Kultur
18.11.2017

Star der Woche: EBOW

Mit 22 wurde EBOW schon als neue M.I.A. gefeiert. Aber die Münchnerin mit kurdisch-türkischen Wurzeln ließ sich lieber Zeit, studierte, übersiedelte nach Wien. Jetzt startet sie mit ihrer zweiten CD voll durch. Die "freizeit" traf die Rapperin in ihrem Lieblingscafé im siebten Bezirk.

Ebru Düzgün, 26, Architekturstudentin, Aktivistin, Wahlwienerin – und als EBOW die lässigste deutschsprachige Musikerin der Stunde. Auch weil sie anders ist, nicht in Schablonen passt, sich dem bequemen Schubladendenken widersetzt. Demnächst macht sie an der Wiener TU ihren Master. Statt einem ironischen "Fack ju Göthe"-Klischee zu frönen, fährt sie mit dem Goethe-Institut durch die Türkei und bringt Jugendlichen das Texten bei. Auf deutsch. "Egal was", sagt sie, "Rock, Punk, Pop oder Hip-Hop - hauptsache die Kids lernen, ihre Gefühle auszudrücken. Das beste Mittel gegen Gewalt und Frustration." Außerdem sei der Erwerb einer Fremdsprache der effektivste Weg, um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Auf ihrer aktuellen CD "Komplexität" (die Kritik gib's unten) wechselt sie spielerisch leicht zwischen Migrationsthematik, Zeitgeistkritik und zutiefst Persönlilchem. "Der Vogel und das Meer" ist metaphorisch aufgeladener Liebes-Hip-Hop, wie man ihn leider viel zu selten findet. Poetisch, emotional, persönlich – es muss nicht immer Gangsta sein. „Frauen im Hip-Hop werden oft auf zwei Klischees reduziert. Entweder übersexualisiert, also einem männlichen Blick entsprechend – oder superhart, also die totale Bitch. Ich suche nach anderen Möglichkeiten, mich auszudrücken“, sagt Ebru und nippt an ihrem Tee. Sie hat ihren Weg gefunden. Hat sie dafür fast vier Jahre Auszeit genommen? „Nicht geplant“, sagt sie, „das ist so passiert. Wir hatten Trouble mit dem Release der ersten CD, und wenn du ein Jahr nichts von dir hören lässt, bist du schnell wieder vergessen, egal wie groß der Hype vorher war. Ich hab die Zeit genutzt, meinen Bachelor gemacht und wollte zum Masterstudium unbedingt in eine andere Stadt.“ Warum Wien? Weil hier die Musikszene am besten ist“, sagt Ebru und lächelt unwiderstehlich ...

Echt jetzt? Und wen meint sie da konkret? "Na ja, Bilderbuch natürlich", sagt die Rapperin und lacht. "Da gibt's in ganz Deutschland nichts Vergleichbares. Aber auch die Szene darunter, die jetzt nachrückt, ist unglaublich gut. Mavie Phoenix etwa." Die lässt sich auch nicht auf ein Abziehbild reduzieren. "Genau", sagt Ebru, "oder Princess Nokia in Amerika, die widersetzt sich diesen klassischen Attributen, die man von einer Rapperin erwartet." Aber ganz wie ihre Sister in den USA leitet auch Ebow keinen Hip-Hop-Streichelzoo. Auf Tracks wie "Punani Power" oder "Bad Lan" geht's massiv zur Sache. "Ich kann schon, wenn ich will", sagt sie und lächelt wieder, "ich bin ja in der Szene groß geworden, Battle-Raps inklusive. Da muss man sich auch mal durchsetzen können."

Und immer wieder hört man in ihren Songs präzise eingesetzte orientalische Melodielinien, sie sind quasi das Salz in der Suppe. Zugeständnis an ihre Roots? „Ich bin mit beidem aufgewachsen: MTV mit Tupac oder Run DMC - und türkischen, also orientalischen Songs von Sezen Aksu & Co. Bands wie Baba Zula find ich heute noch großartig. Und natürlich spiegeln sich beide Seiten in meiner Musik wider.“ Ebru nippt nochmal an ihrem Früchtetee, denkt kurz nach. „Eigentlich bin ich ganz froh darüber, dass sich vor vier Jahren diese Pause ergeben hat", sagt sie dann. "Ich wurde von den Medien schnell in ein Eck gedrängt, so die Hip-Hop-Türkin eben. Und damals war ich noch zu jung, um das zu bemerken.“

Aber in Songs wie „Ghetto Rave“ spielt sie doch mit eben diesen Migrationsklischees? „Ja eben, ich spiele damit – selbstbestimmt, zu meinen Bedingungen. Ich bin jetzt 26 und will die Musikerin präsentieren, die ich bin, und nicht einen bestimmten Typ, der mir aufgezwängt wird. In Das Wasser geht’s um die Gefühle, die einen nach dem Ende einer Beziehung beschäftigen, wenn man dem anderen nur das Beste wünscht, aber eigentlich überhaupt nicht so empfindet. Gerade in Social Media-Zeiten, in denen der andere eben auf allen Kanälen präsent bleibt. Das hat nichts mit meinem Türkischsein zu tun, da geht’s einfach um menschliche Gefühle. Was passiert mit uns?“

Apropos "Türkischsein": Spürt sie eine Veränderung der Deutschen oder der Österreicher im Umgang mit ihren türkischstämmigen Mitbürgern? "Die Skepsis ist sicher größer als in den 90ern, als ich noch ein Kind war. Die Angst vor demIslam, das Misstrauen sind gewachsen. Aber ich spüre das weniger auf einer persönlichen Ebene als über die Medien - und die größere Unterstützung ausländerfeindlicher Strömungen durch die Politik." Was man dagegen tun kann? Vielleicht sollte man es einfach mit Ebru Düzgün halten: weitermachen, wachsen, lernen. Interesse statt Hass. "Ich habe noch nie aus dem Gefühl des Hasses heraus einen Song geschrieben", sagt sie, "ich glaube nicht daran, dass daraus etwas Positives entstehen kann."

Und vielleicht könnte man ja mal mit einer Fremdsprache anfangen...