Kultur
28.07.2018

Mavie Hörbiger hat „auf Proben selten so viel Spaß gehabt“

Die Burgtheater-Schauspielerin über ihre Rollen in „Kommt ein Pferd in die Bar“ und „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen

Der Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ des israelischen Autors David Grossman, 2014 veröffentlicht und 2017 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet, ist geradezu prädestiniert für eine Dramatisierung. Denn es geht um den letzten Auftritt, den der ziemlich unsympathische Stand-up-Comedian Dov Grinstein just an seinem 57. Geburtstag gibt. „Es ist die Geschichte einer gescheiterten Theatervorstellung“, sagt Regisseur Dušan David Parízek, der unter anderem am Akademietheater mit „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz für Begeisterung sorgte. Denn Doveles reizt sein Publikum, er zieht über gebotoxte Frauen her und entschuldigt sich tränenreich. Jeder Lacher ist ihm recht. Und so erzählt er auch faule und schlechte Witze – darunter jenen über das Pferd, das in die Bar kommt.

Als er mit einer Frau, die sich an ihn aus Kinder- und Jugendtagen erinnert, konfrontiert wird, ist er nicht mehr imstande, die Show zu beenden. Er beginnt eine Lebensbeichte, erklärt Parízek: „Er möchte nun zum ersten Mal vom Dilemma seiner Existenz berichten, davon, wie er als kleiner Junge für seine Mutter gelebt und sich auf Händen gehend als Alleinunterhalter erfunden hat – um sie selbst, aber auch die übrige Gesellschaft von ihrem Leid abzulenken, von der Erinnerung an Verfolgung und Misshandlungen, aber auch von ihren Selbstvorwürfen, die Schoah überlebt zu haben.“

Doch der Abend ist kein Solo von Samuel Finzi. Denn aus der Comedy-Vorstellung wird, so Parízek im Gespräch mit der APA, ein Dialog – „über intimste menschliche Bereiche, Erfahrungen und Schicksalsschläge“.

Als Zuhörerin Pitz, die den Abend zu kippen bringt, fungiert Mavie Hörbiger. Die Burgtheater-Schauspielerin wirkt auch im „Jedermann“, inszeniert von Michael Sturminger, mit: Als „Werke“.

KURIER: Treten Sie als Zuhörerin Pitz in „Kommt ein Pferd in die Bar“ erst gegen Schluss in Erscheinung? Oder wie geht der Regisseur mit der Figur um?

Mavie Hörbiger: Der Abend wird ähnlich wie im Roman erzählt. Samuel Finzi wird ihn bestreiten, aber ich stehe ihm immer wieder zu Seite. Wie wir es genau machen, verrate ich jetzt noch nicht.

Aber vielleicht können Sie etwas über die Pitz preisgeben?

Pitz wird im Roman irgendwann mal Eurykleia genannt. Sie war die Amme von Odysseus – und sie hat ihn nach der Heimkehr sogleich erkannt. Als Einzige. Das fand ich sehr aufschlussreich. Pitz erkennt und kennt Dov. Sie sagt auch, dass sein Gesicht ihres spiegelt.

Wie kam es, dass man Ihnen die Rolle angeboten hat?

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, warum Dušan Parizek mich besetzt hat. Aber es hat mich riesig gefreut. Ich finde ihn einen genialen Typen.

Was zeichnet ihn denn aus?

Alle seine Arbeiten sind offen und humorvoll. Schauspieler spielen richtig miteinander und haben sichtlich Freude daran. Eine der besten Arbeiten der letzten Jahre am Burgtheater war für mich „Die lächerliche Finsternis“. Danach wusste ich, ich möchte unbedingt mit ihm arbeiten. Jetzt hat es geklappt. Aber auch Samuel Finzi ist genial. Ich habe auf Proben selten so viel Spaß gehabt und gelernt. Er wird den Doveles perfekt spielen. Weil es kaum jemanden gibt, der Tiefe und Humor so verbindet.

Es muss Sie ja zwischen den Proben hin- und hergerissen haben. Denn Sturminger hat drei Wochen lang die „Jedermann“-Inszenierung überarbeitet.

Das nicht. Die Proben mit Michael Sturminger und die Weiterentwicklung der „Jedermann“-Inszenierung vom letzten Jahr waren etwas, worauf wir uns alle gefreut haben. Ich bin Bettina Hering, der Schauspielleiterin, sehr dankbar, dass sie mir ein derart großes Vertrauen geschenkt hat – und ermöglicht, die diesjährigen Festspiele mit zwei Rollen zu prägen.

Sie spielen auch in der Neudichtung durch Ferdinand Schmalz, „jedermann (stirbt)“, die „Guten Werke“. Zufall?

Ferdinand Schmalz hat in seiner Überarbeitung die „Werke“ und den „Mammon“ zusammengelegt, ich spiele beides. Mit Stefan Bachmann habe ich meine allererste Arbeit am Burgtheater – „Lorenzaccio“ – gemacht. Nach zehn Jahren ist er zurückgekehrt, es war ein großer Wunsch von uns beiden, wieder zusammenzuarbeiten. Er ist einer meiner Lieblingsregisseure.

Worin liegen die Unterschiede zum Original?

Von Bert Brecht bis Peter Handke wurde die Neuüberarbeitung vielen angetragen. Keiner hatte den Mut oder die Lust, sich an dieses Theaterheiligtum heranzutrauen. Ferdinand Schmalz hatte den Mut – und herausgekommen ist ein Meisterwerk eines jungen Autors. Der Text ist wunderbar, aktuell und lustig, mit großartigen Ideen wie der, die Figuren der Buhlschaft und des Todes zusammenzulegen. Der Teufel ist die Gesellschaft. Der Text ist „tiaf“, lakonisch und schnell. Ich kann nur jedem anraten, sich das in Bachmanns Inszenierung anzuschauen!

Sie sind seit zehn Jahren am Burgtheater. Martin Kušej, Direktor ab Herbst 2019, scheint einen größeren Umbau vornehmen zu wollen. Die Aufregung ist daher groß. Werden Sie bleiben? Oder dürfen Sie bleiben?

Ja, ich bleibe. Ich freue mich sehr auf Martin Kušej als Regisseur und Direktor. Er hat im Vorfeld bereits gesagt, dass er eine ganz klare politische Position beziehen und daraus auch keinen Hehl machen wird. Dass grade eine Institution wie das Nationaltheater, auch wenn es auf Subventionen angewiesen ist, eine klare und kritische Haltung braucht, ist gerade jetzt unentbehrlich.

Ensemblemitglieder thematisierten zuletzt Übergriffe am Theater. Ist die Sorge berechtigt, dass die friedliche Zeit – unter Karin Bergmann als Direktorin – einem Ende zugeht?

Veränderungen, wie gerade jetzt am Burgtheater, auch drastische, sollten uns als Künstler keine Angst machen. Das Burgtheater ist meine Heimat, deswegen werde ich auch weiterhin einen kritischen Blick darauf haben, was dort passiert. Die Zeit mit Karin Bergmann war wunderbar und wichtig, ich bin gespannt, wie es weitergeht. Und ich bin froh über die endlich ernsthaft geführte Debatte um Gender und das zu lange geduldete Fehlverhalten im Kulturbetrieb. Ich hoffe, dass sie weitergeführt wird und dass es zu längst überfälligen Veränderungen kommt. Kušej hat zum Beispiel den frappanten Gender-Paygap von Anfang an in den Blick genommen und verspricht eine Reform. Es ist Zeit. thomas trenkler

Info:„Kommt ein Pferd in die Bar“, Premiere am 8. August im Republic, ab 5. September im Akademietheater