© Theater an der Wien/Moritz Schell

Interview
01/16/2022

Stefan Herheim will im Theater an der Wien "Tore zur großen Oper öffnen“

Der norwegische Regisseur Stefan Herheim übernimmt die Leitung des Theaters an der Wien – und spricht hier über seine Pläne.

von Peter Jarolin

Stefan Herheim startet seine Intendanz des Theaters an der Wien nicht dort, sondern im MuseumsQuartier.

KURIER: Herr Herheim, willkommen in Wien. Sie starten Ihre Intendanz gleich mit einer großen Hypothek, denn das Theater an der Wien wird zwei Jahre lang generalsaniert und Sie müssen daher ins Museumsquartier ausweichen ...

Stefan Herheim: Ja, so ist’s, denn das Theater an der Wien ist stark beschädigt und muss substanzieller saniert werden, als zunächst angenommen. Für mich und mein Team bedeutet das, unerwartet viel Zeit in die Planung der Sanierung zu investieren, aber auch in die Infrastruktur, die wir für den Spielbetrieb in der Halle E erschaffen müssen. Ich selbst liebe das Museumsquartier und die als Spielstätte gut bewährte Halle E. Zwar ist sie kein Opernhaus mit entsprechenden technischen Entfaltungsmöglichkeiten, doch haben wir hier die Chance, uns neu aufzustellen und neue Publikumsschichten zu gewinnen. Es war mir sehr wichtig, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten während der Sicherung des historischen Theaters an der Wien. Wenn die Einzigartigkeit im neuen Glanz erstrahlt, werden alle es noch mehr schätzen. Und ich darf zweimal ankommen – erst in und dann an der Wien.

Warum wollten Sie Intendant werden? Warum ausgerechnet in Wien?

Ich sah mich nie als Manager und habe das Angebot, Intendant zu werden bisher immer abgelehnt. Aber da ich als Regisseur ein Bilderstürmer bin, der den ganzen Theaterbetrieb gerne in Anspruch nimmt, ist mein Bedürfnis immer mehr gewachsen, das Erschaffen von guten Rahmenbedingungen selbst in die Hand zu nehmen. Umso mehr kam mir die Doppelrolle als Intendant und Regisseur an einem Stagionebetrieb wie dem des Theater an der Wien entgegen. Denn als Gesamtkunstwerk lebt die Oper von einer Verhältnismäßigkeit, die an vielen Repertoirehäusern zunehmend vernachlässigt wird. Manche Institutionen erscheinen regelrecht kunstfeindlich mangels effizienter Kommunikation auf Augenhöhe und einer klaren Agenda.

Oper auf Dauer in einer Mehrzweckhalle scheint nicht unriskant. Was kann dort stattfinden?

Ungewohnt schönes, wahres und gutes Musiktheater! Zwar haben wir in der Halle E keinen Schnürboden, keine Unterbühne und 200 Sitzplätze weniger als im Theater an der Wien. Dafür gibt es keine Sichtbeschränkungen, der Orchestergraben ist größer und auch die Akustik eignet sich für Werke mit größeren Besetzungen. Daraus wollen wir künstlerisches Kapital schlagen und haben das Programm der ersten beiden Saisonen dieser Spielstätte angepasst.

Werden Sie selbst auch Regie führen?

Selbstverständlich. Ich werde hier zwei Produktionen im Jahr inszenieren und stelle dafür meine freiberufliche Karriere weitgehend ein. Denn als Intendant muss ich dafür Sorge tragen, dass meine Ansprüche allen zu Gute kommen, die am Haus wirken, und dass der Laden immer läuft – auch wenn ich selbst probe.

Wird es ein Ensemble geben?

Nein, denn das widerspräche den Vorteilen des Stagionesystems. Wir setzen aber die Kontinuität mit den Wiener Symphonikern, dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem Arnold Schoenberg Chor und dem Bach Consort Wien verstärkt fort und gehen neue Partnerschaften mit KünstlerInnen und Kollektiven ein, die dem Haus ein starkes Profil verleihen werden.

Was sind Ihre künstlerischen Schwerpunkte?

Ab der Spielzeit 2022/23 wird das Theater an der Wien zum „Musiktheater an der Wien“. Über 400 Jahre hat die Oper eine ungeheure künstlerische Bandbreite hervorgebracht, die wir mit Augenmerk auf die Symbiose zwischen Musik und Theater vom Frühbarock bis heute erforschen werden. Es gilt, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart künstlerisch zu vereinen. Mich interessieren unterschiedliche Lesarten mehr als dramaturgisch fundierte Saisonprogramme, doch werden es einige markante Programmsäulen geben. Eine davon ist das am Theater an der Wien hervorgegangene Genre der Operette, deren Klassiker wir einmal jährlich einer kritischen Prüfung unterziehen wollen.

Wie viele Premieren wird es pro Saison geben?

Auch in der Halle E schaffen wir es, den bisherigen monatlichen Premieren-Rhythmus beizubehalten, da wir u. a. mit den Wiener Festwochen koproduzieren. Und auch in der Kammeroper soll es weiterhin vier Premieren geben, jedoch unter neuen künstlerischen Vorzeichen und nur solange es bautechnisch zulässig ist. Denn auch die Kammeroper bedarf dringend einer Sanierung.

Was heißt das?

Dass wir sowohl um den Erhalt der Spielstätte am Fleischmarkt als um die künstlerische Neuausrichtung der Kammeroper bemüht sind. Eine Erhöhung der Qualität und der Quantität der Veranstaltungen ist mir eine Herzensangelegenheit, doch hat die Investition im Haus an der linken Wienzeile sowie der Spielbetrieb im Museumsquartier momentan Vorrang.

Kinder- und Jugendprojekte ...

Haben – last but not least – höchste Priorität! Wir werden weiterhin in die Bezirke gehen und Leute dort abholen, wo sie sind, müssen aber zugleich die Tore zur großen Oper öffnen. Deswegen wird eine weitere Programmsäule – die Familienoper mit großen Produktionen, die jeweils nur eine Stunde dauert, es aber in sich hat – jeweils 14-mal zur Aufführung kommen. Die erste werde ich selbst inszenieren und freue mich riesig darauf.

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