Serien-Nachschub bei Sky Deutschland mit österreichischer Beteiligung

Liv Lisa Fries, Babylon Berlin…
Foto: /Frédéric Batier / X Filme 2017 Zweite Staffel von "Babylon Berlin" gestartet mit Liv Lisa Fries

Die erste deutschsprachige Sky-Serie "Babylon Berlin" funktioniert. Film- und Unterhaltung-Chef Marcus Ammon bilanziert, spricht über die nächsten Projekte und den Start des "Quatsch Comedy Club".

Bei Sky Deutschland ist die zweite Staffel von "Babylon Berlin" gestartet. Der Pay-TV-Konzern meldet mehrere Millionen Zuschauerkontakte seit Start der Co-Produktion mit der ARD Degeto, Beta Film und X Filme am 13. Oktober. Ein Gespräch über Film, Serie und Unterhaltung mit Marcus Ammon, Senior Vice President Fiction und Entertainment bei Sky Deutschland.

KURIER: Was erwartet sich Sky grundsätzlich von "Babylon Berlin"?

Marcus Ammon: In erster Linie erwarten wir eine Verschiebung in der Wahrnehmung von Sky, das zukünftig nicht mehr nur für Sport und hier besonders Fußball steht, sondern auch für ein neues fiktionales Erlebnis. Das ist zwar bereits sehr ausgeprägt vorhanden wegen der Filme und Serien, die wir einkaufen – wir haben Output-Deals mit HBO und Showtime („Twin Peaks“, „Game of Thrones“, „Westworld“). Aber natürlich kann man mit selbst entwickelten und produzierten Serien, bei deren Verwertung man noch mehr Kontrolle hat, ganz andere Akzente setzen. Das gilt nicht zuletzt auch für die Promotion.

"Babylon Berlin" ist auch deshalb ungewöhnlich, weil hier ein Öffentlich-Rechtlicher und ein Pay-TV-Konzern gemeinsame Sache machen. Es gab aber einige Kritik an der ARD, weil sie so ein kommerzielles Projekt mitfinanziert hat?

Wir erachten diese Form der Finanzierung als überaus innovativ, modern und zukunftsgerichtet. Wenn man auf internationalem Niveau produzieren will und das haben wir bei Babylon Berlin getan, dann schafft man das nur schwer im Alleingang. Man bündelt im besten Fall Kräfte und das nicht nur budgetär, sondern auch redaktionell. Ich hoffe, dass es noch mehr solcher Projekte geben wird.

Was hat Sie an dem Stoff interessiert?

Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal von dieser Idee erfahren habe. Das war im Büro von Stefan Arndt von X Filme und Tom Tykwer. Die beiden haben auf großen bunten Plakaten die Idee der Serie skizziert. Ich kannte bis dahin weder die Vorlage noch den Autor, "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher. Das Spannende daran: Es ist eine Geschichte, die in der Weimarer Republik spielt und 1929 losgeht. Über diese Zeit gibt es sehr wenig in Film und Serie. Es ist ein gesellschaftspolitisches Kaleidoskop im Gewand eines Kriminalfilms.

Die Umsetzung hat sich ja über Jahre gezogen. Projekt-Idee-Vorstellung war bereits 2013?

Babylon Berlin Foto: © Frédéric Batier / X Filme Creative Pool Entertainment GmbH / Degeto Film GmbH / Beta Film GmbH / Sky Deutschland GmbH 2017/Frédéric Batier / SKY 'Babylon Berlin' mit Volker Bruch und Karl Markovics Nach dem damals gehörten, war klar, dass ein Projekt dieser Größe nicht alleine zu stemmen ist. Arndt und Tykwer haben auch bei anderen potenziellen Partnern präsentiert, u.a. bei der ARD. Dort hat man ähnlich reagiert – großes Kino fürs Fernsehen weltweit, auch deshalb faszinierend, weil eine deutschsprachige Serie auf diesem Niveau noch nicht produziert wurde. Aber allein ist es nicht zu realisieren. Und so kam es letztlich zur Zusammenarbeit: 2014 wurde die Finanzierung geschlossen und dann gleich an den Drehbüchern gearbeitet, was seine Zeit gedauert hat - es sind 16 Folgen, viele Figuren und Erzählstränge – und dann wurde an fast 200 Tagen gedreht. Und nun ist "Babylon Berlin" auf Sendung.

Das größere Risiko bei dieser Produktion trägt meines Erachtens die ARD, die nicht nur erst Ende 2018 ausstrahlen wird. Es erreichen solche Inhalte und deren Umsetzung oft auch nicht den Mainstream des Fernsehpublikums.

