: DRAMA, KOR 2010. 106 Min. Von Im Sang-soo. Mit Jeon Do-youn, Seo Woo.

"I Phone You" - Nicht ohne mein iPhone

Im Abspann steht: Dieser Film wurde nicht von Apple gesponsert. Schade, eigentlich, denn das iPhone spielt mit Abstand die smarteste Rolle in dieser chinesisch-deutschen Sommer-Lappalie. Immerhin ist die Hauptdarstellerin süß - Anlass genug, ihr auf dem Weg aus China nach Berlin zu folgen, wo sie ihren Liebhaber sucht. Dieser hat per SMS heiße Versprechungen abgegeben, will sich aber in Berlin nicht blicken lassen. Bleibt Zeit genug, mit Ling eine Multikulti-Städtetour zu unternehmen und Berliner Typen und Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Belangloses Sightseeing-Filmchen mit kleiner Spielfilmhandlung.

KURIER-Wertung: **
von *****

INFO: TRAGIKOMÖDIE, D 2011. 95 Min. Von Dan Tang. Mit Yiyan Jiang, Florian Lukas.

"Vergissmichnicht" - Im Kitschkino mit Sophie Marceau

Sophie Marceau, Teenage-Queen ganzer Generationen, feiert in dieser naiven Petitesse aus Frankreich ihren 40er. Als knallharte Geschäftsfrau Margaret erhält sie zu ihrem Geburtstag Briefe aus der Kindheit. Briefe, die sie sich selbst als Siebenjährige geschrieben hat -, um sich daran zu erinnern, was wichtig im Leben ist.

Marceau schnaubt sich mit übertriebener Gestik durch jede Szene und zickt sich mit unglaubwürdiger Vehemenz durch die eigenen Erinnerungen. Ihre Verwandlung von der Finanzspekulantin in eine schwangere Mutter-Teresa-Figur übersteigt dann am Ende jegliche Grenzen des wohlmeinenden Kitschs.

KURIER-Wertung: ** von *****

INFO: TRAGIKOMÖDIE, F 2010. 89 Min. Von Yann Samuell. Mit Sophie Marceau.

"Die Schlümpfe in 3D" - Menschen und Schlümpfe im Schlamassel

Wer schwache Magennerven hat, dem wird schon in den ersten drei Minuten schlecht: In wilden Achterbahn-Bewegungen rast die Kamera im 3-D-Flug auf das Dorf der Schlümpfe zu. Bunt animiert, jagen dort die umtriebigen, blauen Kerlchen mit den etwas anstrengenden Stimmen in ihrem Schwammerldorf umher. Gleich zu Beginn tritt Clumsy, der Ungeschickteste von allen, das Chaos los, indem er versehentlich den bösen Zauberer Gargamel ins Dorf lotst. Und nach einer wilden Verfolgungsjagd landen Schlümpfe und Zauberer in - New York.

Denn die Schlümpfe in 3-D wurden von den Amerikanern übernommen und von Regisseur Raja Gosnell in einen völlig übersteuerten Blockbuster eingespeist. Vielleicht hätte es ja gereicht, die Schlümpfe in einem netten, kindgerechten Animationsfilm zu belassen. Stattdessen entstand ein kruder Live-Action-Mix mit Schlümpfen und Schauspielern, die sich wahlweise in hektischer Action oder klebrigem Melodram begegnen.

Am meisten Witz kommt noch im Dialog zwischen dem nervigen Gargamel und seiner hämischen Katze Azrael auf. Das biedere New Yorker Ehepaar hingegen, bei dem die Schlümpfe landen, verbreitet nur fade Familienwerte.

KURIER-Wertung: ** von *****

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 103 Min. Von Raja Gosnell. Mit Hank Azaria.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011