Kultur
17.10.2016

Stella Rollig wird neue Direktorin im Belvedere

Kulturminister Drozda präsentierte die Nachfolgelösung zu Direktorin Husslein-Arco. Kaufmännischer Geschäftsführer wird Wolfgang Bergmann.

Die Linzer Museumschefin Stella Rollig wird Nachfolgerin von Agnes Husslein-Arco als künstlerische Leiterin des Belvedere. Dies gab Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) am Montag vor Journalisten bekannt. Die neu geschaffene Stelle des kaufmännischen Geschäftsführers übernimmt der bisherige Standard-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann.

"Habemus Direktion"

"Habemus Belvedere-Direktion", freute sich Drozda in vatikanischen Dimensionen über die getroffene Entscheidung. Dabei müsse man sagen: "Sie ist relativ leicht gefallen." Schließlich hätten beide neuen Leiter große Führungserfahrung. So ist die 1960 geborene Wienerin Stella Rollig nach zahlreichen Stationen seit 1. Mai 2004 künstlerische Direktorin des Linzer Lentos Kunstmuseum, seit fünf Jahren zusätzlich des Nordico Museums. "Ich freue mich wahnsinnig, nach Wien zurückzukommen", so Rollig.

Der 1963 in St. Pölten geborene Bergmann war nach seinem Theologiestudium in Wien zunächst Leiter der Caritas-Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. 1999 erfolgte der Wechsel zur Tageszeitung Der Standard, wo er 2001 zum Geschäftsführer aufstieg.

Neues Führungsduo ab 16. Jänner

Die neue Doppelspitze des Belvedere wird ihre Funktionen mit 16. Jänner antreten. Neugierde, Haltung und die Entwicklung einer Vision seien die Säulen, auf denen ein Museum der Zukunft stehen müsse, so die künftige Belvedere-Chefin Stella Rollig. Im Konkreten müsse man das Profil der Belvedere-Standorte schärfen: "Wir können eine größere Klarheit gewinnen, welches Ausstellungshaus wofür steht."

"Das 21er Haus soll noch deutlicher Kunst seit den 1960ern bis zur zeitgenössischen Kunst zeigen", so Rollig, die eine "Beruhigung und Klärung" bei der Zahl und Dauer der Ausstellungen in Aussicht stellte. Während das Untere Belvedere seinen Schwerpunkt auf der Kunst des 19. Jahrhunderts behalten solle, werde man in der Orangerie einen Schwerpunkt auf die Beziehungen Österreichs zu Mitteleuropa legen. Was mit dem Ambrosi-Museum im Augarten geschehe, lass sich noch nicht sagen, da müsse sie sich erst die Vertragsgrundlage mit der ebenfalls am Standort beheimateten TBA21 ansehen.

Das Winterpalais als Ausstellungsstandort des Belvedere dürfte indes ab Ablauf der für 2017 geplanten Schauen Geschichte sein. "Wenn jemand dafür verantwortlich ist, bin es ich - nicht die Frau Rollig", stellte Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) klar. Das Finanzministerium habe den Mietvertrag für die Räumlichkeiten gekündigt und entscheide über die künftige Verwendung: "Ich habe dafür gekämpft, ich habe es ungern zur Kenntnis genommen, aber es war Teil eines Budgetkompromisses. Dass der Kulturminister immer gerne mehr Ausstellungsräume als weniger hat, ist ja keine Frage."

Ein Museum dürfe nie die Bereitschaft aufgeben, von anderen zu lernen und sich auch positionieren, beschied indes die künftige Belvedere-Chefin Rollig: "Ich meine, dass Museumsarbeit klar von einer politischen, ethischen Haltung grundiert sein muss." Dazu gehöre auch, eine Vision zu entwickeln für eine Welt, in der wir leben wollen. So könne man nicht nur das althergebrachte Erbe verwalten: "Es muss auch das Erbe zukünftiger Generationen gestaltet werden." Dazu gehörten für sie Fragen wie: "Was ist die österreichische, kulturelle Identität im Gefüge der heutigen globalisierten Welt?" Das Museum müsse heute als "Content-Provider" auftreten und wie ein Medienunternehmen verschiedenste Plattformen bespielen: "Ein Museum kann sich nicht darauf beschränken, Ausstellungen zu machen."

Medien-Manager fürs Belvedere

Auch der neue wirtschaftliche Leiter Wolfgang Bergmann zeigte sich erfreut, nach Tätigkeiten für die Erzdiözese Wien und die Tageszeitung Der Standard nun einen neuen Bereich für sich zu erschließen: "Nach 17 Jahren ist es durchaus auch einmal Zeit, neue Herausforderungen anzunehmen." Er sehe seine Hauptaufgabe als Geschäftsführer im Wesentlichen darin, die künstlerischen Visionen seines Pendants zu ermöglichen. "Das wird in Zeiten knapper Haushalte nicht immer ganz leicht sein", so Bergmann.

Auf die Zusammenarbeit mit Stella Rollig freue er sich in jedem Falle, beschied der künftige Museumsmitarbeiter in Richtung Kulturminister Drozda: "Ich muss das Kompliment an die Partnervermittlung machen - bei unserem ersten Date ist der Funke übergesprungen."

Insgesamt hatten sich 86 Personen für die beiden Positionen der künstlerischen und der kaufmännischen Leitung des Belvedere beworben. Von den 35 Interessenten für die künstlerische Position wurden in einem ersten Schritt elf zu vertieften Gesprächen geladen, von den 51 für die des Geschäftsführers vier, wie Sektionsleiterin und Belvedere-Kuratoriumschefin Andrea Ecker bekannt gab.

