© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Kritik
09/08/2020

Schmetterlingszauber in der Staatsoper

Erste Premiere der neuen Direktion mit Puccinis „Madama Butterfly“ – ein musikalischer Erfolg mit Philippe Jordan am Pult

von Gert Korentschnig

Die Wiener Staatsoper spielt wieder – allein das ist schon Grund zu großer Freude in Zeiten der Virus-Blockade. Knapp sechs Monate lang gab es keine Aufführung, schon der erste aus dem Orchestergraben erklingende Ton ist daher ein besonderes Ereignis.

Entscheidend ist aber nicht nur, dass sie spielt, sondern wie sie spielt. In dem Wie, da liegt der ganze Unterschied – und was im „Rosenkavalier“ steht, stimmt ja fast immer, auch in diesem Fall.

Also wie? Das ist zumindest in musikalischer Hinsicht als fabelhaft zu bezeichnen.

Der Dirigent

Der neue Direktor Bogdan Roščić hat Philippe Jordan als Musikdirektor engagiert, die Stelle war seit dem Rückzug von Franz Welser-Möst vakant. Jordan dirigierte bei seiner Rückkehr ans Haus und als erste Premiere Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“. Und sorgte damit für Begeisterung unter den knapp 1200 Besuchern. Zahlreiche von ihnen riefen am Ende sogar Bravo, obwohl es im Vorfeld die Bitte gegeben hatte, auf Aerosol-ausstoßende Zustimmung (oder Ablehnung) zu verzichten. Opernliebhaber können durchaus rebellisch sein.

Jordan bildet mit dem famos agierenden Staatsopernorchester erkennbar eine Einheit und er atmet musikalisch mit den Sängerinnen und Sänger. Seine Puccini-Interpretation ist von großer Präzision geprägt, hat viel Kraft und den nötigen Schmelz, aber auch höchst sensible lyrische Passagen. Ob Ritardandi oder Accelerandi – die Damen und Herren im Orchester scheinen stets gerne mitzugehen, bei jedem Tempo und jeder dynamischen Differenzierung. Das macht Vorfreude auf weitere Produktionen mit Jordan, der schon an der Pariser Oper eine enorme Repertoirebreite bewiesen hatte. Dieser Einstand mit einem besonders intensiven Puccini-Abend ist definitiv gelungen.

Die Sänger

Auch die Sängerbesetzung ist erfreulich und zeigt, dass hinter den Kulissen Leute am Werk sind, die ihren Job verstehen. Asmik Grigorian, die sich in den vergangenen Jahren in Salzburg in die international erste Reihe gesungen hatte (als Salome bzw. als Chrysothemis), ist nun zum ersten Mal an der Staatsoper zu hören, als Cio-Cio-San – in einer Rolle, die sie schon mehrfach gesungen hatte. Grigorian ist nicht annähernd so dramatisch wie die meisten ihrer Vorgängerinnen, dafür gelingen die zarten Passagen besonders schön, ihre große Arie „Un bel di vedremo“ gestaltet sie tadellos, allerdings von Husten im Publikum gestört, was in Corona-Zeiten noch bedrohlicher klingt. Mit manchen Spitzentönen hat sie zu kämpfen und trifft auch nicht alle, hoffentlich übernimmt sie sich in Zukunft nicht mit solchen oder ähnlich schwierigen Partien. In ihrer Darstellung ist die Singschauspielerin mitreißend.

Eine echte Entdeckung, zumindest für Wien, ist Freddie De Tommaso als Pinkerton. Er spielt den groben Amerikaner gut und glaubhaft und singt mit klarer Höhe, schönem Timbre und viel Kraft exzellent.

Virginie Verrez ist eine ausgezeichnete Suzuki, Boris Pinkhasovich ein ausdrucksstarker Sharpless, auch Andrea Giovannini als Goro, Stefan Astakhov als Fürst Yamadori, Evgeny Solodovnikov als Onkel Bonze sowie die kleineren Partie sind gut besetzt.

Die Inszenierung

Die Inszenierung basiert auf jener des 2008 verstorbenen Filmregisseurs Anthony Minghella (in Wien von seiner Witwe Carolyn Choa realisiert). Sie bietet vom ersten Moment an beeindruckende Schauerlebnisse und farbenprächtige Tableux. Ein riesiger schräger Spiegel über der Bühne schafft kaleidoskopische Effekte, eine Unmenge an Paravents Räume und die Möglichkeit geheimnisvoller Auftritte und Abgänge.

Minghellas „Butterfly“ ist klug eingesetztes Zaubertheater, in der Personenführung sehr simpel, ästhetisch, jedoch auch ästhetisierend, plakativ und behübschend, effektvoll und knallig. Butterflys Kind ist eine Puppe, die zumindest so liebevoll geführt wird wie die Protagonisten.

Die Inszenierung war zum ersten Mal 2005 an der Londoner English National Opera zu sehen und eröffnete 2006 die Intendanz von Peter Gelb an der New Yorker Metropolitan Opera.

Dass sie 14 Jahre später auch in Wien neue Zeiten einläutet, lässt sich nur im Gesamtkontext erklären. Erstens ersetzt sie die älteste Produktion im Staatsopern-Repertoire (aus dem Jahr 1957) und ist im Vergleich zu dieser ein Baby. Zweitens handelt es sich um den Auftakt einer gröberen Repertoire-Renovierung vermittels Übernahme einiger Erfolgsproduktionen von anderen Häusern, weil der neue Direktor das Missverhältnis zwischen musikalischer und szenischer Qualität an der Staatsoper rasch ausgemacht hat und zu beheben beabsichtigt.

Wenn Oper am Ring künftig wieder stärker zum Gesamtkunstwerk werden soll, ist diese Aufführung mit ihrer Ästhetik, die trotz aller amerikanischen Klischees internationale Relevanz hat, ein vernünftiger Anfang. Es wäre freilich lächerlich, nach nur einer Premiere einen Ausblick auf die kommenden Direktionsjahre zu wagen. Aber zum Start hat die Wiener Staatsoper immerhin ihren Qualitätsanspruch dokumentiert.

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