Alle Partner tragen ein gewisses Risiko: wir wussten nicht, ob unser Publikum diese Art der Unterhaltung konsumiert – mittlerweile sind wir nach den ersten Wochen mit den wichtigsten Kennzahlen sehr zufrieden. Der ARD war es aber auch ganz wichtig, ein Ausrufezeichen zu setzen mit etwas, was es in dieser Form aus Deutschland heraus noch nicht gegeben hat. Ich hoffe sehr, dass Babylon Berlin auch für die ARD ein Erfolg in jeder Hinsicht wird. Und Beta hatte die Herausforderung zu bestehen, eine deutschsprachige Serie weltweit zu verkaufen – auch das ist gelungen!

Die Ansage von Sky lautet, dass man acht Serien in den nächsten vier Jahr produzieren will. Derzeit laufen die Arbeiten an Das Boot mit dem österreichischen Regisseur Andreas Prochaska und an der Drama-Serie "Acht Tage“, an der auch Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky beteiligt ist. Demnächst startet der Dreh zu "Der Pass“, bei dem auch die österreichische epo-film dabei ist. Aber von wo soll überhaupt der Nachschub herkommen, wo doch alle möglichen Player nun auch im deutschsprachigen Raum in die Eigenproduktion gehen?

Sky hat zwei Herangehensweisen an dieses Thema: Die eine ist die Koproduktion internationaler Serien, die von unseren Sky-Kollegen in England und in Italien (Anm: Sky betreibt auch in diesen beiden Ländern Pay TV Angebote) produziert werden und an denen wir uns beteiligen. Das Ergebnis sind europäische Co-Produktionen wie "The Young Pope", "Gomorrha“, "Fortitude", "Riviera“, "Tin Star“ oder "Britannia“. Die zweite ist jetzt eben die Produktion lokaler Serien, was wir für die Bewerbung und Vermarktung besser einsetzen können als synchronisierte Inhalte, die in der Wahrnehmung unserer Zuseher ähnlich wirken wie eingekaufte Top-Produktionen. Unsere allererste Aufgabe bestand in den vergangenen Jahren darin, deutschsprachige Autoren und Produzenten auf uns aufmerksam zu machen und unsere Vision zu vermitteln, wie wir anders sein wollen. Viele Autoren haben uns verstanden.

Stefan Ruzowitzky Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Stefan Ruzowitzky Wie kann dieses Anders-Sein geschehen?

Eine Erzählweise, die vielschichtiger und komplexer ist, Figuren, die ambivalenter sind und zwischen Gut und Böse changieren und deshalb nicht festlegbar sind. So etwas kann natürlich sehr spitz sein, gleichzeitig meinen wir, dass unser Sky-Publikum dies als Mehrwert wahrnimmt. Denken Sie an House of Cards, das auch nicht für ein Megapublikum relevant ist, weil es sehr spitz ist – in der ersten Szene wird gleich ein Hund erschossen, was im Free-TV undenkbar wäre. "Acht Tage“, eine Serie, die Ruzowitzky und Michael Krummenacher inszenieren, wird unserer Vorstellung einer kontroversen Pay-Serie gerecht: oft unangepasst, manchmal unbequem, immer spannend, grenzüberschreitend. "Das Boot“ lebt natürlich sehr stark von der Marke. "Der Pass“ lehnt sich an das dänisch-schwedische Erfolgsformat Die Brücke an, spielt aber an der Grenze von Österreich und Bayern. Wir arbeiten da sehr stark mit lokalen Finessen, Traditionen und Bräuchen. Es hat dadurch einen großen Österreich-Bezug, was uns sehr wichtig ist. Die Dreharbeiten beginnen im November.

Groß gemacht hat Sky Deutschland neben Sport exklusive fiktionale Serien und Filme aus den USA. Viele Free-TV-Sender haben aber Probleme mit ihrer US-Ware, die gut, aber oft auf eine sehr spitze Zielgruppe hin produziert ist. Haben Sie diese Schwierigkeiten auch?

Da sind wir in einer komfortableren Situation. Wir haben mit HBO und Showtime Output-Deals. Alles, was aus diesen Häusern kommt, läuft zuerst exklusiv bei Sky. Das sichert uns ein Grundrauschen, das speziell für unsere Zuseher interessant ist. Darüber hinaus kaufen wir selektiv weitere Serien für Sky Atlantic und Sky 1. Wesentlich ist auch, dass sich Sky in der Programmierung unterscheidet: Wir können Serien sehr viel länger und kompakter anbieten als ein Free-TV-Sender. Durch Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket haben wir flexible Streaming-Angebote.

Sky fördert einen Writers Room und beteiligt sich an der Film-Förderung. Warum und wäre auch ein Österreich-Engagement diesbezüglich ein Thema?

