Wolfgang Koch als Friedrich von Telramund in einer Art Münchener Hofbräuhaus

© APA/WIENER STAATSOPER / MICHAEL

Der Wiener "Lohengrin" passt ...
04/13/2014

Der Wiener "Lohengrin" passt ...

... in eine Reihe von Verirrungen. Buhs für die Regie, Applaus für die meisten Sänger.

von Gert Korentschnig

Eine neue " Lohengrin"-Produktion ist immer problematisch, weil viele Regisseure weder wissen, wie sie mit dem Schwan umgehen sollen, noch, wie der politische Kontext szenisch zu bewältigen ist. Wagner selbst hat ja ideologische Interpretationen geradezu herausgefordert, indem er Ortrud als reaktionäre Figur bezeichnet und auch gemeint hatte, erst durch die reine Elsa zum Revolutionär geworden zu sein.

Barrie Kosky, der 2005 an der Wiener Staatsoper die romantische Oper von Richard Wagner inszenierte, schien vor dieser Frage zu flüchten und zeigte eine Szenerie mit Handymasten und Spielzeugschrott. Ein Flop.

Ratten

In Bayreuth hatte Hans Neuenfels 2010 auf ein Rattenlabor gesetzt und die Massenhysterie um Führerpersönlichkeiten mit Tierversuchen in Verbindung gebracht.

In Hamburg wurde lange Zeit Peter Konwitschnys Interpretation gegeben: mit Kriegsspielen von streitenden Kindern in einem Klassenzimmer der wilhelmischen Zeit – diese (gelungene) Inszenierung war einmal sogar zur jahrgangsbesten gewählt worden.

Und an der Mailänder Scala hatte vor zwei Jahren Claus Guths psychologisierende Interpretation Premiere – mit Fokus auf die Figuren, einem grandiosen Dirigenten (Daniel Barenboim) und phänomenalen Sängern (etwa Jonas Kaufmann als Lohengrin, René Pape als König Heinrich oder Evelyn Herlitzius als Ortrud).

An der Wiener Staatsoper ist nun seit Samstag wieder eine Neuproduktion zu sehen. Aber die Inszenierung von Andreas Homoki, die anschließend auch in Zürich gezeigt wird, ist bestenfalls ein Versuch und von einer ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung meilenweit entfernt.

Szenenfotos der Oper

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Ritter

Homoki siedelt die Geschichte vom Schwanenritter, der kommt, um Elsa zu retten und Brabant in eine bessere Zukunft zu führen, im Wirtshaus an. Alle drei Aufzüge spielen dort, was spätestens beim Brautgemach eine optische Pein ist. Gleich zu Beginn macht er einen Kapitalfehler, indem er das Vorspiel mitinszeniert, den Tod von Elsas Vater und die gescheiterte Hochzeit mit Telramund zeigt. Wenn sich Homoki auch sonst derart auf Inhaltliches konzentriert hätte ...

Vor der Gaststube gibt es einen Vorhang mit zwei Herzen, der sich immer wieder senkt. Darauf steht: "Es gibt ein Glück" (ein Zitat von Elsa). All das wirkt sehr kitschig – wie die gesamte Inszenierung überhaupt auf Klischees abzielt. Eine unzulässige Simplifizierung.

Alle Protagonisten und Choristen tragen in diesem Wirthaus-Mief Tracht, was einer Beleidigung für diese wunderbare Kleidung gleichkommt. Warum wird Tracht immer wieder als Symbol für NS-Ideologie und Führer-anfällige Gesellschaften verwendet? Künstler wie Miguel Herz-Kestranek kämpfen seit Jahren erfolgreich dagegen an. Diese Inszenierung fällt jedoch Jahrzehnte hinter die (auch im Alltag) längst erfolgte Rehabilitierung zurück.

Den Schwan gibt es als Plastiktier. Wenn der Schwanenritter kommt, vollführen die Choristen eine Art Vogerltanz. Dann liegt Lohengrin in einem Nachthemd wie ein Baby auf dem Boden und kann sich kaum bewegen. Sieht so ein strahlender Held aus? Kritische Hinterfragung eines Stoffes ist stets gewünscht, kindische Umkehrung allein aber viel zu wenig.

Im Nachhinein wird auch der Streit zwischen Regisseur, Sänger Klaus Florian Vogt (Lohengrin) und Dirigent Bertrand de Billy noch absurder. De Billy wollte den sogenannten Luftsprung nach der Gralserzählung (ein Strich von etwa vier Minuten) nicht akzeptieren. In diesem sagt etwa Lohengrin zum König: "Dir Reinem ist ein großer Sieg verlieh’n! Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden nimmer siegreich zieh’n!" Bei dieser platten politischen Regie hätte man das problemlos inszenieren können (wenn es Vogt gesungen hätte, was er angeblich auch nicht wollte).

Womit wir beim Protagonisten auf der Bühne wären: Vogt ist ein sehr lyrischer, stimmlich nicht besonders maskuliner Lohengrin. Er hat ein schönes, natürliches Timbre und ist eine Antithese zum Kunstgesang. Er hat alle Spitzentöne, wenn auch nicht sehr heldisch. In zahlreichen Passagen wünscht man sich mehr Kraft.

Camilla Nylund sang die Elsa von Brabant mit starkem Vibrato, ansonsten unauffällig und nicht sonderlich berührend. Michaela Martens ist eine dramatische Ortrud, nicht durchgehend präzise. Günther Groissböck als markanter, profunder Heinrich ist einer der besten, Wolfgang Koch als Friedrich von Telramund der Allerbeste. Er singt hochdramatisch, intensiv, dann wiederum fast lyrisch, stets wortdeutlich. Detlef Roth als Heerrufer fällt stark ab. Exzellent singt der von Thomas Lang einstudierte Chor, der als Masse von Homoki auch gut geführt ist.

Retter

Am Pult des fabelhaften Staatsopernorchesters, das schon den A-Dur-Beginn phänomenal strahlend zelebriert und die musikalischen Antipoden exzellent skizziert, steht Mikko Franck als Einspringer für De Billy, der seinerseits für Christian Thielemann eingesprungen war.

Francks Dirigat ist präzise und voller Engagement, er setzt auf große Dramatik, hat aber auch die Sensibilität für die zarten Momente. Den motivischen Reichtum, vom Grals- bis zum Liebesglückmotiv, vom Königsruf bis zum Versuchungsmotiv, lässt er fein ausbalanciert hören. Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er manches durch allzu viel Kraft überlagert.

Der letzte Wiener "Lohengrin" hat achteinhalb Jahre überlebt. Wie lange wird es wohl dieser schaffen?

KURIER-Wertung:

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