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Kultur
07/09/2019

Schauspielerin Christiane von Poelnitz: „So was können nur Frauen“

Die Schauspielerin über ihre15 Jahre an der Burg und das Spiel mit Joachim Meyerhoff.

von Thomas Trenkler

Christiane von Poelnitz trat Ende Juni zum letzten Mal in Wien auf – in der letzten Vorstellung von „In Ewigkeit Ameisen“. Denn Martin Kušej, der neue Burgtheater-Direktor, hat ihren Vertrag nicht verlängert. Von Poelnitz, 1971 in Münchberg geboren, übersiedelt nun nach Hamburg. Der KURIER traf die grandiose Nervenschauspielerin, die mit Joachim Meyerhoff zwei Töchter hat, zum Abschiedsinterview.

KURIER: Sie packen gerade. Macht sich schon Wehmut breit?

Christiane von Poelnitz: Das Schöne an solchen Situationen ist, dass man gar keine Zeit zum Nachdenken hat. Zu jammern ist nicht meine Art. Manchmal tu ich mir ein bisschen leid, weil ich mir denk: Ach Mensch, ich hab mich doch so voll angestrengt hier! Und dann wird das nicht gewürdigt … Aber grundsätzlich ist es ein völlig normaler Vorgang, dass ein Engagement nicht verlängert wird. Und das ist auch eine echte Luxussorge. Meiner Familie geht es gut, ich habe Arbeit – und ich werde mich total freuen, wenn der Umzug nach Hamburg gewesen ist.

 

Hätten Sie sich vorstellen können, in Wien alt zu werden?

Vor Wien war ich nie länger als vier, maximal fünf Jahre an einem Theater. Diese Wechsel waren mir immer sehr wichtig. Das galt auch, als ich ans Burgtheater kam. Und nun, als ich meinen Garderobenschrank ausgeräumt habe, wurde mir bewusst, dass ich hier wirklich älter geworden bin. Als ich kam, war ich 32, jetzt bin ich 48. Diese mehr als 15 Jahre sind rasend schnell vergangen.

Aber heimisch wurden Sie nicht?

Mir fällt ein Satz aus der „Winterreise“ ein: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“ Ich habe mich hier immer als freundlich aufgenommener Gast gefühlt. Aber nicht mehr. Das liegt auch daran, dass ich hier nicht wählen durfte. Aber selbst wenn ich hier 30 oder 40 Jahre leben würde, ich würde keine Österreicherin werden. Ich kann nicht verleugnen, dass ich aus Deutschland komme.

Obwohl Sie vorhin ein „Obi“ bestellt haben. Das sagt man nur in Österreich.

„Apfelschorle“ würde niemand verstehen. Was ich echt nicht geschafft habe, einigermaßen gut über die Lippen zu bekommen, ist der andere Ausdruck für „Tüte“. Ich habe immer meine eigenen Tüten mitgebracht – um im Geschäft nicht danach bitten zu müssen.

War Andrea Breth schuld, dass Sie nach Wien kamen? Im April 2004 hatte deren grandiose „Don Carlos“-Inszenierung Premiere, Sie spielten die Prinzessin von Eboli

Nein, Karin Beier. Und dann suchte Andrea Breth jemanden für die Eboli. Daher bin ich bereits drei Monate früher gekommen. Ich spielte damals aber noch in Hamburg am Deutschen Schauspielhaus. Mir wurde bald klar, dass dieses Hin und Her nichts für mich ist. In den 15 Jahren, in denen ich in Wien war, habe ich nirgendwo anders gastiert und so gut wie nie gedreht. Es gibt zwar die Tendenz, möglichst omnipräsent auf jeder Hochzeit die Torte anzuschneiden. Mir hingegen ist es wichtig, auch weil ich zwei Kinder habe, an einem Ort zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir irgendein Applaus in irgendeiner Stadt das Gefühl gibt, das ich habe, wenn ich zu Haus mit meinen Töchtern bin. Ich möchte miterleben, wie sie groß werden. Und wenn man zu viel unterwegs ist, verdient man das Geld ja nur mehr, um die Kinder zu verwalten. Das will ich nicht.

Sie kamen also wegen Karin Beier nach Wien

Und dann kam noch Roland Schimmelpfennigs „Die Frau von früher“ in der Regie von Stephan Müller dazwischen. Im November 2004 hatte „God save America“ von Biljana Srbljanovic Premiere. In der Folge haben wir viele wunderschöne Sachen zusammen gemacht.

Darunter „Kleinbürger“, „Maß für Maß“ und „Das Leben ein Traum“. Seit dem Herbst 2013 ist Karin Beier Intendantin des Deutschen Schauspielhauses.

Wäre ich damals nach Hamburg gegangen, wäre ich nicht Michael Thalheimer begegnet, „Elektra“ und „Die Perser“ in seiner Regie zählen zu meinen liebsten Arbeiten.

