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Kultur
04/04/2021

Roščić und Prohaska im Gespräch: "Was macht ein Fußballer in der Oper?"

Staatsoperndirektor Bogdan Roščić und Ausnahme-Fußballer Herbert Prohaska über ihre Opernleidenschaft.

von Guido Tartarotti

Herbert Prohaska und Bogdan Roščić verbindet mehr, als man glauben würde: Die Liebe zur Oper, zum Tennis und zur Stadt Rom. Das Gespräch beginnt mit einer fröhlichen Fachsimpelei über die Ewige Stadt und ihre Attraktionen.

Bogdan Roščić: Rom ist natürlich die schönste Stadt der Welt, leider habe ich nie wirklich dort leben können. Ich habe aber immer Ausreden gefunden, warum ich unbedingt lange beruflich hinfahren musste. Du kannst dort 100 Jahre leben und wirst die Stadt immer noch nicht ganz kennen.

Herbert Prohaska: Einmal bekam ich eine Führung durch einen restaurierten Tempel am Forum, am Boden war ein Mosaik, das hat wie neu ausgeschaut. Und dann sagt man mir, das ist 2.000 Jahre alt. Darauf ich: Geh, das hast du gestern da hergelegt!

Herbert Prohaska hat bei Inter Mailand und AS Roma gespielt, zur Oper kam er aber in New York.

Prohaska: Der damalige Staatsoperndirektor Ioan Holender hat mit mir Tennis gespielt, und einmal im Jahr ist der Peter Gelb (Chef der Met; Anm.) gekommen.

Roščić: Da ging es sicher überhaupt nicht kompetitiv zu.

Prohaska: Und er hat zu mir gesagt, wenn du nach New York kommst, musst du dir eine Oper anschauen. Also bin ich hingegangen. Aber unsere Oper hat mehr Stil: Ich hab mit meiner Frau Champagner getrunken, aber die Gläser waren aus Plastik. Und das Glas hat gekostet 25 Dollar!

Es folgt eine Fachdiskussion über Stil, New Yorker Architektur und die Probleme der Met in Covid-Zeiten. Die beiden Herren kennen sich aus.

Herr Roščić, haben Sie einen Bezug zu Fußball?

Roščić: Da, wo ich herkomme, gibt es eine gewisse Arroganz, dass man viele Ballsportarten automatisch gut beherrscht.

Roščić verwendet den Begriff Jugoslawien, er will sich „nicht einteilen lassen“.

Roščić: Ich sage immer, ich bin Sohn eines Dalmatiners und einer Montenegrinerin, die sich im Kosovo kennengelernt haben, und wurde geboren in Belgrad. Da ging es sicher überhaupt nicht kompetitiv zu.

War Ihnen Herbert Prohaska ein Begriff, als Sie hergekommen sind?

Roščić: Na selbstverständlich! Vollkommen neu war für mich dagegen der Skisport. Und dann wurde ich zum größten Franz-Klammer-Fan aller Zeiten, als Zehnjähriger.

Herr Prohaska, Sie haben immer gespielt, als würden Sie tanzen.

Prohaska: Das Tänzerische … na ja, wenn ich heute alte Aufnahmen von mir sehe, muss ich zugeben: Mein Laufstil hat mir nie gefallen.

Roščić: Inwiefern?

Prohaska: Es hat immer ein bisschen komisch ausgeschaut. Viele haben gesagt, es war elegant, mir ist es immer zu steif vorgekommen.

Roščić: Der Fußball wird ja immer athletischer. Hätte ein Spieler Ihres Stils heute noch eine Chance?

Prohaska: Nein. Wir waren damals im Trainingslager im Kraftraum, danach nicht mehr. Als ich dann Trainer war, waren wir einmal in der Woche im Kraftraum. Und heute gehen die jeden Tag. Die Muskeln schauen super aus, aber ich sage immer, die Sehnen wachsen nicht mit.

Roščić: Ich sehe diese Unterschiede beim Basketball. Ein Magic Johnson hätte heute keinen Auftrag mehr. Oder im Tennis: Mein großes Idol ist der Roger Federer. Der ist so ein Superstar, weil die Schönheit und Souveränität der Bewegung über die grunzende Körperlichkeit dominiert. Kein Schlag ist banal! Tennis ist ein wunderbarer Sport, sehr verbreitet in der Opernwelt übrigens.

