© Opéra national de Paris/Elisa Haberer

Kultur
09/26/2018

Stéphane Lissner: Kein Zurück zur Nostalgie-Oper

Der Chef der Pariser Oper über die Zukunft des Genres, Stars und das jüngste Publikum der Welt

von Gert Korentschnig

Stéphane Lissner ist einer der erfolgreichsten und längstdienenden Opernintendanten der Welt. Er leitete zehn Jahre lang das Théâtre du Châtelet in Paris, zwei Jahre das Teatro Real in Madrid, neun Jahre das Festival in Aix, zehn Jahre die Mailänder Scala und war auch Gründer des Théâtre des Bouffes du Nord sowie Musikdirektor der Festwochen. Seit 2014 ist er Chef der Pariser Oper mit zwei Theatern, der Opéra Bastille und dem Palais Garnier.

KURIER: Soeben wurde bekannt, dass Sie im Jahr 2021 die Pariser Oper verlassen. Warum?

Stéphane Lissner: In Paris gab es ein Gesetz, dass man mit 65 Jahren als Intendant aufhören muss. Als man mich fragte, ob ich von der Scala nach Paris kommen will, habe ich vorgerechnet, dass ich bei Amtsantritt 62 wäre. Drei Jahre als Intendant sind aber lächerlich. Deshalb hat man das Gesetz geändert und mich ein Jahr früher geholt, sodass ich einen Sieben-Jahres-Vertrag bekam. Nun hat mich der Kulturminister gefragt, ob ich weitere drei Jahre bleiben will. Aber ich werde 2021 über 68 Jahre alt sein. Man hätte die Statuten noch einmal ändern müssen. Ich habe geantwortet: Für mich ist alles okay, zu bleiben oder zu gehen. Und so hat man sich entschieden, dass der Vertrag ausläuft, um nicht ein Exempel zu statuieren, das auch Auswirkungen auf den Louvre etc. hat.

Sie haben in Paris viel erreicht. Es inszenieren große Regisseure, es treten immer wieder die besten Sänger auf, auch die Qualität des Orchesters ist mit Musikdirektor Philippe Jordan gestiegen. Haben Sie die Befürchtung, dass das Rad der Zeit nun zurückgedreht wird?

Ich sage Ihnen, was ich auch zu Präsident Macron gesagt habe: Der größte Fehler, den wir hier seit 30 Jahren machen, ist es, den Kurs immer wieder zu ändern. Von Hugues Gall zu Gérard Mortier, von Mortier zu Nicolas Joel, von Joel zu mir – es gab also immer alternierend einen Traditionalisten und einen Erneuerer. Manche glauben nach wie vor, dass es leichter ist, ein traditionelles, konventionelles Programm zu verkaufen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Können Sie das begründen?

Wir müssen heute 60 Prozent Eigendeckung erreichen, vor zehn Jahren waren es noch 40 Prozent. Wir brauchen also viele Besucher und auch Sponsoren. Glauben Sie, dass man für eine „Traviata“ von Zeffirelli einen Sponsor findet? Nein. Oper muss lebendig sein. Und es ist auch wichtig, dass es zwischen den unterschiedlichen Besuchergruppen inhaltliche Konfrontationen gibt. Internationale Fernsehsender übertragen in dieser Saison sieben Produktionen von uns. Warum? Weil wir Regisseure wie Warlikowski, Tscherniakow, Castellucci haben. Arte will solche Aufführungen, keine konventionellen. Das ist also aus meiner Sicht das große Risiko für die Pariser Oper: Dass noch einmal ein großer Fehler gemacht wird, indem man zurückgeht zur Nostalgie-Oper.

In Wien ist eines der wichtigsten Argumente die Auslastung. Sie beträgt fast 100 Prozent.

Wir haben auch 93 Prozent. Und wir verkaufen jedes Jahr 800.000 Tickets – mit einem sehr anspruchsvollen Programm. Aber Wien ist natürlich speziell: Die Menschen, die nach Wien kommen, kommen wegen der Musik. Nach Paris kommt man wegen der Stadt.

Ist Ihr Publikum offener als anderswo?

Etwa 20 Prozent unseres Publikums sind nach wie vor sehr traditionell. Was mich zuletzt schockiert hat, war, dass Peter Sellars bei unserer Wiederaufnahme des „Tristan“ 16 Jahre nach der Premiere ausgebuht wurde. Grundsätzlich haben wir aber das jüngste Publikum der Welt. Die New York Times hat eine Statistik veröffentlicht, da waren wir mit einem Altersschnitt von 42 Jahren Spitzenreiter. Ich bleibe jedenfalls dabei: Der einzige Weg für die Zukunft der Oper ist, Produktionen zu bringen, die in einer Beziehung zu unserer Welt stehen. Es ist entscheidend, was heute passiert, nicht was gestern war.

Sind Sie optimistisch für die Zukunft des Genres?

Nicht sehr. Weil ich sehe, wie schwierig es ist, große Sänger davon zu überzeugen, länger zu proben. Wenn sie einmal vier oder fünf Wochen vor der Premiere mit den Proben beginnen und der Regisseur hat gar nichts zu sagen, dann verlieren die Sänger Zeit. Und dann kommen sie das nächste Mal nur noch zwei Wochen davor. Die große Transformation der Oper hat in der Zeit von Intendant Rolf Liebermann stattgefunden. Da kamen wichtige Theaterregisseure zur Oper. Als ich in Paris „Wozzeck“ mit Barenboim und Chéreau gemacht habe, haben wir das Châtelet vier Wochen geschlossen und insgesamt sechs Wochen geprobt. Heute undenkbar. Wenn Topsänger immer weniger proben, kriegt man auch nicht die besten Regisseure. Dann wird der theatralische Aspekt weniger wichtig, und wir gehen zurück zu „music only“. Das wäre ein großer Fehler.

Werden Repertoiretheater überleben?

Ich glaube schon, aber das Repertoire wird sich ändern. Im Repertoiresystem ist es sehr schwierig, Dinge zu verändern. Ich wünsche Philippe Jordan alles Gute, wenn er nach Wien geht. Ich hoffe, dass er seine Ideen durchsetzen kann. Aus meiner Sicht ist das System, das wir in Paris haben, die Mischung aus Stagione und Repertoire, ideal. Wir spielen 20 verschiedene Opern an 200 Abenden, dazu 200 Ballettvorstellungen.

Sie bringen am Samstag eine Uraufführung heraus: „Bérénice“ von Michael Jarrell mit Dirigent Jordan und Barbara Hannigan in der Titelpartie. Sind solche Projekte wirklich wichtig oder auch ein Alibi?

Als ich nach Paris kam, wollte man in meinen Vertrag schreiben, dass wir jedes Jahr eine Uraufführung herausbringen müssen. Das wäre aber zu viel. Wenn man wirklich gute Uraufführungen will, schafft man drei in sechs Jahren. Aber die sind definitiv kein Alibi.

Sie waren nicht nur Musikdirektor der Wiener Festwochen, sondern auch an der Intendanz in Salzburg interessiert.

Das war gemeinsam mit Barenboim. Das wäre ein tolles Projekt gewesen. Aber ich verfolge natürlich Salzburg sehr genau. Und ich finde es wunderbar, was Markus Hinterhäuser da macht.