Ein anderer sehr wichtiger Regisseur war und ist Jan Bosse.

Ja, mit ihm arbeitete ich bereits am Deutschen Schauspielhaus – und mit ihm gehe ich jetzt ans Thalia Theater. Wir machen „Network“, den Film aus 1976 mit Faye Dunaway und Peter Finch.

Am Deutschen Schauspielhaus war auch Joachim Meyerhoff, der Vater Ihrer beiden Töchter. Er folgte Ihnen ein Jahr später, im Herbst 2005, an die Burg.

Das hat sich zum Glück ergeben.

Und Sie spielten auch gemeinsam, etwa in „Der Gott des Gemetzels“. 2008 kam in der Regie von Jan Bosse „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ heraus. Das war unglaublich heftig.

Die Inszenierung wurde so verrissen, ich aber fand sie ganz toll.

Haben Sie damals einen privaten Beziehungskrieg auf der Bühne ausgetobt?

Wie Elizabeth Taylor und Richard Burton? Nein, natürlich nicht! Wir haben uns damals gut verstanden.

Umgekehrt: Waren Sie so fulminant, weil Sie ein Paar waren?

Wir beide haben eben eine rohe Energie. In „Virginia Woolf“ geht’s ja darum, dass man aufeinander losgeht. Auch wenn wir kein Paar gewesen wären, hätten wir ähnlich miteinander gespielt. Ich würde immer versuchen, die Punkte rauszufinden, mit denen ich den Partner im Spiel auf 180 kriege. Der psychologisch-analytische Aspekt ist generell nicht zu unterschätzen. Man muss so spielen, dass es einfach passiert – ohne dass man sich abspricht. Das Spiel von Joachim und mein Spiel haben sich sehr gut ergänzt. Aber auch wenn wir uns Jahre später, nach der Geburt unserer zweiten Tochter, nicht getrennt hätten, hätten wir aufgehört, miteinander zu spielen. Nach „Viel Lärm um nichts“ und „Virginia Woolf“ ist es irgendwie gut gewesen. Vielleicht auch deshalb, weil wir uns privat weiterhin so gut verstehen.

Es wird auch in Zukunft kein gemeinsames Projekt geben?

Genau. Unsere private Situation ist uns zu wichtig, als dass wir sie auf der Bühne aufs Spiel setzen müssten.

Meyerhoff geht nun nach Berlin an die Schaubühne. Um seiner Familie näher zu sein?

Es ist eine Verabredung von uns, dass wir trotz der Trennung die Kinder gemeinsam großziehen. Daher ist Berlin gut.

Meyerhoffs Autobiografie „Alle Toten fliegen hoch“ endet, bevor der Erfolg anhebt und sein Held, ein Schauspieler, Vater wird. Er hätte, sagte Meyerhoff, einen Abschnitt in seiner Biografie erreicht, über den er nicht schreiben möchte.

Ich schätze das hoch. Joachim hat eine derartige Fantasie, er kann über alles schreiben. Er braucht die Wiener Zeit nicht dazu.

Sie kamen unter Klaus Bachler, erlebten Aufstieg und Fall von Matthias Hartmann mit, dann folgte Karin Bergmann. Wie beurteilen Sie die Direktionen?

Unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. Mit Klaus Bachler hatte ich eine wunderbare intellektuelle Ebene, ich habe viel von ihm gelernt – über Musik und Literatur. Und damals konnte man als Schauspieler noch ein bisschen merkwürdig sein. Was es früher für Partys gab! Wahnsinn! Die besten Partys waren die in der Requisite – zusammen mit der Technik. Heute geht es vor allem darum, als Schauspieler zu funktionieren. Aber ich weiß nicht, ob das etwas mit der Intendanz zu tun hat. Wohl eher mit der Zeit, die sich verändert hat.

Sie spielten u. a. in Hartmanns „Troja“-Bearbeitung mit. Wie war die Zusammenarbeit?

Natürlich will ich nicht, dass auf der Probe herumgeschrien wird. Man hat anständig und höflich miteinander umzugehen. Aber ich konnte gut mit ihm. Und man konnte ihm die Meinung sagen. Wir hatten einige Streits, dass ich dachte, jetzt schmeißt er mich gleich raus. Aber er war nicht nachtragend. Und er verhielt sich mir gegenüber in der Zeit, die aufgrund der Trennung von Joachim schwer war, sehr akkurat.

War die Entscheidung, ihn im März 2014 nach dem Finanzskandal zu feuern, richtig?

Manche haben sich elegant aus der Affäre gezogen. Diesen Abgang hat er sich nicht verdient und auch Nachtreten muss nicht sein. Karin Bergmann hat nun den Boden bereitet, auf dem die neue Intendanz bald ihre Früchte ernten kann. Das muss ihr erstmal jemand nachmachen! Aber wahrscheinlich können so was auch nur Frauen.