Kultur
05.12.2011

Schmitzer: Von den Lügen der Alten eingeholt

In "Die falsche Witwe" lüftet Ulrike Schmitzer ihr Geheimnis.

Im Büro anrufen und sich krank melden, obwohl man es gar nicht ist. Im Supermarkt mit einem Zwanziger zahlen und der Kassiererin weismachen, dass man ihr einen Hunderter gegeben hat. Nicht immer alles erzählen.

"So einfach ist es also zu lügen. Man verändert nur eine Kleinigkeit und die Wirklichkeit nimmt einen anderen Lauf", heißt es in Ulrike Schmitzers Debüt-Roman. Was aber, wenn das Leben dreier Generationen auf einer Lüge gebaut ist? Der fremde Onkel, der nach dem Krieg bei der Mutter einzieht, eigentlich der Vater ist? Die Großmutter (auch) wegen der staatlichen Hinterbliebenenrente das Dorf, ihre Töchter, die Enkel und sich selbst zum Narren hält? Und erst durch den Tod des stillen Mannes dessen richtiger Name und damit eine brutale Seite - seine NS-Vergangenheit - zu Tage tritt?

In knapper, unsentimentaler Sprache, in Rückblenden und auf Nebenschauplätzen, in der verstaubten Vergangenheit einer Salzburger Familie und in deren Gegenwart forscht die Autorin nach, wie Erinnern und Täuschen zusammenspielen.

Skandal-Geschichte der Entnazifizierung

Offensichtlich gründlich recherchiert sind die Fakten, die mit dem größten österreichischen Entnazifizierungslager Glasenbach bei Salzburg - in der Nähe ist Schmitzer aufgewachsen - zu tun haben. Aber der schmale Band ist weit mehr als ein Beitrag über die verzwickte Lage der Täter und der fragwürdige Umgang mit ihnen nach dem Krieg. Es ist das gelungene Porträt einer gewöhnlichen Familie, eine Skandal-Geschichte, die weiterdenken lässt.

KURIER-Wertung: **** von *****