© Moritz Schell

Kultur
06/30/2022

Sommerfestspiele Haag: Ich steh im Wald

Shakespeares "Wie es euch gefällt" in einer herrlichen Neufassung.

von Guido Tartarotti

William Shakespeare zeigt Menschen im Ausnahmezustand – im Zustand der Entgleisung. In seinen Tragödien endet diese Entgleisung üblicherweise mit jeder Menge Todesopfern, in seinen Komödien mit Hochzeiten. (Wo ist der Unterschied, könnte man fragen: Nun, eine Komödie ist eine Tragödie, die den Notausgang gefunden hat.)

In „Wie es euch gefällt“ ist es ein äußerer Ausnahmezustand, der den inneren auslöst: Der böse Bruder des guten Herzogs hat die Macht übernommen, der gute Herzog ist in den Wald geflohen, und er ist nicht der einzige. Bald wimmelt es im Wald von verirrten Menschlein, die nach Kräften mit ihren Ängsten und der Liebe kollidieren.

Spätestens seit Grimms Märchen wissen wir ja: Der Wald ist der ideale Ort, um Ausnahmezustände zu erleben.

Schmäh

Bei den Sommerfestspielen in Haag hat man den Wald ganz allerliebst nachgestellt: Da gibt es jede Menge wildgewordener Topfpflanzen, einen kleinen Fluss, ein Zelt, über allem thront drohend die herzögliche Burg (Bühne: Kaja Dymnicki).

Dymnicki, Alexander Pschill (also das Kernteam des kleinen Wiener Theaters Bronski & Grünberg) und Haag-Intendant Christian Dolezal haben eine großartig funktionierende Textfassung erstellt, dominiert von herrlichem Schmäh, bei dem Abgründiges direkt neben Seichtem platziert wurde.

Ganz wunderbar hat man die Anzüglichkeiten aufgenommen, die Shakespeare selbst so geliebt hat. Auch hier gibt es Frauen, die als Männer verkleidet sind. Da zu Shakespeares Zeiten auch Frauenrollen von Männern gespielt wurden, sind das genau genommen Männer, die Frauen spielen, die Männer spielen. Folglich gibt es herrliche genderfluide Verwirrungen – in Haag muss sich eine Frau nicht einmal entscheiden, ob sie lieber einen Mann oder eine Frau lieben will: Mit einem guten Zeitplan geht beides.

Songs

Das Stück wurde außerdem in Richtung Musical erweitert (Musik: Stefan Lasko und Stefan Galler). So etwas ist immer gefährlich, aber die Songs funktionieren perfekt, außerdem wird sehr gut gesungen.

Intendant Dolezal hat mit merkbar großem Spaß an Slapstick und temporeichen Verwicklungen inszeniert. Miriam Fussenegger, Agnes Hausmann, Josef Ellers, Jakob Semotan, Charlotte Krenz, Tanja Raunig, Dominik Kaschke und Dolezal selbst spielen ebenso vergnügt wie präzise.

Fazit: Großer Jubel für einen Heidenspaß, sogar das Gewitter machte knapp drei Stunden lang Pause.

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