Kultur
09.10.2017

Steirischer Herbst: Er hat uns belogen (zum Glück)

"Kicking the Dead" des libanesischen Künstlers Walid Raad (und ein bisschen Jelinek).

Zu besonderen Zeiten, im Wahlkampf etwa, macht man den inneren Filter einfach völlig zu: Man lässt von dem, was einem an Info entgegenkommt, nichts in den eigenen Wissenschatz eingehen. Denn die Chance, dass die Versprechen der Politik mit der Wirklichkeit dann wenig zu tun haben werden, ist so groß wie bekannt. Es kann aber auch, das zeigt die Kunst, ein hohes Vergnügen sein, angelogen zu werden. Vor ein Erzählungsrätsel gestellt zu werden, bei dem die eigenen Filter in höchstem Maß herausgefordert werden: Kann ich das glauben? Nein? Aber will ich es vielleicht trotzdem glauben?

Tote treten

Ein derartiges Abenteuer gab’s beim steirischen herbst (noch bis 15. Oktober) in Graz, im letzten Stock des Festivalzentrums. Bierernster Kuratorensprech ist der Begleittext zur Ausstellung "Kicking the Dead" des im Libanon geborenen Künstlers Walid Raad; es gehe um islamische Kunst und dramatische geopolitische Ereignisse und Gewalt und Kultur.

Gerüstet für einen lehrreichen und vielleicht ein wenig bemühten Abend setzt man sich in einen "Walkthrough" mit dem Künstler; Raad steht vorne und fängt an zu erzählen. Nur 20 Minuten werde es dauern, dann werde er uns in die Ausstellung führen. 45 Minuten wird es wirklich gedauert haben, und wenn Raad dann das erste Mal das Publikum zum Aufstehen bittet, ist es einem gerade gedämmert: Man muss diese letzte dreiviertel Stunde ganz rasch noch einmal durchgehen im Kopf und mit einem ganz anderen Filter bewerten, als jenen, den man bisher verwendet hat.

Denn Raad macht seine Kunst im Kopf des Zusehers, er entspinnt dort ein Netz von Zusammenhängen, in dem vieles stimmt und spannend ist, einzelne Knotenpunkte aber absolut falsch sind. Raad erzählt, unterhaltsam und flott, die (angebliche) Vorgeschichte der Ausstellung. Er unterrichte an der Cooper Union School Of Art, erzählt er, Google verriet danach, dass es die wirklich gibt. Dort war nicht der erste Aufzug, aber der erste Aufzugsschacht der Welt, sagt Raad, keine Ahnung ob das stimmt. Gratis war die Uni (stimmt!), die Studenten haben das Direktorenbüro besetzt, als Studiengebühren eingeführt werden sollten (?), Grund für die Gebühren war eine Fehlinvestition in ein Gebäude (stimmt offenbar nicht), woraufhin man sich bei dem Kapitalgeber verschuldete, der auch Trumps Schwiegersohn den Kauf eines Wolkenkratzers ermöglichte, der die unwahrscheinliche Adresse 666 (!) 5th Avenue hat (stimmt nicht? doch). In der Ausstellung gibt es dann eine Wandtapete mit den Figuren, von denen Raad erzählt, ein barockes Muster an Mogulen, Scheichs, bekannten Personen. Es gibt Louvre-Kunst, die wundersamerweise plötzlich außen auf den Transportkisten erschienen sei. Es gibt magische Fusionen historischer Kunstwerke.

Es war der vergnügliche Abend letztlich eine Schule des Misstrauens, des ästhetischen und inhaltlichen Mitdenkens; Raad hat uns belogen, und es war gut so.

Vielleicht, sorry, das muss sein, machte er aber auch etwas ganz anderes.

Kurz noch: Jelinek

An der S6, von Wien kommend: Idyllische Wiesenhänge samt grasender Kuh; auf einem Plakat davor, weit weniger idyllisch: "Die Kinder der Toten". Im Mürzer Oberland verfilmt das Nature Theater of Oklahoma Elfriede Jelinkes großes Werk. Der Künstler Marko Lulic platzierte einen Schriftzug in die Gegend: "Sammellager". Man darf gespannt sein.