Die beiden beginnen eine begeisterte Plauderei über Tennis – und über den berüchtigten Ehrgeiz von Ioan Holender.

Prohaska: Zu Holenders Ehrenrettung muss ich sagen: Nach Ihrer Bestellung habe ich ihn befragt. Und ich habe mir erwartet, er wird sagen, na ja, der ehemalige Ö3-Chef, was soll das? Aber er hat gesagt: Ich glaube, das ist gut!

Roščić: Nach meiner Bestellung haben wir einander besser kennengelernt. Er hat 20 Jahre die Staatsoper geleitet und wichtige Sachen für das Haus gemacht. Davor habe ich großen Respekt.

Prohaska: Mein Eindruck ist auch, er hat das super gemacht, aber er wird nicht viele hinterlassen haben, die es bedauern, dass er gegangen ist. Beim Tennis haben wir ihm erst erklären müssen, er ist hier nicht der Operndirektor, sondern der Tennisspieler Holender.

Herbert Prohaska
Am 8. August 1955 geboren, in Floridsdorf aufgewachsen. Spielte für die Austria, für Inter Mailand und für AS Roma. Siebenmal österreichischer Meister, einmal italienischer Meister. War als Spieler bei zwei Weltmeisterschaften (1978, 1982), als Teamchef bei einer (1998).

Bogdan Roščić
Am 18. April  1964 in Belgrad geboren, kam 1974 nach Österreich. War Ressortleiter Medien und Kolumnist beim KURIER, danach Ö3-Chef (baute zum Ärger der Austropop-Szene den Sender zum Formatradio um), Chef der Plattenfirmen Universal Österreich, Deutsche Grammophon, Decca und Sony Classical. Seit 2020 Direktor der Staatsoper.

Die beiden wechseln jetzt thematisch die Sportart. Prohaska erzählt, wie er mit Placido Domingo Fußball gespielt hat – und „dafür sorgen musste“, dass dieser Tore schießt, was gar nicht so leicht war.

Prohaska: Ich war schon einmal überrascht, weil der Domingo mit einem Mieder gespielt hat ... Ich habe ihm gesagt, er soll sich einen Meter vors Tor stellen und warten. Die ersten zwei oder drei Mal hat er dann aus einem Meter vorbeigeschossen. Ich hab mir halt gedacht, es ist eine Ehre für mich, mit dem großen Domingo zu spielen … aber am liebsten hätte ich ihn geschimpft.

Herbert Prohaska, Ihre Tochter war hier in der Staatsoper in der Ballettschule?

Prohaska: Sie hat mit sechs Jahren hier angefangen. Und sie hat doppelt so viel trainiert wie ich.

Roščić: Ich bewundere die Disziplin dieser Kinder sehr, sie sind in sehr zartem Alter in Wahrheit schon Spitzenathleten.

Sportler und Kulturleute stehen einander, so heißt es, oft misstrauisch gegenüber. Die einen halten die anderen für arrogant, die anderen die einen für primitiv. Jetzt sehe ich: Das stimmt nicht.

Roščić: Ja, es gibt das Kulturinteresse auch als Lifestyle-Faktor. Und dann braucht man das vielleicht, dass man sagt: Na ja, der geht ins Stadion, aber ich, ich sitz’ in der Oper! Aber gibt es diese Haltung heute wirklich noch? Das wäre ja zum Sterben peinlich.

Prohaska: Ich erinnere mich, die ersten paar Male, die ich in der Oper war, bin ich wirklich in der Pause gefragt worden, was macht ein Fußballer in der Oper? Und ich wusste gar nicht, was soll ich drauf sagen. Sport, Kultur und Musik sind doch die drei Säulen unseres Lebens!

Ihr Vater war Jazzfan?

Prohaska: Ja, ein unglaublicher! Wir hatten zu Hause nur Platten von Jazz und Schlager. Wenn mein Großvater da war, durften wir keinen Jazz spielen. Aber wenn er im Wirtshaus war, haben wir nur Jazz gehört. Mein Vater hatte wirklich im Schlafzimmer den Harry James, eingerahmt über dem Bett. Einmal war mein Vater nicht da, da hat mein Großvater das Bild aufs Klo gehängt.