Expertin für Zeitgenössisches kehrt heim nach Wien

Mit Stella Rollig übernimmt eine ausgewiesene Expertin für zeitgenössische Kunst die Leitung des Belvedere. Seit 2004 steht sie dem Linzer Kunstmuseum Lentos vor. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Agnes Husslein-Arco ist sie wenig "Seitenblicke"-affin. Kritik musste sie zwar immer wieder wegen magerer Besucherzahlen einstecken, sie gilt aber als sehr korrekt und akribisch.

Beginn als Kulturjournalistin

Die am 5. Juli 1960 in Wien geborene Rollig begann ihre Laufbahn als Kulturjournalistin, arbeitete beim ORF-Hörfunk und in der Kulturredaktion des Standard. 1994 gründete sie das "Depot - Kunst und Diskussion" im Wiener Museumsquartier, von 1994 bis 1996 war die studierte Germanistin und Kunsthistorikerin österreichische Bundeskuratorin für bildende Kunst. Für die steiermärkische Landesausstellung "Verkehr" 1999 kuratierte sie die zeitgenössische Kunst, es folgten Arbeiten für das O.K. Centrum für Gegenwartskunst (heute OÖ. Kulturquartier, Anm.) in Linz sowie für den Steirischen Herbst.

2004 beerbte sie Peter Baum als Chefin des Linzer Kunstmuseums Lentos. Die Neue Galerie der Stadt Linz war erst ein Jahr zuvor in das neue Haus an der Donaulände übersiedelt. Von Beginn an hatte Rollig mit einem Problem zu kämpfen: laues Interesse an der zeitgenössischen Kunst. Vor allem in der Anfangsphase wurde ihr oft vorgeworfen, dass das Lentos zu wenig sichtbar sei, die Besucherzahlen seien zu niedrig. Sie selbst beklagte, dass der ästhetische Glasbau mit seiner auffälligen Lichtfassade nur wenig Möglichkeiten biete, um zu zeigen, was sich im Inneren abspielt.

Bereits ein Jahr nach Rolligs Amtsantritt machten Gerüchte um ihre Ablöse die Runde. Ausgerechnet Agnes Husslein - damals Chefin des Salzburger Museums der Moderne - war als Nachfolgerin im Gespräch. Dennoch hielt sich Rollig wacker und blieb konsequent bei ihrer Linie. Es gelang ihr auch immer wieder, über Linz hinaus beachtete Ausstellungen auf die Beine zu stellen.

2006 landete sie mit einer Werkschau von Gottfried Helnwein einen großen Erfolg, 2008 mit einer Kokoschka-Ausstellung, und im Kulturhauptstadtjahr 2009 folgte mit "Best of Austria. Eine Kunstsammlung" ein weiterer Publikumsmagnet. "Der nackte Mann" 2012 fand ebenfalls Zuspruch, zum zehnten Geburtstag schmückte sich das Lentos 2013 mit Olafur Eliasson.

Zurückhaltend

Über ihr Privatleben hielt sich die künftige Belvedere-Chefin stets bedeckt. In den Klatschspalten sucht man sie vergeblich. Ihr Auftreten ist leise und zurückhaltend, oft etwas spröde - Marktschreierei ist ihre Sache nicht. Ähnlich lässt sich auch das Programm im Lentos charakterisieren: Es ist für interessiertes Publikum gemacht. Völlig Unbedarften in Sachen zeitgenössischer Kunst ihre Schwellenangst zu nehmen, gelang nicht immer.

Kummer war die Lentos-Chefin in ihren Linzer Jahren aber nicht nur wegen kritischer Zurufe aus der Politik gewohnt: Da das Lentos auf die Sammlung des bereits in der NS-Zeit aktiven Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt zurückgeht, hatte Rollig immer wieder "Altlasten" aufzuarbeiten: Zum einen waren dies Restitutionsfälle, zum anderen der verlorene Prozess um vier verschwundene Bilder von Klimt und Schiele, für die die Stadt Millionen zahlen muss

"Standard"-Herausgeber Bronner bedauert Bergmann-Abgang

Standard-Herausgeber Oscar Bronner bedauert den Abgang seines langjährigen Geschäftsführers und Vorstandes Wolfgang Bergmann. "Ich gratuliere dem Belvedere zu dieser Entscheidung", so Bronner in einer Aussendung. Bergmann übernimmt die kaufmännische Direktion des Belvedere, wurde am Montag mitgeteilt. Ein Nachfolger Bergmanns wurde noch nicht bekannt gegeben.

"Jetzt, da ich weiß, zu welcher besonders schönen Aufgabe es ihn zieht, ist mir auch klar, warum ich ihm das Zurücklegen seiner Funktionen nicht ausreden konnte", meinte Bronner in einer Aussendung. Ihn ziehen zu lassen, "kann 'Der Standard' wohl als Sponsorship für diese kulturelle Institution verbuchen", so der Herausgeber weiter.

Bergmann kam 1999 als Verlagsleiter für Marketing und Vertrieb zum "Standard", 2000 übernahm er die Geschäftsführung. Seit 2008 ist Bergmann auch Vorstand der Standard Medien AG und sei Motor für die Zusammenführung von Print und Online gewesen. Voraussetzung hierfür sei der Abschluss eines neuen Kollektivvertrages gewesen, der von ihm als Verhandlungsführer des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) 2013 abgeschlossen wurde. Die Erweiterung der Produktpalette etwa durch die "New-York-Times"-Beilage oder das Forschungsjournal sowie die 2012 gestartete kleinformatige Ausgabe "Standard-kompakt" geht ebenfalls auf seine Initiative zurück.

Ob und wann bekannt gegeben wird, wer Bergmann als Geschäftsführer nachfolgt, ist noch unklar. Neben Bergmann fungierte zuletzt Bonners ältester Sohn Alexander Mitteräcker als "Standard"-Vorstand.