© REUTERS/Dylan Martinez

Kultur
02/03/2019

Steile These: Der Britpop hat den Brexit mitverursacht

Diskussion auf der Insel über die Folgen von "Cool Britannia". Von Jonas Vogt.

Es ist Samstag, der 27. April 1996. An der Maine Road, dem alten Stadion des Fußballklubs Manchester City, spielt die Band Oasis ihr erstes Stadionkonzert. Es ist ein historischer Abend, nicht nur für die 40.000 Menschen im Publikum. Es ist unter anderem der Abend, an dem Bandleader Noel Gallagher das erste Mal mit seinem späteren Markenzeichen auftreten wird: einer E-Gitarre in den Farben des Union Jack, der Flagge des Vereinigten Königreichs.

Fast 23 Jahre später steht dieses Vereinigte Königreich kurz davor, die Europäische Union zu verlassen.

Während über den genauen Weg noch gestritten wird, wird unter Popkritikern auf der Insel eine steile These diskutiert: Was, wenn der Brexit nicht nur von verantwortungslosen Politikern, Debatten über Einwanderung und Halbwahrheiten verursacht wurde – sondern auch vom Britpop?

Cool Britannia

Britpop“ ist ein Überbegriff, der einer Welle an erfolgreichen britischen Indierockbands der 90er-Jahre gegeben wurde. Wie alle diese Gattungsbegriffe ist er schwammig, eher eine Käseglocke als eine präzise musikalische Definition. Gemeinsam war den Bands, die diese Phase prägten, ein Rückbezug auf die britische Popkultur der vergangenen Jahrzehnte. Die Protagonisten der Britpop-Zeit waren riesig, füllten die Klatschseiten der Boulevardmedien genauso wie Stadien.

Britpop kam zur richtigen Zeit, verband sich auch mit anderen Ereignissen, die eine junge Generation an Briten prägten. Pop-Acts wie die Spice Girls feierten Welt-Erfolge. 1997 wurden die Torys nach 18 Jahren abgewählt, und Tony Blair – jüngster Premierminister seit fast 200 Jahren – kam an die Macht. Blair und seine Spin-Doktoren setzen sich sofort auf dieses Gefühl gelassener nationaler Größe hinauf, für das es auch einen Namen gab: „Cool Britannia“, eine Anspielung auf einen Song der Royal Navy.

Einen Monat nach seinem Wahlsieg feierte der neue Premier sogar mit Promis eine Party unter diesem Namen. Die „Cool Britannia“-Welle verband zwei widersprüchliche Dinge: eine Aufbruchsstimmung, die stark nostalgische Züge hatte.

Die Coverstory des Magazins Vanity Fair zum Phänomen brachte dieses Gefühl mit dem Titel „London Swings! Again!“ auf den Punkt. Das Phänomen spielte dabei stark mit nationalen Symbolen. Nicht nur Noel Gallagher zelebrierte die Flagge. Auch Spice-Girls-Mitglied Geri Halliwell trat bei der Preisverleihung der Brit Awards 1997 in einem glitzernden Union-Jack-Kleid auf, das heute fast ikonischen Status genießt.

Macho-Posen

Genau diese Nostalgie und das Spiel mit nationaler Symbolik machen diese Zeit jetzt in den Augen mancher verdächtig. Im November veröffentlichte Damon Albarn, als Frontmann der Band Blur einer der wichtigsten Protagonisten des Britpop, mit seiner neuen Band das Album „Merrie Land“. Es ist ein Abgesang auf Großbritannien, besingt das Brexit-UK als Wrack.

Daraus hervorgehend entspann sich eine Debatte – vielleicht nicht in den lokalen Pubs, aber zumindest in den Kulturteilen der Zeitungen. Der britische Kulturtheoretiker Jon Savage warf auf Twitter die Frage auf, inwieweit die „kulturelle Selbstzufriedenheit“ der 90er-Jahre den Weg für das „Tory-Desaster Brexit“ geebnet hätte.

Schon ein Jahr zuvor hatte der Journalist John Harris, seit Ewigkeiten ein Chronist des Britpop, einen scharfen Artikel veröffentlicht, wo er die „halbfertige These“ aufstellte, Politiker wie Boris Johnson seien eine unbeabsichtigte Folge von Cool Britannia und seiner Beschwörung eines Großbritanniens, das es „so wahrscheinlich nie gegeben“ habe.

 

Es gibt durchaus Argumente, die für diese These sprechen. Britpop war verbunden mit den Macho-Posen, die man heute auch bei den harten Brexiteers findet, einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Rest der Welt. Oasis demolierten Hotelzimmer, zelebrierten eine Rockstar-Haltung, die demonstrativ nicht an Konsequenzen dachte.

Oasis waren nie eine politische Band, zumindest nicht vordergründig. Noel Gallagher gab 2017 zum Brexit Folgendes zu Protokoll: Er habe nicht gewählt, man hätte die Menschen gar nicht wählen lassen sollen, aber jetzt sollten halt alle mal über das Ergebnis hinwegkommen. Das Wort „fucking“ kam sehr oft vor.

Die These hat aber – höflich ausgedrückt – auch ihre Schwachstellen. Sie krankt an der Neigung von Kulturtheoretikern zur „großen These“: sich einen popkulturellen Aspekt der Vergangenheit herauszupicken, große Kontinuitätslinien zu ziehen und die Gegenwart damit sehr einfach zu erklären. Wer einen Hammer hat, sieht in allem einen Nagel. Sie verträgt sich auch nur so halb mit der Tatsache, dass sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fast die gesamte britische Musik- und Kulturszene für den Verbleib in der EU starkmachte und es teilweise bis heute tut.

Nicht zuletzt spielt die These auch die anderen lang- und kurzfristigen Gründe herunter, die das Ja der Briten zum Austritt beeinflussten. Die EU war auf der Insel nie so beliebt wie in Kontinentaleuropa. Die Themen, welche die Debatten vor dem Referendum bestimmten (allen voran die Personenfreizügigkeit), waren auch schon vor 2016 präsent. Und vor allem verbreiteten britische Politiker Unwahrheiten und versprachen Luftschlösser, während sich die britischen Medien unfähig zeigten, damit adäquat umzugehen.

Es ist schwer, dafür ein über 20 Jahre zurückliegendes kulturelles Phänomen verantwortlich zu machen. „Es war nicht Männermode, die Lügen erzählt hat, es war Boris Johnson“, schrieb der Guardian.

Selbstbespiegelung

Britpop und Cool Britannia haben die Akzeptanz nationaler Symbole erhöht, aber die Geschichte des Brexit ist ohne Zweifel komplizierter. Nicht zuletzt, weil sie aktuell noch immer geschrieben wird. Ein Gegenargument zur steilen Brexit-These sind auch Länder wie Frankreich, wo die Musikszene ebenso stark national geprägt ist und auf Konzerten seit Ewigkeiten die Tricolore geschwenkt wird, ohne dass das die EU-Mitgliedschaft des Landes gefährden würde.

Die Debatte um die Spätfolgen des Britpop trägt auch die Züge einer Selbstbespiegelung, in der sich das schlechte Gewissen offenbart. Der Blick der alternden Popkritiker auf ein Phänomen, dessen Teil sie einmal waren, wandelt sich mit der Zeit. John Harris beendete seinen Text mit der Feststellung, das Jahr 1997 sei eine einzige große Party gewesen. Aber es sei eben wie so oft nach großen Partys: Am nächsten Morgen wache man gelegentlich mit einem Kater auf.

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