Kultur
05.12.2011

Schiele-Skizzen in Graz und Wien entdeckt

Joanneum-Restaurator entdeckte unter Schiele-Gemälde Porträtskizzen des Künstlers. Auch in Wien Skizzen entdeckt.

Zwei Porträtskizzen des österreichischen Malers Egon Schiele wurden am Grazer Universalmuseum Joanneum bei der Restaurierung des Schiele-Gemäldes "Stadtende/Häuserbogen III" (1918) entdeckt. Laut dem Entdecker, dem hausinternen Restaurator Paul-Bernhard Eipper, handelt es sich bei einem der Dargestellten um den Kunstsammler Heinrich Benesch.

Als erstes Fachmagazin publiziert kommenden Freitag das deutsche Branchenorgan "Der Kunsthandel" den "wertvollen kunsthistorischen Fund", der zunächst in der "Kleinen Zeitung" vermeldet worden war. Als Ursache für die bei Schiele nicht übliche Übermalung eigener Skizzen nimmt Eipper "eine kriegsbedingte Materialknappheit" an. Eipper arbeitete monatelang an der Restaurierung des Gemäldes, das Schiele in seinem letzten Lebensjahr malte.

Porträt von Heinrich Benesch

"Die Köpfe der Porträtierten sind heute, nach der Änderung des ursprünglichen Hochformates in ein Querformat, links und rechts zu finden", erläuterte der Restaurator am Dienstag im Gespräch mit der APA. Auf der Rückseite des Gemäldes ist eine Skizze eines Mannes mit Schnurrbart sichtbar: Sie wurde schon vorher dokumentiert, aber nicht als "durchgeschlagenes Abbild eines sich auf der Vorderseite noch sichtbaren Porträts", schildert Eipper. Kunsthistoriker sahen offensichtlich bisher zwischen Vorder- und Rückseite des Gemäldes keinen Zusammenhang. "Als Restaurator fallen einem einfach andere Dinge an einem Gemälde auf. Ich sehe nicht nur, was da ist, sondern auch was darunter ist", so der Joanneum-Mitarbeiter.

"Der abgebildete Mann mit Schnurrbart ist der Kunstsammler Heinrich Benesch (1862 - 1947), einer der ersten und wichtigsten Förderer Egon Schieles", hält Eipper im Fachmagazin "Der Kunsthandel" fest. Schiele habe das Porträt "kunstvoll und sehr originell in das jetzige Häuserbild eingearbeitet", urteilt der Restaurator: In die Augen, das Ohr, den Schnurrbart habe er Baumkronen eingelegt, das Revers des Anzuges seien zur Mauer, die Arme zu einer Häuserreihe umgearbeitet worden.

Eine andere, mit weniger verdünnten Farben gemalte Skizze erscheint bei Durchlicht auf der linken Seite des Gemäldes. "Die Identität des Dargestellten ist noch nicht geklärt, jedenfalls ist es ein deutlich jüngerer, bartloser Mann. Möglich ist meines Erachtens, dass Schiele Vorstudien zum Doppelporträt 'Heinrich und Otto Benesch' um 1913 auf dem Malgrund anlegte, auf welchem dann später 'Stadtende/ Häuserbogen III' ausgeführt wurde", vermutet Eipper.

Das Gemälde wird anlässlich der Wiedereröffnung der Neuen Galerie im Joanneumsviertel am 26. November erstmals nach mehreren Jahren wieder zu sehen sein. Die österreichische Fachzeitschrift "Museum Aktuell" kündigt online noch für die August-Ausgabe einen Überblick über die Restaurierungsgeschichte des Gemäldes und eine kunsthistorische Einordnung an.

Auch am Wiener Leopold Museum Skizzen entdeckt

Nicht nur am Grazer Universalmuseum Joanneum, auch am Wiener Leopold Museum sind unter Schiele-Gemälden bisher unbekannte Skizzen entdeckt worden. Bei Röntgenaufnahmen der Gemälde "Die Eremiten" (1912) und "Krumau an der Moldau" (1914) seien kürzlich "Spuren anderer Motive" festgestellt worden, hieß es heute in einer Aussendung des Museums. Derzeit erfolge in Zusammenarbeit mit Restaurator Manfred Siems und Manfred Schreiner von der Akademie der bildenden Künste die wissenschaftliche Dokumentation der Ergebnisse, so Sandra Tretter vom Egon Schiele-Dokumentationszentrum.

Die Übermalung eines Schiele-Gemäldes durch den Künstler selbst sei eine "nicht unbekannte Praxis Schieles, speziell in den letzten Schaffensjahren". Schon 1972 habe Rudolf Leopold in seiner Schiele-Monografie darauf hingewiesen, "dass sich beispielsweise unter einer Häuserlandschaft aus Krumau das als verschollen gegoltene Werk 'Weltwehmut' (1910) befindet", erklärte Managing Director Peter Weinhäupl. Auch auf dem unvollendeten letzten Gemälde Schieles - "Liebespaar" (1918) - könne man mit freiem Auge Übermalungen von Gesichtern und figurativen Darstellungen erkennen.