Natürlich ist da auch Österreich ein Thema und wir beschäftigen uns damit. In beiden Ländern hat sich die Filmförderung mittlerweile neben Kinofilmen auch spannenden TV-Projekten verschrieben, eine Entwicklung, die wir natürlich sehr begrüßen, spiegelt sie doch das Rezeptionsverhalten des Zuschauers wider.  Beim Writers Room geht es darum, schon früh Autoren kennen zu lernen und sie zu fördern: gute Autoren wachsen nicht auf den Bäumen. Wir wollen kreative Geschichtenerzähler, die uns verstehen und die wissen, wie man horizontal und komplex erzählt frühzeitig kennenlernen. Deshalb beteligen wir uns an solchen Programmen, die oft an Filmhochschulen stattfinden.

Es geht für Sky in dieser Konkurrenzsituation auch darum, mit deutschsprachigen Serien als Marke Unterscheidungsmerkmale auszubilden gegenüber anderen Streaming-Angeboten, die ebenfalls in lokale Produktionen gehen.

Jeder hat seine Annäherung an das Thema und die kann recht unterschiedlich sein: Da kann man sehr Star-getrieben über "Faces" und deren Vermarktung gehen oder man stellt die Geschichte in den Vordergrund – jeder macht es anders und das ist auch gut so. Denn am Ende schafft alles Aufmerksamkeit für das übergeordnete Thema "Pay-TV“, also Bezahlmodelle für besondere Inhalte, die man sonst nicht sehen kann. Und das hilft allen Marktteilnehmern.

Spannend klingt ja auch die Zusammenarbeit mit HBO? Da steht die Serie „Tschernobyl“ an. Wie läuft so eine Zusammenarbeit mit den USA?

Gary Davey, der Programmchef von Sky UK ist, hat diese Kooperation mit HBO aufgesetzt. Die Frage war, wie können wir unsere ausgezeichnete Partnerschaft mit HBO weiter vertiefen. Die Antwort: wir produzieren gemeinsam Serien! "Tschernobyl" ist unser erstes gemeinsames Projekt: ich habe die Drehbücher gelesen, die großartig sind, auch wenn der fiktionale Spielraum limitiert scheint. Auch "Tschernobyl" wird zeigen, was Pay-TV ist und kann: kritisch mit einem Thema umgehen, aber trotzdem unterhaltsam und für ein breites Publikum erzählen. Weil wir in Österreich und Deutschland eine besondere Erinnerung und Wahrnehmung der Geschehnisse von damals heute noch haben, wird das eine großartige Serie auch für diese Märkte werden.

Quatsch Comedy Club ab 16. November nur auf Sky 1 Foto: Sky Deutschland/Thomas Kierok/Sky/Thomas Kierok Sie verantworten neben dem Film auch den Bereich Entertaiment. Sky hat mit Sky 1 dafür einen Sender geschaffen und setzt eigene Unterhaltsproduktionen um wie "Master Chef", "Eine Liga für sich" oder auch den "Quatsch Comedy Club" – warum tun sie das und wie schaut in diesem Bereich die Marschroute aus?

Wir haben durch intensive Marktforschung festgestellt, dass Unterhaltungsformate bei unseren Abonnenten beliebt sind. Sendungen wie "DSDS", "Supermodel", "Let's Dance" usw. werden auch von Sky-Abonnenten konsumiert. Das heißt für uns: Es gibt ein Bedürfnis nach derartiger Unterhaltung, was wir bisher nicht abgedeckt haben. Die Sky-Kollegen in Italien und England betreiben diese Art der TV-Unterhaltung schon seit Jahren sehr erfolgreich. Uns war klar, dass das ein langer Weg wird. Den haben wir nun begonnen: Mit "Master Chef", der weltweit erfolgreichsten Kochshow, Eine Liga für sich – "Buschis Sechserkette", das auch sehr auf unsere Sportkompetenz einzahlt, der Quatsch Comedy Club, den wir ab 16. November ausstrahlen - eine Riesenmarke mit immer noch großer Strahlkraft – er hat ja vor 25 Jahren bei Premiere begonnen: Quatsch is coming home. So gehen wir erste Schritte im Entertainment-Bereich mit dem Ziel, dass das wahrgenommen und geschaut wird. Wir sehen, dass Sky 1 schon heute der stärkste Entertaiment-Sender auf der gesamten Plattform ist.

Könnte diese Reise zu einem Free-TV-Sender führen, wie es ihn in der Sky-Welt ja auch gibt?

Sky Deutschland hat mit Sky-Sport News HD bereits einen Free-TV-Sender, weitere sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant. Das moderne Rezeptionsverhalten verlagert sich immer mehr auf non-lineare Consumption. Wir haben von Anfang an Innovationen und technologischen Fortschritt mit Blick auf Streaming und flexibles Fernsehen unterstützt und haben mit Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand erfolgreiche Angebote gelauncht. Diese Technologien werden wir weiterhin fördern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quatsch Comedy Club ab 16. November nur auf Sky 1 Foto: Sky Deutschland/Thomas Kierok/Sky/Thomas Kierok

(kurier.at) Erstellt am
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