Roščić: Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter manchmal montenegrinische Volkslieder gesummt hat, das war wunderschön, sehr exotisch. Bei mir hat es ernsthaft begonnen mit den Beatles, aber irgendwann ist Punk passiert und das war es dann.

Der spätere Staatsoperndirektor hat in Linz Gitarre und Bass in Rockbands gespielt, parallel dazu aber auch Musiktheorie und Konzertgitarre gelernt. Die Oper entdeckte er über Schallplatten und durch eine Fernsehübertragung von „Carmen“, die berühmte Zeffirelli-Inszenierung.

Roščić: Carlos Kleiber hat dirigiert. 500 Statisten, kettenrauchende Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik in Sevilla, sodass man die Bühne kaum gesehen hat.

Prohaska: Und da kommen wir wieder zum Fußball: Zeffirelli war fanatischer AS-Roma-Anhänger.

Es entwickelt sich eine Diskussion über das schwierige Genie Carlos Kleiber und Einspringer an der Oper, über Covid-bedingte Einschränkungen von Kultur und Sport und über Sicherheitskonzepte.

Prohaska: Ich verstehe nicht, dass die Oper nicht spielen darf, wenigstens zu einem Drittel besetzt.

Roščić: Die Kulturbranche tut sich auch schwer, das zu verstehen. Es gibt mehrere unabhängige Studien, wonach der sicherste Alltagsort das Theater ist.

Prohaska: In den USA dürfen beim Sport schon wieder Zuschauer dabei sein, in einer gewissen Anzahl.

Roščić: Wir haben beschlossen, wir arbeiten im Lockdown weiter. Alleine im Dezember haben wir sechs Vorstellungen gespielt, für die Kameras eben.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich das Publikum abgewöhnt, hinzugehen?

Roščić: Ich mache mir keine Sorgen, denn das Menschheitsbedürfnis nach Kultur ist nicht umzubringen. Mehr Sorgen macht mir, dass durch Zutrittshindernisse die Schwelle so hoch wird, dass dieses Bedürfnis künstlich verringert wird.

Prohaska: Ich befürchte das nicht. Die Oper wird keinen Opernfreund verlieren, und der Fußball wird keinen Fußballfan verlieren, außer einen Doppelnörgler, der eh immer nur über Fußball geschimpft hat.

Das Schimpfen gehört übrigens auch in der Oper dazu.

Roščić: Jeder amtierende Direktor ist immer der schlechteste der Geschichte. Wen das stört, der hat den Beruf verfehlt.

Prohaska: Auf den Fußballplatz gehen auch die G’scheiten, die zwar nie Fußball gespielt haben, aber alles darüber wissen. In der Oper hab ich auch einmal einen erlebt, der geschrien hat, wie schlecht das alles gesungen war … und ich hab mir nur gedacht: Wieso weißt du das? Du hast vielleicht in der Schule „Hänschen klein“ gesungen!

Roščić: Die Auskennerei ist als Teil der Oper auch ein ewiges Menschheitsbedürfnis. Das muss man einfach sportlich nehmen.

Haben Sie schlechte Kritiken gelesen?

Prohaska: Ich war in der glücklichen Lage, dass ich nicht allzu viele schlechte Kritiken bekommen habe. Gut, ich habe als Teamchef 9:0 verloren in Valencia, da hat sich auf der Kärntner Straße vor mir wie beim Moses das Meer geteilt, alle sind von mir weggegangen.

Was sind eigentlich Ihre Lieblingsopern?

Prohaska: „Der Liebestrank“ von Donizetti. Aber ich habe keine Oper gesehen, die mir nicht gefallen hätte. Wagner muss es nicht sein, denn so lange kann ich nicht sitzen.

Roščić: Es ist immer die Oper, an der wir gerade arbeiten. Jetzt ist es „Parsifal“, Wagners letztes Werk. Man taucht in den Proben so tief in das Universum einer Oper ein, dass man völlig davon verschluckt wird.

Und Ihre aktuellen Lieblingsfußballer?

Roščić: Da muss ich ganz klar sagen: Messi. Diese Intelligenz, diese Bescheidenheit, diese fast grantige Ernsthaftigkeit! Mein ältester Sohn verehrt Ronaldo, das ist natürlich ein schwerer Fehler, den nur seine Jugend entschuldigt.

Prohaska: Bravo! Für mich ist der Messi wie der Federer, und der Ronaldo ist der Nadal.

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